Fortunas Vorstand Pfannenstiel im Interview

„Werders Fußball hat mich geprägt“

Vom Weltenbummler zum Manager: Lutz Pfannenstiel war der weltweit erste Profi, der in allen sechs Kontinentalverbänden spielte. In 26 Klubs rund um die Erde! Ein Gespräch über Werder, Düsseldorf und die Welt.
15.08.2019, 08:48
Lesedauer: 6 Min
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Von Jean-Julien Beer

Als weltoffener und sozial engagierter Typ würden Sie perfekt zu einem Verein wie Werder Bremen passen. Warum klappt es mit Ihnen auch im schicken und teuren Düsseldorf so gut, Herr Pfannenstiel?

Lutz Pfannenstiel: Von der Stadt her kann man in Düsseldorf schon dieses Gefühl bekommen, dass vieles schick und teuer ist. Aber die Fortuna ist sehr bodenständig, die Mannschaft genauso – wir sehen uns nicht als Verein aus der Modestadt, sondern eher als einer, der an jedem Wochenende und in jedem Training 100 Prozent gibt. Wir wollen sportlich auf dem Platz mit Mentalität überzeugen. Wir haben hier eher eine rustikale und kampfstarke Mentalitätsmannschaft als dieser Stereotyp, den man oftmals mit Düsseldorf verbindet.

Das passt also zu Ihnen. Wie gefällt Ihnen denn der Job als Sportvorstand in der Bundesliga? Ist es so, wie Sie es erwartet haben?

Es war gut, dass ich nicht aus dem Nichts in diese Position gesprungen bin, sondern schon in Hoffenheim in einer Position direkt darunter gearbeitet hatte. Bei Alexander Rosen konnte ich mir dort einiges abschauen und aufsaugen. Klar habe ich jetzt eine noch verantwortungsvollere Aufgabe bei einem Verein, aber vom Ablauf her ist es ähnlich. Meine Aufgaben sind schon so, wie ich es erwartet habe.

Man kennt Sie natürlich noch als Weltenbummler und als TV-Experte, es fällt schwer, sich Lutz Pfannenstiel mit Anzug am Schreibtisch vorzustellen. Sitzen Sie dort so selten wie nötig?

(lacht) Ich sitze auch nicht immer am Schreibtisch. Der Leopard kann ja schlecht seine Flecken ändern, von daher würde ich mich eher als einen unkonventionellen Sportvorstand bezeichnen. Ich bin zwar viel im Büro, aber trotzdem noch unterwegs. Ich interpretiere meine Rolle etwas anders, als sich viele das vorstellen. Ich kann auch mal einen Anzug anziehen – aber zur Krawatte wird es mit Sicherheit nicht reichen.

Erst Spieler, dann TV-Experte, jetzt Vorstand: Was ist der bessere Job?

Man kann es nur sehr schwer vergleichen. Als Spieler hat man seine Arbeit auf dem Platz gemacht, aber die ganzen Planungen hinter den Kulissen eines Vereins gar nicht so wahrgenommen. Der Job als TV-Experte für war für mich im Nachhinein eine enorme Hilfe, weil es mein Netzwerk vergrößerte und mir einen anderen Blick auf die ganze Geschichte ermöglichte. Heute kann ich mich viel besser in die Medien und einzelne Journalisten wie Sie hinein versetzen. Es ist gerade im Fußball immer sehr gut, wenn man einen klareren Blick hat und versteht, was andere Seiten gerade denken.

Das klingt, als hätten Sie den Fußball gerne journalistisch begleitet.

Das habe ich auch, absolut. Die journalistische Arbeit hat mir immer Spaß gemacht, deshalb mache ich ja auch immer noch ein bisschen was. Aber vor allem hilft es mir tatsächlich: Man geht dann nicht mit Scheuklappen durchs Leben und sagt: Meine Welt ist die, die zählt. Sondern man versucht, den Menschen zu verstehen, der einem gegenüber sitzt. Das macht den Umgang untereinander auch auf der sozialen Schiene besser und einfach ehrlicher. Ich denke, dass es mir auch als Sportchef hilft, die Dinge differenziert zu betrachten – und eben nicht nur in einer Excel-Tabelle mit Zahlen.

Ihr Netzwerk aus der Zeit als Spieler und TV-Experte reicht nun wirklich über die ganze Welt. Wie hilfreich ist das im Alltag als Manager?

Es hilft unwahrscheinlich. Das war schon in meinen acht Jahren in Hoffenheim zu merken. Dieses Netzwerk, überall in der Spieler-, Berater- und Trainerszene seine Kontakte zu haben, hilft vor allem, um sehr schnell an gute und klare Informationen zu kommen. Das ist vielleicht bei den ganz großen Vereinen nicht mehr ganz so wichtig. Aber bei meiner Fortuna, wo wir finanziell andere Voraussetzungen haben als die meisten Klubs in der Bundesliga, da nützt uns das schon, um an Spieler heranzukommen, bei denen man sonst den Kürzeren ziehen würde.

Hatten Sie in Ihrer spannenden Karriere irgendwelche Berührungspunkte mit Werder Bremen?

Immer wieder mal. Ich kenne viele Werderaner ganz gut, Wynton Rufer zum Beispiel, der sich auch bei meinem Charity-Projekt Global United FC immer sehr sozial engagiert. Vergangenen Winter habe ich Jaroslav Drobny aus Bremen geholt und das mit Frank Baumann verhandelt. Bei Werder erinnere ich mich aber vor allem gerne an die grandiose Zeit unter Otto Rehhagel. Damals war ich Teenager und habe diesen sehr attraktiven Fußball und die besondere Atmosphäre im Weserstadion genau verfolgt und genossen, das hat mich damals geprägt. Otto Rehhagel ist für mich eine sehr große Respektsperson im deutschen Fußball und eine Galionsfigur in Bremen, er ist heute manchmal als Trainer bei meinen Charity-Turnieren dabei, was ich einfach großartig finde.

