Kohfeldt hält sich in der Krise zurück

Werders Gesicht ist abgetaucht

Zuerst ging es in dieser Rückrunde fast nur noch um ihn. Doch nun ist er von der Bildfläche verschwunden. Florian Kohfeldt agiert plötzlich im Hintergrund – und überlässt anderen die große Bühne.
29.03.2020, 10:20
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
Werders Gesicht ist abgetaucht
nordphoto / Engler

Wie schnell sich der Wind doch drehte. Es ist gerade mal drei Wochen her, da gab es rund um Werder Bremen nur noch ein Thema: den Trainer. Florian Kohfeldt bestimmte nicht nur in Bremen, sondern bundesweit viele Schlagzeilen im Sport. Nach all den verlorenen oder nicht gewonnenen Spielen in der Bundesliga wurde heftig diskutiert, ob Werders Sportchef Frank Baumann den Trainer nicht entlassen, vielleicht sogar erlösen müsse. Oder ob es richtig sei, dass der Bremer Traditionsverein aus Überzeugung an seinem Chefcoach festhalte. Die letzten Schlagzeilen gab es nach Baumann Auftritt im ZDF-Sportstudio am 7. März im Anschluss an Werders 2:2 bei Hertha BSC. „Keine Jobgarantie für Kohfeldt“, schrieb auch der WESER-KURIER damals, nachdem Baumann eine gemeinsame Zukunft mit dem Trainer in der Sendung zwar für möglich gehalten, aber keineswegs als sicher erachtet hatte.

Und heute? Durch die Corona-Krise und die Bundesligapause spricht kaum einer mehr von Kohfeldt. Und schon gar nicht mehr darüber, ob er nicht schleunigst durch einen anderen Trainer ersetzt werden müsste angesichts des immer größer gewordenen Abstandes zu einem Nicht-Abstiegsplatz. Was in diesen Krisenzeiten bei Werder auffällt: Es fehlen nicht nur die Fußballspiele und die Trainingseinheiten, es fehlt plötzlich auch das Gesicht, das diesen Verein mehr als zwei Jahre weit über die Bremer Grenzen hinaus geprägt hat. Kohfeldts Gesicht.

Baumann & Co. nun deutlich präsenter

Mit seinem freundlichen Auftreten und seiner exzellenten Rhetorik hatte der Trainer in guten wie in schlechten Zeiten so ziemlich alles bei Werder erklärt. Und zuletzt gab es lange nur schlechte Zeiten. Mit seiner professionellen Außendarstellung war Kohfeldt bei Werder in eine Art Vakuum gestoßen. Wenn man so will, wurde er zum „Mr. Überall“. Er war es, der schon im Sommer die visionären Ausbaupläne für den Kabinentrakt und die Trainingsplätze erläuterte. Auch die notwendigen Veränderungen für das Nachwuchs-Leistungszentrum konnte er vorwärts und rückwärts aufsagen. Bei den vielen Verletzten klang er oft wie der Pressesprecher einer Notaufnahme. Und als es schon im Dezember immer düsterer wurde für Bremen im Tabellenkeller, war es Kohfeldt, der bei Werder offiziell den Abstiegskampf ausrief. Jetzt aber, in der Corona-Krise, ist er an vorderster Front nicht mehr zu sehen. Kohfeldt ist bei Werder in den Hintergrund gerückt, während Baumann mit den beiden weiteren Geschäftsführern Klaus Filbry und Hubertus Hess-Grunewald das Krisenmanagement betreibt. Dieses Trio ist jetzt auch in den Medien deutlich präsenter.

