Der Vertrag des Werder-Managers läuft aus

Die heikle Personalie Baumann

Florian Kohfeldt kann sich eine Zukunft bei Werder nur mit Frank Baumann vorstellen. Doch dessen Vertrag läuft aus. Der neue Aufsichtsrat sollte darüber befinden - doch diese Wahl fällt wegen Corona wohl aus.
28.10.2020, 17:55
Lesedauer: 5 Min
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Von Jean-Julien Beer und Christoph Sonnenberg

Wenn Frank Baumann an diesem Donnerstag seinen 45. Geburtstag feiert, gehört ein neuer Vertrag nicht zu den Geschenken. Nach Lage der Dinge würde Werders Sportchef ein solches Präsent aber auch nicht annehmen. Es ist ihm schon unangenehm genug, wenn er nach seinem Vertrag gefragt wird, der am Ende der Saison ausläuft. Wer mit ihm darüber ins Gespräch kommt, der merkt schnell, dass Baumann an einem einwandfreien Verlauf der Dinge stark interessiert ist. Schon seit mehr als einem Jahr wehrt er Nachfragen zu seiner vertraglichen Zukunft bei Werder Bremen immer wieder ab, mal war der Abstiegskampf wichtiger, dann die Corona-Krise.

Doch inzwischen sind es nur noch acht Monate, bis Baumanns Arbeitsvertrag am 30. Juni 2021 endet. „Es gibt auch jetzt wieder wichtigere Themen bei Werder als meinen Vertrag", sagt Werders Sportchef, dessen Weiterbeschäftigung als Geschäftsführer des Bundesligaklubs vom Meinungsbild im Aufsichtsrat abhängig ist.

Und genau hier lauert im Moment das Problem: Auf der Mitgliederversammlung am 16. November sollten die Mandatsträger des Aufsichtsrates im Amt bestätigt oder neu gewählt werden. Doch so, wie sich die Corona-Pandemie entwickelt, wird es diese Versammlung in Bremen wohl nicht geben können. Und das durchkreuzt nun die Pläne des Vereins. Zwar ist man in Werders Aufsichtsrat „grundsätzlich mit der Arbeit von Frank Baumann sehr zufrieden“, betont der Vorsitzende des Gremiums, Marco Bode, der seinen langjährigen Mitspieler Baumann 2016 als Manager an Bord holte. Um nun bei einer Vertragsverlängerung jeden Verdacht der Kumpanei schon im Keim zu ersticken – und so ein Verdacht kommt bei vielen Werderanern ziemlich schnell auf –, sollte die Mitgliederversammlung im November einen sauberen Weg ebnen, auch was Baumanns Zukunft betrifft. Bode erklärt: „Wir haben die Entscheidung getroffen, dass der neu zu wählende Aufsichtsrat die Gespräche über die Vertragsverlängerung aufnehmen sollte.“

Bode sieht sich in der Pflicht

Das wäre durchaus in Baumanns Sinne gewesen, der in den vergangenen Tagen hoffte, dass die Mitgliederversammlung samt Aufsichtsratswahl durchgeführt werden kann. „Über das weitere Vorgehen bezüglich meines Vertrags kann man sich dann in Ruhe Gedanken machen“, so lautet Baumanns Meinung. Doch auch bei ihm wuchsen die Zweifel daran täglich angesichts des Infektionsgeschehens. Sein Dilemma: Er möchte nicht als ein Manager wahrgenommen werden, dessen Vertrag nur deshalb verlängert wird, weil es keine Mitgliederversammlung gab. Er möchte das Vertrauen in seine Arbeit ebenso spüren wie die Überzeugung, dass alle Gremien gemeinsam das Beste für Werder wollen.

Doch nun dürfte es allein schon aus rein logischen Gründen auf eine Vertragsverlängerung mit Baumann hinauslaufen, bevor die Mitgliederversammlung vielleicht im Frühjahr nachgeholt wird, was nach heutigem Stand noch gar nicht seriös vorherzusagen ist. Gewöhnlich möchte kein Bundesligaverein mit einem Manager in die Rückrunde einer Saison gehen, dessen Vertragssituation nicht geklärt ist. Das sieht auch Bode so, wie er dem WESER-KURIER versichert: „Wenn uns wegen Corona keine Mitgliederversammlung in diesem Herbst erlaubt wird und die Versammlung erst wieder fürs Frühjahr geplant werden kann, dann ist der jetzige Aufsichtsrat in der Verpflichtung und wird sich definitiv mit dem Vertrag von Frank Baumann beschäftigen, denn es handelt sich um eine der wichtigsten Personalien bei Werder.“

Die Personalie ist auch deshalb heikel, weil Cheftrainer Florian Kohfeldt mehrmals deutlich machte, dass er sich eine Zukunft bei Werder im Grunde nur mit seinem engen Vertrauten Baumann als Sportchef vorstellen könne. Als Kohfeldt seinen Vertrag im Sommer 2019 vorzeitig bis Juni 2023 verlängerte, setzte er darauf, dass auch Baumanns Arbeitspapier entsprechend verlängert wird. Doch das passierte seither nicht. Und es ist keine Aussage von Kohfeldt bekannt, dass er sich eine weitere Zukunft in Bremen auch ohne einen Sportchef Baumann vorstellen kann.

