Ilia Gruev

„Ich will mich nicht mehr hinten anstellen"

Ilia Gruev ist einer der Gewinner in Werders bisheriger Saison in der 2. Liga. Jetzt will der Mittelfeldspieler durchstarten und sich nicht mehr hinten anstellen.
14.10.2021, 18:47
Lesedauer: 4 Min
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Von Björn Knips

Mit der Geduld ist es bei Fußball-Profis so eine Sache. Nur die wenigsten bringen sie auf, wenn es um die eigene Karriere geht. Ilia Gruev ist da anders. Oder besser: Er war anders. Beim SV Werder Bremen wurde seine Geduld auf eine sehr harte Probe gestellt – bis zu diesem Herbst, als Gruev endlich erlöst und zum Startelfspieler bei den Profis wurde. „Auf diese Chance habe ich echt lange gewartet – fast vier Jahre“, sagt der 21-Jährige und erinnert an das Trainingslager 2017 im Zillertal: „Da war ich schon dabei.“ Doch gespielt hat er in den folgenden Jahren nur einige wenige Minuten. Bis Werder abstieg, Trainer Markus Anfang übernahm und sich ein älterer Kollege verletzte. Nun hat Ilia Gruev ein Etappenziel erreicht, aber zufrieden ist er deshalb noch lange nicht: „Ich hoffe, dass es jetzt erst so richtig losgeht für mich.“

Damit meint Gruev aber nicht nur Werder, sondern auch die bulgarische Nationalmannschaft. Seit der U16 spielt er für sein Geburtsland. Aufgewachsen ist er allerdings in Deutschland, weil Papa Ilia Gruev senior dort als Profi spielte. Deswegen hat Gruev junior auch einen deutschen Pass. Spielen will er aber nur für Bulgarien, hat das gerade erst in der EM-Qualifikation für die U21 getan und wird schon als kommender A-Nationalspieler gehandelt. „Mich hat noch keiner kontaktiert“, sagt Gruev zwar, fügt aber sofort selbstbewusst an: „Klar ist es mein Ziel, schnellstmöglich für die A-Nationalmannschaft nominiert zu werden. Ich hoffe, dass es bald passiert.“

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Da hat jemand das Warten offenbar satt. Gruev gilt schon lange als großes Talent. 2015 war er als 15-Jähriger von RW Erfurt an die Weser ins Werder-Internat gewechselt. Nur zwei Jahre später durfte der defensive Mittelfeldspieler bereits mit den Profis ins Trainingslager ins Zillertal reisen. „Im ersten Jahr habe ich schon sechs, sieben Monate gebraucht“, erinnert sich Gruev an ein paar Anpassungsschwierigkeiten, betont aber auch: „Danach wäre ich bereit gewesen. Der Trainer hat mir damals nicht die Chance gegeben. Jetzt ist es anders – und es freut mich, dass es in meiner Hand liegt. Denn man ist schon abhängig von gewissen Personen, man kann sich ja außerhalb des Spielfelds nicht zeigen.“

Den Namen Florian Kohfeldt hat Gruev wohl aus Höflichkeit nicht genannt, bestätigt dann aber, dass er den Ex-Trainer meinte. „Erklärt hat er es mir nicht, das braucht er auch nicht. Er hat mir eben nicht 20, 30 Minuten gegeben. Manchmal ist das so in diesem Geschäft, das nehme ich ihm nicht übel“, sagt Gruev ganz nüchtern. In der vergangenen Saison durfte er immerhin sein Bundesliga-Debüt feiern, was beim 2:0-Sieg gegen den FC Augsburg allerdings nur eine Minute dauerte. Davor und danach kam er noch im DFB-Pokal zum Einsatz – allerdings auch nicht viel länger. Immerhin war es eine Steigerung zur Saison davor, als Gruev fast immer mit den Profis trainiert, es aber nur fünf Mal in den Kader geschafft hatte und dann auch ohne Einsatz geblieben war.

