Pokalspiel in der Taktik-Analyse

Werder zerlegt Heidenheims Plan

Leichter als erwartet marschiert Werder gegen Heidenheim ins Pokal-Achtelfinale. Trainer Florian Kohfeldt findet die richtigen Antworten im Spiel gegen einen potenziell durchaus unangenehmen Gegner.
31.10.2019, 13:20
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel
Werder zerlegt Heidenheims Plan

Maximilian Eggestein im Zweikampf mit Heidenheims Marnon Busch.

nordphoto

Ein bisschen Rotation musste sein in der Englischen Woche. Werder-Trainer Florian Kohfeldt tauschte im Vergleich zum Spiel in Leverkusen auf vier Positionen: Für den erkrankten Christian Groß rutschte Sebastian Langkamp in die Startelf, dazu ersetzten Michael Lang, Milos Veljkovic und Philipp Bargfrede die Kollegen Theo Gebre Selassie, Ömer Toprak und Nuri Sahin. Werder spielte also mit Jiri Pavlenka im Tor, davor in der Abwehrreihe mit Lang, Veljkovic, Langkamp und Marco Friedl. Bargfrede spielte als Sechser, Davy Klaassen und Maximilian Eggestein auf den Halbpositionen. Leo Bittencourt und Milot Rashica agierten als Flügelangreifer und Joshua Sargent zentral in der Spitze.

Neben den personellen Wechseln wählte Werder gegen den Außenseiter auch eine bedeutend andere Herangehensweise als gegen das „Ballbesitz-Monster“ Leverkusen: Werder spielte von der ersten Minute an druckvoll und aggressiv nach vorne, wollte selbst viel Ballbesitz haben und wieder mehr über sein Positionsspiel kommen als in einigen der vergangenen Begegnungen.

Heidenheim rennt ins Verderben

Heidenheim verfolgte einen anderen, nachvollziehbaren Plan, der in der Theorie und in einigen Ansätzen in den ersten Minuten auch erkennbar, aber eben nicht umsetzbar war und letztlich ins frühe Verderben führte. Im 4-5-1 erwarteten die Gäste ihren Gegner, erst ab der Mittellinie griff das Heidenheimer Pressing. Die Idee war, mit einem Dreierblock im zentralen Mittelfeld und zwei Spielern davor in den Halbräumen die Mitte zu verriegeln und Werder kurz hinter der Mittellinie schon im Aufbau auf die Flügel zu drängen.

Nach Ballgewinnen wollte der FCH anders als andere unterlegene Mannschaften aber nicht einfach relativ plump in die Spitze spielen und auf eine Einzelaktion oder einen zweiten Ball hoffen, um dann aufzurücken. Der Plan war, Werder mit einer kurzen Ablage in deren Gegenpressingsituationen ins Leere laufen zu lassen und dann mit einer schnellen Verlagerung selbst Raum auf der gegenüberliegenden Seite zu finden. Entsprechende Szenen gab es in den ersten Minuten zweimal, beide Male öffnete sich für die Gäste tatsächlich der Raum. Werder war aber gut darauf vorbereitet und hatte schlicht die besseren, weil gedanklich und körperlich schnelleren Einzelspieler.

Die engen, entscheidenden Zweikämpfe holte sich alle Werder und damit auch schnell wieder den Ball zurück. Und den ersten echten Versuch der Gäste, riskant und mit mehreren Spielern nach vorne zu verteidigen, nutzten die Bremer sofort eiskalt aus. An sich hatte Heidenheim an der Mittellinie gegen Klaassen guten Zugriff. Der Ball rutschte aber unglücklich durch und Werder gelang das, was die Gäste unter allen Umständen verhindern wollten: ein schneller Angriff durch das entblößte Zentrum mit einem akkuraten Abschluss von Rashica.

