Im Mannschaftsbus und kurz vorm Training

Als Kohfeldts Vorgänger Skripnik und Nouri gehen mussten

Zwischen Florian Kohfeldt und seinen Vorgängern Alexander Nouri und Viktor Skripnik gibt es erstaunliche Parallelen - und doch lohnt ein differenzierter Blick, wenn es um ihre Werder-Krisen auf der Bank geht.
26.04.2021, 17:23
Lesedauer: 4 Min
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Von Daniel Cottäus
Als Kohfeldts Vorgänger Skripnik und Nouri gehen mussten

Alexander Nouri (l.) und Viktor Skripnik coachten nacheinander Werder, ehe Florian Kohfeldt das alleinige Kommando übernahm.

Andreas Gumz

Den einen erwischte es damals im Mannschaftsbus, an einem Samstagabend nur wenige Stunden nach dem Abpfiff. Der andere erfuhr die schlechte Nachricht nicht ganz so unmittelbar, sondern erst nach einer unruhigen Nacht an einem frühen Montagmorgen, kurz vor dem Training: Entlassen! In Viktor Skripnik und Alexander Nouri sind bei Werder Bremen seit 2016 bereits zwei ehemalige U23-Trainer gescheitert, denen bei Amtsantritt große Skepsis und später eine noch größere Welle der Begeisterung entgegengebracht worden war - ehe am Ende Fans, Medien und vor allem Verein von ihnen abrückten und es zur Trennung kam. Ein Schicksal, das nun auch Florian Kohfeldt droht, dessen Bundesliga Werde(r)gang erstaunliche Parallelen mit denen seiner Vorgänger aufweist – und doch gänzlich anders bewertet werden muss.

Aktuell spricht vieles dafür, dass Werder die seit Samstagabend andauernde Trainer-Klausur, zu der sich Geschäftsführung und Aufsichtsrat zurückgezogen haben, mit der Beurlaubung des Coaches, der Ultima Ratio des Profi-Fußballs, beenden wird. Sieben Mal in Folge hat Kohfeldt mit der Mannschaft verloren, und vor allem das jüngste 1:3 bei Union Berlin kam einem sportlichen Offenbarungseid gleich, an dessen Ende der Trainer selbst die Vertrauensfrage stellte. Mit einer Antwort darauf tun sich die Gremien des Clubs offenbar sehr schwer. Oder anders ausgedrückt: Mit keinem anderen Trainer in der Vereinsgeschichte war die Geduld größer. Bei Skripnik und Nouri, um bei Kohfeldts direkten Vorgängern zu bleiben, ging es im Herbst 2016 und Herbst 2017 deutlich schneller.

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Ein 1:4 bei Borussia Mönchengladbach markierte am 18. September 2016, am dritten Spieltag der Saison, Werders dritte Bundesliga-Niederlage in Folge. Und weil die Bremer vier Wochen zuvor bereits in der ersten Pokalrunde gegen die Sportfreunde Lotte ausgeschieden waren, stand er zu Buche: der schlechteste Saisonstart in der Vereinsgeschichte, den Skripnik nicht überstehen sollte. In Gladbach hatte der Coach mit einer ungewöhnlichen Aufstellung überrascht, Zlatko Junuzovic etwa als Stürmer aufgeboten, was insgesamt völlig in die Hose ging und im Nachhinein als letzter verzweifelter Versuch gewertet werden musste. Zur Pause führte die Borussia mit 4:0. Auf der Rückfahrt im Mannschaftsbus dann die Entscheidung: Skripnik und seine Co-Trainer Florian Kohfeldt und Torsten Frings müssen mit sofortiger Wirkung gehen.

Nach der Ankunft in Bremen verabschiedete sich das Trio von den Spielern. Für den Chefcoach war es das Ende einer knapp zweijährigen Amtszeit, in der er mit Werder zunächst 10. und dann 13. geworden war, inklusive Abstiegsendspiel gegen Eintracht Frankfurt. Eigentlich hatte Skripnik danach schon im Sommer 2016 gehen sollen, so zumindest der Plan des damaligen Sportchefs Thomas Eichin, der dann allerdings selbst gehen musste und durch Frank Baumann ersetzt wurde. Skripnik, der 2014 als Nachfolger von Robin Dutt bei vielen als Verlegenheitslösung gegolten hatte, dann in den sportlich besseren Phasen dank seiner knurrigen Art und seiner semantisch nicht immer ganz korrekten Deutschkenntnisse aber Kultstatus erlangte („Brust breit, nicht Nase hoch“), bekam von Baumann eine neue Chance - und einen bis 2018 datierten Vertrag. Später gestand der Sportchef ein, dass das Festhalten am Trainer „im Nachhinein ein Fehler“ gewesen sei.

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Skripniks Nachfolger Alexander Nouri sollte nicht ganz so lange im Amt bleiben wie der Mann vor ihm. Nach gut einem Jahr war für ihn am 30. Oktober 2017 schon wieder Schluss, nach einer 0:3-Heimpleite gegen den FC Augsburg am Tag zuvor. Werder war damit auch am zehnten Spieltag der Saison 2017/2018 ohne Sieg geblieben, wartete saisonübergreifend gar seit 13 Spielen auf einen Erfolg, nachdem Nouri das Team in seinem ersten Jahr beinahe – am Ende fehlten nur drei Punkte – zurück ins internationale Geschäft geführt hatte.

Dabei war auch er nach Amtsantritt kritisch beäugt worden, mehr noch als Skripnik. Schon wieder einer aus dem eigenen Stall? Allzu lange dauerte es nicht, und die Fans drückten ihre Begeisterung über den neuen Mann mit dem Hashtag #nouriliebezählt aus. Damit war es im Herbst 2017 aber schon wieder vorbei. Nach dem desaströsen Auftritt gegen Augsburg saßen Werders Geschäftsführung und Aufsichtsrat lange zusammen und fällten eine Entscheidung, die Nouri am nächsten Morgen kurz vor dem Training mitgeteilt wurde.

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In Kohfeldt stieg der dritte U23-Trainer in Folge zu den Profis auf, was erwartungsgemäß für noch einmal größere Skepsis sorgte, die der smarte Coach mit seinem persönlichen Auftreten und vor allem den sportlichen Leistungen seiner Mannschaft rasch verfliegen ließ. Kohfeldts Weg führte steil nach oben, bis hin zur Auszeichnung als Trainer des Jahres 2018. In der Saison 2018/2019 fehlte ihm mit Werder sogar nur ein Punkt bis nach Europa. Dann begann der Niedergang, der dazu führte, dass zur Stunde im Verein über eine mögliche Trennung vom 38-Jährigen debattiert wird.

Dass sich Werder dabei – anders als bei Skripnik und Nouri – verhältnismäßig viel Zeit lässt, ist ein Indiz dafür, wie schwer dem Club ein Rauswurf Kohfeldts fällt. Immerhin war ihm zugetraut worden, nein, man war sich sicher gewesen, dass er eine neue Ära prägen kann. Als sportlich erfolgreicher Trainer. Als Gesicht des Vereins. Als Werders Außenminister, dessen Botschaften verfangen. Ein Gesamtpaket, das in dieser Form weder Skripnik noch Nouri zu bieten hatten.

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