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Unter Markus Anfang und eine Liga tiefer sah es zunächst so aus, als sollte sich Gruevs Wartezeit weiter verlängern. In den ersten fünf Pflichtspielen war er nur Zuschauer. Es folgten zwei Einwechslungen – und dann profitierte Gruev von der frühen Gelb-Rote Karte für Christian Groß im Nordderby gegen den Hamburger SV. „Da wusste ich, das ist meine Chance, jetzt liegt es an mir, jetzt muss ich performen und zeigen, was ich kann“, erinnert sich Gruev und prophezeit: „Wenn mir das gelingt, dann bin ich überzeugt, dass ich hier einen schönen Weg vor mir habe.“

Die ersten Schritte sind ihm gegen den HSV geglückt. Trotz der 0:2-Niederlage durfte sich Gruev ein bisschen als Gewinner fühlen, er hatte eine ordentliche Leistung gezeigt. Der Lohn: das Startelf-Debüt in Dresden – und zwar als alleiniger Sechser, eine große Aufgabe. Werder kassierte eine 0:3-Klatsche. Gruev machte sich schon ein bisschen Sorgen, dass er in die Kritik geraten könnte. Es würden sich gerne solche Positionen wie die des Sechsers rausgesucht, die dann verantwortlich für eine Niederlage seien. „Aber das ist verkehrt“, sagt Gruev: „Es hängt nicht an einer Position.“ Trainer Anfang nahm seinen jungen Spieler schon direkt nach der Partie ihn Schutz, attestierte ihm durchaus nachvollziehbar eine ordentliche Leistung in einem schwierigen Spiel. Viel wichtiger aber noch: Anfang ließ Gruev auch beim 3:0 gegen Heidenheim ran – für den verletzten Groß. Der 32-Jährige wird nach seiner Knieoperation noch ein paar Wochen fehlen. Gruev wünscht dem Kumpel, den er sehr schätzt und neben dem er auch in der Kabine sitzt, eine schnelle Genesung, sagt aber auch: „Ich will mich nicht mehr hinten anstellen, ich will spielen.“

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Dass immer noch behauptet wird, er sei als Sechser zu schmächtig, ärgert ihn schon ein bisschen. „Ein Davy Klaassen war auch nicht der Breiteste und ist trotzdem im Mittelfeld in jeden Zweikampf gegangen und hat sehr viele gewonnen.“ Der zu Ajax Amsterdam gewechselte Ex-Kollege ist schon so etwas wie ein Vorbild für Gruev. Das gilt auch für Nuri Sahin, der inzwischen Trainer bei Antalyaspor in der Türkei ist. „Nuri hat mir auch sehr viel geholfen. Es haben aber ganz viele hier gesagt: ,Bleib‘ dran, bleib‘ dran! Das weiß ich sehr zu schätzen.“

Nach sechs Jahren an der Weser ist Werder zu seiner Heimat geworden – nur einer fehlt ihm: sein Vater. Der war für ein Jahr sein Co-Trainer in Bremen, dann musste der Ex-Profi das Trainerteam von Kohfeldt verlassen, er wurde Scout. „Das fand ich schade“, sagt Gruev und kann gut verstehen, dass der Vater wenig später als Co-Trainer zu Arminia Bielefeld wechselte: „Er wollte einfach wieder auf den Platz.“ Nun coacht der Papa den Sohn ein bisschen aus der Ferne. „Er schaut sich möglichst alle Spiele an, danach sprechen wir ausführlich darüber.“

Die nächste Analyse steht dann nach dem Spiel am Sonntag in Darmstadt an. Geht es nach dem Sohnemann, wird über ein gewonnenes Spiel geredet: „Wir sind in einer sehr guten Form und wollen zeigen, dass wir auch zwei, drei, vier Spiele hintereinander gewinnen können und nicht wackeln.“

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