Kohfeldt hält sich sehr bewusst zurück. Das wird im Gespräch deutlich, als ihn der WESER-KURIER in seinem Haus in Bremen erreicht und mit ihm über das Trainerleben in Zeiten von Corona redet. Es ist ja nicht so, dass niemand etwas von ihm wissen will. Wenn er wollte, könnte er jeden Tag in einer Zeitung ein Interview geben, in Magazinen oder auch im Fernsehen. Aus ganz Deutschland kommen die Anfragen. Die Medien lechzen gerade nach guten Rhetorikern, die diesen Krisentagen ein zuversichtliches Gesicht geben könnten. Auch Kohfeldt könnte das. Aber er will nicht. Der Mann, der zuletzt jeden schlecht verteidigten Eckball wenn nötig zehnmal erklärte, sieht Fußalltrainer dieser Tage grundsätzlich nicht mehr in einer so öffentlichen Rolle und schließt sich jenen Trainerkollegen an, die sich bedeckt halten. Bei den großen gesellschaftlichen Themen gehört die Bühne gerade den Virologen, Politikern und Medizinern. Kohfeldt hat dazu eine private Meinung, beruflich aber konzentriert er sich auf andere Aufgaben.

Hilfe im Hintergrund

Über die Vereinshomepage gab es von Kohfeldt nur ein paar Sätze und ein Video über die kompliziert gewordene Trainingsarbeit. Aus der Öffentlichkeit hat er sich stark zurückgezogen. Ein wenig muss er selbst darüber schmunzeln, schließlich war ihm zuvor von einigen Seiten vorgeworfen worden, dass er zu viel rede. Das aber lag auch an seiner besonderen Rolle. „Florian ist bei uns viel mehr als ein normaler Cheftrainer“, machte auch Aufsichtsrat Marco Bode stets deutlich, dass Kohfeldts Visionen und sein Antrieb grundsätzlich gewünscht und gefragt seien bei Werder, um den Verein in allen Bereichen weiter zu modernisieren und zukunftsfähig zu machen. Zudem nahm Kohfeldt seine Spieler auch nach schlechten Spielen dadurch in Schutz, dass er sich als zuständiger Cheftrainer erklärend ins Rampenlicht stellte. Also fast immer.

Jetzt ist das Licht aus. Und Kohfeldt hat zumindest etwas Zeit, all das zu analysieren und zu bewerten, was in den Bundesligaspielen passierte und was Werder auf den vorletzten Tabellenplatz abstürzen ließ. Zusätzlich hilft er im Hintergrund mit, Sponsoren und andere Partner des Vereins bei der Stange zu halten. Schon in guten Zeiten hat er sich hier immer für seinen Klub engagiert, in schlechten Zeiten ist es nur logisch, dass er die Geschäftsführung bei all diesen Anstrengungen ebenfalls unterstützt. Und dann muss ja auch noch das erledigt werden, was jeden der 18 Bundesligatrainer in diesen Tagen besonders herausfordert: Es müssen Trainingspläne gestaltet werden, ohne dass man weiß, wann der Spielbetrieb wieder startet. Darüber tauscht sich Kohfeldt mit einigen Trainerkollegen per Smartphone aus, auch mit seinem Trainerstab bei Werder. Wenn er dann noch die fast 30 Spieler seines Kaders abtelefoniert, um auch hier den bestmöglichen Kontakt zu pflegen, „dann ist der Akku des Handy am Ende des Tages mehrfach leer gewesen, bis man mit all den Gesprächen durch war“, erzählt Kohfeldt.

„Ich vermisse den Rasen“

Er weiß, dass das Rampenlicht irgendwann auch für ihn wieder angeht. Dann wird er wieder stärker präsent sein und über den Fußball nach der Corona-Krise reden. Vor allem aber will er dann wieder den Schreibtisch daheim verlassen und rund ums Weserstadion arbeiten. „Ich vermisse natürlich die Arbeit auf dem Rasen, weil das für jeden Fußballtrainer das Schönste ist“, sagt er, „aber wir müssen die Situation jetzt so annehmen, wie sie ist. Die Gesundheit der Bevölkerung ist das Wichtigste.“ Er sagt es, und hat schon wieder den nächsten Spieler in der Leitung. Immerhin aber drehen sich seine Gespräche wieder um Fußball und Training. Und nicht mehr um die Sicherheit seines Jobs im Abstiegskampf. Das ist in seinem Fall der Vorteil, wenn das Rampenlicht mal aus ist und der Wind plötzlich aus einer ganz anderen Richtung kommt.

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