Schlechte Aussichten für die Europa-League Werder zeigt zu wenig Qualität

Bremen. Rein rechnerisch ist es für Werder immer noch möglich, die Europa League zu erreichen. Doch die Aussichten sind nach dem 1:4 von Stuttgart bescheiden. Es liegt nicht nur am Spielplan und den Ausfällen.
15.04.2012, 05:00
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Werder zeigt zu wenig Qualität
Von Olaf Dorow

Bremen. Rein rechnerisch ist es für Werder immer noch möglich, die Europa League zu erreichen. Doch die Aussichten sind nach dem 1:4 von Stuttgart bescheiden. Es liegt nicht nur am Spielplan und den Ausfällen. Es liegt auch daran, wie die von Thomas Schaaf und Klaus Allofs zusammmengestellte Mannschaft Fußball spielt: nicht gut genug, um als aussichtsreicher Kandidat für Europa durchgehen zu können.

Bald wird es nicht mehr so sein, aber diesmal lief noch einmal dieser Nachspann ab, den viele kennen. Tim Wiese kam zu den Reportern, sprach sehr leise und mit Bitternis. Wieder mal war ein Spiel so gelaufen, wie es kein Torhüter der Welt braucht. Der Torwart, der Werder im Sommer verlässt, hatte keinen gröberen Unfug angestellt in Stuttgart. Hatte aber vier Tore hereinbekommen. 50 sind es jetzt schon wieder in dieser Saison. In Stuttgart waren es in den letzten sechs Jahren 24 Stück.

Tim Wiese, kein Freund akademischer Ausschweifungen, hielt sich mit giftigen Worten zurück. Einmal musste er doch loswerden, was einfach zu nahe lag zu sagen. "Es geht mir auf den Sack, wie wir jedes Jahr in Stuttgart auftreten", sagte er. Er hätte keine Ahnung, warum die Elf, obwohl sie 1:0 führte, ängstlich, passiv und verunsichert auftrat und immer mehr auseinanderfiel. Aus Wieses Sicht könnte man sagen: Er ist ja bald erlöst von diesem Schicksal, zu oft schlechter zu sein als der Gegner. Aus Werders Sicht lässt sich das nicht so leicht sagen. Von Werder kommt seit geraumer Zeit nur noch in Ausnahmefällen guter Fußball. Es beschränkt sich da eher auf Absichtsbekundungen, was kommt. "Entscheidend ist, dass wir mittelfristig wieder oben mitspielen können", sagte Manager und Werder-Chef Klaus Allofs nach dem 1:4 von Stuttgart. Man sei "nicht nur auf dieses Ziel fixiert", sagte er, womit das einst zum Saisonziel erklärte Erreichen der Europa League gemeint war.

Europa zu verpassen, wäre "nicht dramatisch". Dann müsse man eben ohne Europa "im Spiel und in der Besetzung der Mannschaft Veränderungen vornehmen". Die Botschaft, die Allofs aussendete, war klar. Sie hieß: Leute, Europa wäre schön, aber Werder muss sparen. Muss einen Umbruch stemmen. Bald gibt es wieder eine schlagkräftige Truppe, bestimmt.

Im Moment sieht es so aus, dass Werder nicht das schafft, was der Kader hergeben sollte. Es sieht so aus, dass ein zweites Jahr in Folge ohne internationales Flair droht. In den letzten 30 Jahren kam das nur einmal vor, in der Post-Rehhagel-Ära, 1996/97 und 1997/98. Wer gerade sein Ziel verfehlt hat, qualifiziert sich nicht automatisch dafür, mit einem Umbruch einen Erfolg zu landen. Die Signale für die nächste Saison sind übersichtlich. Es gibt junge Spieler, die sich vielleicht steigern werden, sowie lauter offene Vertragsfragen.

Der Ist-Zustand ist nicht gut. Er ist auf dem Platz schlechter als in der Tabelle, in der der gestrige Spieltag vorwiegend Werder-freundliche Ergebnisse lieferte. Die Mannschaft spielt bei weitem nicht so, dass man sich angesichts ihres mittelmäßigen Tabellenplatzes verwundert die Augen reiben müsste. Das ist auch nur Mittelmaß-Fußball. Tempo, Torgefahr, Flankenläufe, Kombinationen, starkes Pressing, schnelles Umschalten - all das ist zur Ausnahme geworden. Taktische Variationen, wie die in Stuttgart probierte mit einer doppelten "Sechs" vor der Abwehr und einer einzigen echten Spitze, greifen nicht. Wie Werder in Stuttgart ein Schlüsselspiel im Kampf um Europa herschenkte, erschreckte nicht nur die Beobachter, sondern die Spieler selbst.

"Das war ganz schlecht, wir lassen den Gegner einfach so spielen, stehen immer tiefer und tiefer", sagte Stürmer Markus Rosenberg. "Diese vielen Gegentore bei Ecken, das ist traurig", sagte Verteidiger Naldo. "Das war ein harter Schlag für uns", sagte Kapitän Clemens Fritz. Und Trainer Thomas Schaaf musste feststellen: "Unser Problem war nicht, wenn wir nicht den Ball hatten. Sondern wenn wir den Ball hatten." Es galt mal als Werders große Stärke, mit dem Ball sehr gescheite Dinge anzustellen. Die Stärke ist weg.

Die Zuversicht, Europa doch noch zu erreichen, ist geschrumpft. Marko Marin hatte zuletzt immer noch zu jener Gruppe gehört, für die das Glas eher halbvoll als halbleer war. Nach dem 1:4 zählte er nicht mehr dazu. Hoffnung kommt derzeit mehr von den Ergebnissen der Konkurrenz als von Werder. "Das mit dem Optimismus hat sich geändert", sagte Marin. Es werde jetzt ganz schwer. Um das Ziel nicht stark zu gefährden, "hätten wir hier schon gewinnen müssen". Ähnlich äußerten sich alle befragten Werder-Profis. Dass es sich erledigt habe mit Europa, hat niemand ganz klar ausgesprochen, rein rechnerisch ist noch alles drin bei zwei Punkten Rückstand. Gefühlt sind die Aussichten schlecht.

Gegen den FC Bayern fehlen nun auch noch der Abwehrchef Sokratis und der Kapitän Clemens Fritz, auch an Marins Einsatz ist nicht zu denken (siehe "Werder aktuell"). "Vielleicht gewinnen wir ja gegen die Bayern", hat Tim Wiese in der Nacht von Stuttgart noch gesagt. So, wie er es sagte, klang es stark nach Durchhalte- und gar nicht nach Kampf-Parole. "Die Bayern sind haushoher Favorit", sagte Wiese.

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