Baumann wäre durchaus bereit, seinen Vertrag zu verlängern. Doch forcieren will er die Sache jetzt nicht. „Ich habe immer gesagt, dass ich mir grundsätzlich eine weitere Zusammenarbeit sehr gut vorstellen kann“, erklärt er, „und dass ich erst dann gehen möchte, wenn wir viele Dinge für Werder gut auf den Weg gebracht haben. Wir waren in den drei Jahren zuvor bereits auf einem sehr guten Weg, dann kam ein schwieriges Jahr, sportlich, und durch die Coronakrise auch wirtschaftlich.“ Einen dringenden Handlungsdruck im Falle einer abgesagten Mitgliederversammlung sieht er ausdrücklich nicht: „Wir planen die nächste Saison schon seit mehr als einem halben Jahr, das passiert unabhängig von der Laufzeit meines Vertrages. Daran wird sich auch nichts ändern. Für meine Entscheidungen bei Werder spielt es keine Rolle, wie lange mein Vertrag noch läuft. Ich treffe ja auch nicht alleine die Entscheidungen, deshalb sehe ich die ganze Sache weder als ungewöhnlich, noch als problematisch an.“ Er sei in der Sache „ganz entspannt“, versichert er, „ich würde mit der Planung einer neuen Saison doch niemals warten, bis ich einen neuen Vertrag unterschrieben habe.“

Filbry lobt seinen Kollegen

Die Dauer seiner Anstellung dem Vertrag des Trainers anzupassen, hält er nicht für notwendig, denn: „Trotz gültiger Verträge ist es heute doch leider so, dass es bei Trainern, aber auch bei Managern oder Geschäftsführern immer wieder vorzeitige Wechsel gibt. Welche Jahreszahl im Vertrag steht, ist in diesem schnelllebigen Geschäft nicht so entscheidend. Wichtiger ist das Gefühl und die Überzeugung, gemeinsam etwas erreichen zu wollen.“

Diese Überzeugung gab es bei Baumanns Geschäftsführer-Kollegen Klaus Filbry bereits. Doch hier gelang die Umsetzung mehr schlecht als recht. Der Aufsichtsrat verlängerte den Vertrag von Filbry, der im Januar 2010 zu Werder kam und seit 2013 als Vorsitzender der Geschäftsführung wirkt, zwar bereits im November vergangenen Jahres bis 2024. Das wurde aber mehrere Monate geheim gehalten, aus Angst vor schlechter Presse im Abstiegskampf. Als die Boulevardpresse davon erfuhr, wurde Werder für diese Personalie nach allen Regeln der Kunst zerpflückt. Bei Baumann, durch einige Transferentscheidungen der vergangenen Jahre nicht mehr unumstritten, sollen solche Kommunikationsfehler nun vermieden werden.

Filbry wünscht sich eine weitere Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Baumann. „Ich würde mich freuen, wenn der Vertrag verlängert wird“, sagt Filbry und lobt: "Schaue ich auf sein Wirken in den letzten vier Jahren, haben wir zweimal am letzten Spieltag noch um Europa gekämpft. Wir haben Werte entwickelt, viele Strukturen professionalisiert und den Verein in der Corona-Krise auf Kurs gehalten. Er macht einen sehr guten Job.“ Zudem habe Baumann klar formuliert, „dass er noch nicht fertig ist bei Werder. Ich denke, er möchte diesen Weg fortsetzen“, meint Filbry.

Das ist nicht falsch. Aber Baumann ist vorsichtig geworden. Er möchte sich nicht nur deshalb länger an den Verein binden lassen, weil gerade kein neuer Aufsichtsrat gewählt werden kann. Sondern weil der Verein den Weg mit ihm fortsetzen möchte. Baumann will, wie erwähnt, keine Geschenke. Die Kommunikation dürfte in dieser heiklen Personalie deshalb besonders wichtig werden, nach innen wie nach draußen. Dabei wird sich schnell zeigen, ob die Gremien des Vereins aus ihren Fehlern der jüngsten Vergangenheit etwas gelernt haben.

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