Perfekte Mischung

Der Gegentreffer zeigte vorerst noch keine große Wirkung beim Gast, eher im Gegenteil. Heidenheim rückte im Pressing ein paar Mal höher auf, zeigte aber dabei schon große Lücken, wenn Werder sich rauskombinieren konnte. Das eigentliche Problem des FCH blieben aber die ohnehin schon rar gesäten Momente nach Ballgewinnen. Technische Fehler, vielleicht auch eine Spur zu viel Respekt vor dem Gegner und dem Spielstand, führten immer wieder zu ebenso leichten wie frühen Ballverlusten und torpedierten den an sich vernünftigen Plan, Werder auf der ballfernen Seite zu erwischen.

Stattdessen zogen die Bremer ihr Spiel auf und fanden eine nahezu perfekte Mischung aus Druck und Kontrolle, bei gleichzeitig gnadenloser Effizienz vor dem Tor. Werder spielte ungeheuer variabel: Über rechts flankte Lang auch mal aus dem Halbfeld, während Friedl über die linke Seite deutlich höher eingebunden wurde, selbst sogar den Weg in die Tiefe suchte und über Doppelpässe gefunden wurde. Werder konterte zudem weiter unglaublich präzise.

Nach dem 2:0 durfte Heidenheim mal zwei, drei Minuten den Ball haben, weil Werder aber so scharf im Anlaufen blieb und mit der letzten Linie bis zur Mittellinie aufrückte, hatten die Gäste keinen Meter Raumgewinn und liefen stattdessen eher weiter Gefahr, nach einem Ballverlust den nächsten Konter zu kassieren. Mit dem nächsten, etwas glücklichen Treffer durch Klaassen nach 18 Minuten war die Partie praktisch schon gelaufen. Es war Werders dritter Torschuss, der zum dritten Tor führte.

Auslaufen und Spielpraxis

Heidenheim war in der Folge um mehr Stabilität und Ruhe bemüht und verteidigte tief mit einer Fünfer-, manchmal sogar einer Sechserkette. Frank Schmidts Mannschaft blieb aber defensiv nicht aufmerksam genug. Einer von Friedls Tiefenläufen führte zum vierten Gegentor, als Schnatterer die Innenbahn nicht zumachte und Klaassen beim Zuspiel leichtes Spiel hatte. Trotz des folgenden Elfmetertreffers für die Gäste war das Spiel damit endgültig gelaufen.

Heidenheim stellte in der zweiten Halbzeit einige Dinge um. Sowohl personell mit zwei Wechseln, als auch in der Grundordnung und in der Ausrichtung präsentierte sich zumindest 15 Minuten lang eine andere Mannschaft. Heidenheim agierte nun im gewohnten 4-4-2 und mit einem etwas höheren Anlaufen. Auf der Doppel-Sechs teilten sich Norman Theuerkauf und Niklas Dorsch die Aufgaben besser auf, sodass Dorsch, der in der ersten Halbzeit seine Klasse kaum einmal andeuten konnte, nun mehr Ruhe ins Spiel brachte und als echter Ballverteiler fungierte.

Die Gäste kamen zu zwei kleineren Chancen, ehe dann Werder wieder dominanter wurde, ohne aber den ganz großen Druck der ersten Hälfte zu entwickeln. Stattdessen spulte die Mannschaft ihr Pensum sauber und seriös ab, hatte ab und zu noch Gelegenheiten zu weiteren Tore und konnte in einem besseren Testspiel Yuya Osako ein paar wichtige Einsatzminuten gönnen.

Letztlich spielte sich Werder leichter als wohl gedacht in die nächste Runde. Aus den vielen Versatzstücken der letzten Wochen, als einige Dinge vereinzelt immer wieder gut funktionierten, andere dann aber wieder nicht und sich deshalb kein schlüssiges Gesamtbild ergab, bot die Mannschaft eine auf allen Ebenen starke Leistung. Gegen einen allerdings auch dankbaren Gegner, der Werder zu Beginn des Spiels förmlich zum Toreschießen einlud und von seiner gefürchteten Galligkeit fast gar nichts auf den Platz bringen konnte.

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