Nach Derbysieg geht Blick gen Europa Werders Kader könnte in der Europa League bestehen

Nach dem Derbysieg geht Werders Blick gen Europa. Aber wäre Werders Kader schon reif fürs internationale Geschäft? Mit einigen punktuellen Verstärkungen schon, meint WESER-KURIER-Redakteur Andreas Lesch.
21.04.2015, 00:00
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Werders Kader könnte in der Europa League bestehen
Von Andreas Lesch

Am Montag hat Viktor Skripnik die moderne Trainingslehre um eine wirklich wertvolle Idee bereichert. Er hat die Spieler von Werder am Morgen nach ihrem 1:0 über den Hamburger SV nicht zum Auslaufen geschickt und auch nicht zum Ausspannen, sondern: zum Ausgrillen. Skripnik und die Mannschaft haben eine Fahrradtour zu einem Frühstück mit Fleischbeilagen gemacht, und dem Vernehmen nach hat diese Art der Arbeit den Fußballern bestens gefallen. „Es war sehr entspannt, alles locker, Sonnenschein“, berichtete Mittelfeldmann Zlatko Junuzovic. „Schöner kann’s fast nicht sein.“

Schöner kann’s fast nicht sein? Aber sicher kann’s schöner sein! Und zwar dann, wenn Werder seinen siebten Platz bis zum Ende der Saison erfolgreich verteidigt – oder die verbleibenden fünf Spiele sogar dazu nutzt, in der Bundesliga-Tabelle noch ein bisschen höher zu klettern. Wenn Werder es also schafft, sich für die Europa League zu qualifizieren.

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„Wir wollen jetzt das Beste aus dieser Saison rausholen“, sagt Geschäftsführer Thomas Eichin. „Wir brauchen jetzt nicht wieder Angst zu haben, bald sind wir vielleicht wieder drin im Matsch.“ Er wünscht sich, dass die Abwesenheit von Sorgen um den Klassenerhalt nicht zu Larifari-Fußball führt, sondern zum Erfolg: „Jetzt ist einfach Gewinnen angesagt.“ Denn Werder, so betont Eichin, habe jetzt „die einmalige Chance, uns eine richtig gute Tabellensituation zu schaffen“. Er mag den Einzug in die Europa League nicht zum offiziellen Saisonziel zu erklären, er will nicht zu viel versprechen. Aber natürlich stellt sich nun, da die Qualifikation fürs internationale Geschäft von der vagen Möglichkeit zur konkreten Option wird, die Frage: Wäre Werders Kader schon reif fürs internationale Geschäft? Und, wenn nicht: Wie müsste er sich entwickeln, um reif zu sein?

Wer diese Frage beantworten will, muss wissen, dass die Europa League, zumindest in ihren ersten Runden, nicht schwerer zu bespielen ist als die Bundesliga. Es gibt dort wie in Deutschlands Eliteklasse Teams, die HSV-artig herumgurken, es gibt Mittelklasseklubs wie Werder, und es gibt Gegner, die so stark sind wie die Bayern. Insofern ist die Debatte um die Kaderqualität doppelt wichtig. Denn sie muss auch dann geführt werden, wenn Werder international nicht dabei sein sollte, aber trotzdem national vorankommen will.

Tor: Für den Posten zwischen den Pfosten hat Werder in dieser Saison viel probiert – und doch sein Glück noch nicht gefunden. Die vorerst letzte Pointe des Torwart-Theaters ist die, dass der aus Wolfsburg ausgeliehene Koen Casteels nun für die verbleibenden Spiele dieser Saison gesetzt sein dürfte, aber danach wieder weg sein wird. Im Grunde könnte Werder die längst beschlossene Verpflichtung des Frankfurters Felix Wiedwald für den Sommer bald auch offiziell verkünden. Denn Casteels ist von ihr nicht betroffen, er geriete also nicht in Gefahr, durch die Personalie geschwächt zu erscheinen. Auch Raphael Wolf würde durch die Verkündung des Wiedwald-Transfers nicht degradiert wirken; er ist ja jetzt schon Ersatzmann. So oder so wäre eine klare, souveräne Nummer eins mit Strahlkraft wichtig für Werder. Nicht zufällig hat der Klub in seinen besseren Zeiten stets eine gehabt.

Abwehr: In der Außenverteidigung hat Werder rechts Ruhe (durch den grundsoliden Theodor Gebre Selassie) und links eher nicht: Der Argentinier Santiago Garcia ist verletzt und hat sich seinen Hang zum Harakiri-Fußball nach wie vor nicht abgewöhnt; sein junger Rivale Janek Sternberg muss noch viel lernen. Wirklich überzeugt haben bisher beide nicht. Doch dürften bessere Alternativen schwer zu finden sein. Welcher Klub auf der Welt hat schon einen Super-Linksverteidiger übrig und bietet ihn zum Schnäppchenpreis an?

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In der Innenverteidigung bilden Alejandro Galvez und der jetzt verletzte Jannik Vestergaard ein erstklassiges, modernes und auch international absolut konkurrenzfähiges Duo. In Assani Lukimya und dem zurzeit an Hansa Rostock ausgeliehenen Oliver Hüsing haben die Bremer einen erfahrenen und einen hoffnungsvollen Ersatzmann. Sollte Sebastian Prödl seinen Vertrag doch noch verlängern, wäre Werder sogar arg üppig besetzt. Sollte der Klub aber durch den Einzug ins internationale Geschäft mehr Partien zu bestreiten haben als in dieser Saison, könnte er Prödl oder einen Prödl-Nachfolger gut gebrauchen.

Mittelfeld: In der Zentrale vor der Abwehr ist Werder gut besetzt – wenn der dynamische, kraftvolle Philipp Bargfrede fit und in Bestform ist. Weiter vorn hat der Klub, wenn der Alleskönner Fin Bartels ausfällt, ein Kreativproblem. Zwar hat Werder in Levent Aycicek, Levin Öztunali und Özkan Yildirim drei talentierte Zauberlehrlinge, aber keiner von ihnen hat die Mannschaft bisher entscheidend geprägt. Es fehlt eine spielerische Leitfigur, ein Mann, der Halt und Ideen gibt.

Angriff: Klar ist, dass Werder einen überzeugenden Ersatz für den an RB Leipzig verkauften Davie Selke braucht. Noch klarer ist, dass Werder, wenn auch Franco Di Santo gehen sollte, einen sehr, sehr, sehr überzeugenden Ersatz bräuchte. Denn der Argentinier hat, mehr als jeder andere Werder-Spieler, das, was der Klub in der Europa League unzweifelhaft bräuchte: internationale Klasse.

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