Sie waren Torwart und sind nun Manager. Bei Werder hat es Florian Kohfeldt als einer der ganz wenigen Ex-Torhüter zum Cheftrainer in der Bundesliga gebracht. Warum schaffen es frühere Keeper so selten in diese Führungspositionen?

Ich glaube, dass sich das gerade ändert. Das fing schon mit Michael Preud´homme in Belgien an, der zu einem sehr erfolgreichen Trainer wurde. Der Torhüter wird oft unterschätzt, weil man glaubt: Der sieht das ja nur eindimensional von hinten und ist in die kompletten Fußballabläufe nicht so involviert. Sie haben schon recht: Nur wenige Torhüter arbeiten heute als Sportdirektoren oder als Cheftrainer. Die meisten kommen halt doch wieder als Torwarttrainer zum Vorschein. Das war ja auch mal meine Schiene. Für die FIFA bin ich immer noch Trainer-Ausbilder, war aber auch selber Nationaltrainer und habe mir viele Bereiche im Fußball ansehen dürfen. Für mich war relativ schnell klar, dass ich aufgrund meiner Vita und des Netzwerks als Manager die größte Wirkung haben kann. Es hat mir auch viel Spaß gemacht, Torhüter oder Mannschaften zu trainieren. Aber man sollte für sich selbst eine Position schaffen, wo man glaubt, das Beste erreichen zu können und einem Verein das Beste geben zu können. Das war bei mir Kaderplanung und Scouting, und jetzt eben Sportvorstand.

Reden wir über das Duell am 1. Spieltag. Werder kassierte in der Rückrunde gegen Düsseldorf eine 1:4-Klatsche. Dürfen die Bremer Fans fürs Wochenende auf einen leichteren Gegner hoffen, weil die schnellen Fortuna-Stürmer Raman und Lukebakio inzwischen gewechselt sind?

Nein. Wir haben bei der Einkaufspolitik ganz klar versucht, unseren Fußballstil beizubehalten, weil wir darin die größte Chance sehen, in der Bundesliga bestehen zu können. Das bedeutet eben, über Konter und schnelle Außenspieler den direkten Weg nach vorne zu suchen und so unsere Punkte zu holen. Wir haben zwar diese beiden wichtigen Spieler verloren, die vor allem in der Rückrunde überragend waren. Aber wir haben uns mit Thommy, Tekpetey, Pledl oder Ampomah, der leider verletzt ist, wieder Spieler mit sehr viel Tempo geholt und versucht, die Abgänge gleichwertig zu ersetzen. Das ist natürlich nicht einfach, aber auch Lukebakio oder Raman haben anfangs etwas Zeit gebraucht. Da müssen wir Geduld haben. Wir brauchen uns nicht an unserem 10. Platz aus der vergangenen Saison zu orientieren. Unser Ziel muss es sein, mit einem aggressiven, schnellen und zweikampfstarken Kader so viele Punkte zu holen, dass es für den direkten Klassenerhalt reicht. Also für Platz 15. Wir freuen uns nach einer sehr guten Vorbereitung, dass es jetzt losgeht. Wir hatten gute Ergebnisse gegen viele internationale Testspielgegner, aber das eher mühsame Weiterkommen im Pokal in Villingen hat uns auch gezeigt, dass es noch einiges zu tun gibt. Wir müssen realistisch in die Saison gehen.

Wie stark schätzen Sie Werder ein im ersten Jahr ohne Topscorer Max Kruse?

Auswärts in Bremen zu starten, ist für jede Mannschaft grundsätzlich ein schwerer Auftakt. Klar haben sie mit Kruse einen herausragenden Spieler verloren, trotzdem ist das Gesicht der Mannschaft erhalten geblieben. Werder ist eine sehr eingespielte Mannschaft, die sich mit Ömer Toprak noch einmal verstärkt hat. Mit Florian Kohfeldt haben sie einen Trainer, der es wirklich geschafft hat, eine klare Spielidee zu entwickeln. Das ist sehr gut anzuschauen, was Werder gerade in Heimspielen taktisch abruft. Wir gehen als Außenseiter in dieses Spiel. Aber wir waren auch im vergangenen Jahr immer der Außenseiter und haben aus dieser Rolle wichtige Punkte geholt. So wollen wir es wieder angehen. Die meisten Leute erwarten, dass Werder gegen uns gewinnt. Wir wollen das Spiel so eng wie möglich halten und wenn möglich nicht mit leeren Händen nach Hause zu fahren.

Zum Abschluss eine Frage an den Weltenbummler: Wo ist es auf dieser Erde eigentlich am schönsten? Sagen Sie jetzt nicht, in Düsseldorf…

(lacht) Es gibt ein paar Orte, zu denen ich eine enge Bindung habe. Aber meine zwei Plätze, die für mich unvergesslich bleiben, das sind Vancouver – eine der schönsten Städte der Welt – und Brasilien, wo ich eine tolle und schöne Zeit hatte. Zudem habe ich aber auch eine enge und emotionale Bindung ins südliche Afrika, also Namibia und Südafrika. Diese drei Regionen sind für mich die schönsten. Müsste ich mich auf einen Ort festlegen, würde ich immer Vancouver nehmen. Eine wahnsinnig tolle Stadt mit tollen Menschen. Da zieht es mich auf alle Fälle auch in Zukunft immer mal wieder hin.

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