Talente im Trainingslager Werders Kapital

Robin Dutt setzt in Jerez den Weg fort, jungen Spielern eine Perspektive zu geben. Zwei von ihnen haben zum Jahresstart ihren ersten Profi-Vertrag erhalten.
15.01.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Werders Kapital
Von Thorsten Waterkamp

Robin Dutt setzt in Jerez den Weg fort, jungen Spielern eine Perspektive zu geben. Zwei von ihnen erhielten zum Jahresstart ihren ersten Profi-Vertrag, ein weiterer beeindruckt mit 18 Jahren bei seiner Trainingspremiere im Bundesligateam. Dutt jedoch will vermeiden, dass die jungen Spieler zu sehr im öffentlichen Fokus stehen – und schottet sie normalerweise ab.

Kürzlich im Mannschaftshotel „Montecastillo“ haben sie mal durchgezählt. Es ging um die Frage, wie viele der Spieler, die in Südspanien dabei sind, die eigenen Nachwuchsmannschaften durchlaufen haben. Auf zehn seien sie gekommen, sagt Robin Dutt stolz. Für Werder ist das eine wichtige Frage, denn die vereinseigene Jugend steht angesichts knapper Kassen hoch im Kurs, sie ist Werders wichtigstes Kapital. Kurz vor dem Abflug nach Jerez bekamen zwei Nachwuchsspieler, die vor Saisonbeginn kaum jemand auf der Rechnung hatte, ihren ersten Profi-Vertrag: Julian von Haacke und Martin Kobylanski. Die beiden 19-Jährigen sind durch ihren neuen Status so etwas wie die Protagonisten einer neuen Bremer Hoffnung.

Der Sprung vom Vertragsspieler zum Profi ist nur, sagt von Haacke, „ein kleiner Schritt“. Verändert habe sich nicht viel, „wir tragen nach dem Training immer noch die Bälle“, ergänzt Kobylanski lachend. Aber er weckt den Ehrgeiz nach mehr, auch bei anderen wie Luca Zander.

Zander? Den Namen findet man bei Werder in der Kaderliste der U23, doch eigentlich darf der 18-Jährige aus Weyhe noch A-Jugend spielen. Zwei Tage vor dem Abflug hatte bei ihm das Telefon geklingelt, Athletiktrainer Reinhard Schnittker war dran und sagte dem Gymnasiasten, er solle mit nach Jerez. „Ich war perplex“, staunt Zander immer noch.

Fritz’ Pech ist Zanders Glück

Sein Glück war das Pech eines anderen: Zander durfte nur mit, weil Dutt durch die Verletzung von Clemens Fritz die Rechtsverteidiger ausgingen. Umso beeindruckender ist, wie selbstverständlich der Ergänzungsspieler im Training auftrat – was ihm gegen NEC Nijmegen prompt eine Einwechslung bescherte. Der Schüler hinterließ einen starken Eindruck, auch bei Dutt. „Es waren gute 45 Minuten, hat der Trainer gesagt“, berichtet Zander.

„Ich bin schon lange nicht mehr überrascht, wenn sich junge Spieler schnell entwickeln“, sagt Dutt beim Blick auf die Leistungen seiner Nachwuchsleute, die allerdings noch lernen müssen. Ob von Haacke, ob Kobylanski, ob Zander: „Jeder hat seinen Bereich, in dem er noch etwas draufpacken muss. Bei dem einen ist es der athletische Bereich, der andere muss noch etwas passsicherer werden, und beim Dritten ist es vielleicht eine taktische Geschichte.“

Robin Dutt spricht eigentlich nicht gern konkret über junge Spieler. Er lässt dann bewusst vieles im Ungefähren, es fallen Sätze wie: „Der ein oder andere rückt näher an die Mannschaft heran.“ Journalisten treffen sogar auf die Vorgabe des Klubs, Nachwuchsspieler gar nicht anzusprechen. Grünes Licht für Interviews gibt es über Wochen, über Monate nicht. Es gilt konsequenter Welpenschutz. „Der junge Spieler muss nicht gleich in den Schlagzeilen stehen“, findet Dutt. Er glaubt, dass es den Spielern oft nicht guttut.

Martin Kobylanski hat erst gestern, vier Monate nach seinem ersten Bundesligaspiel, einer größeren Medienrunde Rede und Antwort gestanden. Julian von Haacke auch, und überraschend durfte auch Luca Zander mitmachen. Die drei plauderten, scherzten und erzählten – zum Beispiel davon, wie aufgeregt Kobylanski in den Stunden vor seinem ersten Bundesligaspiel gewesen war. Zimmerkollege von Haacke amüsiert sich noch heute: „Er hat mich die ganze Zeit vollgetextet.“

Kobylanski, der Sohn des früheren polnischen Bundesliga-Profis Andrzej Kobylanski (Hannover, Cottbus), hat sich schon ein Stück mehr von jenem Traum erfüllt, den alle haben. Andere ehemalige U-Spieler jagen dem Traum bei Werder bislang vergeblich hinterher. Levent Aycicek (19) zum Beispiel. Aycicek ist hoch veranlagt, aber Verletzungen haben ihn immer wieder zurückgeworfen. „Von ihm erwarten wir uns bald den Durchbruch“, sagte Werder-Chef Klaus Filbry im September, kurz nach Kobylanskis Bundesliga-Premiere. Auch Aycicek ist in Jerez dabei, auch er wurde gegen Nijmegen eingewechselt, auch er weckt weiter die Hoffnung, irgendwann bei den Profis weiterhelfen zu können.

Selbstbewusst und realistisch

„Es gibt viele Wege nach oben“, weiß Julian von Haacke, der gebürtige Bremer aus dem Viertel. Manchmal sind es Umwege wie bei Max Kruse, der über die zweite Liga ging und nun, mit 25, Nationalspieler geworden ist. „Es kann aber auch schnell wieder nach unten gehen“, ergänzt von Haacke. Beispiele von Hoffnungsträgern, die es nicht bis ganz nach oben geschafft haben, gibt es genug. Lennart Thy und Florian Trinks beispielsweise hoffen noch auf ihren Durchbruch, jedoch nicht mehr bei Werder. Oder Kevin Schindler: Der Delmenhorster war im Januar 2007 erstmals in Belek mit dabei, verschwand aber rasch aus dem Fokus der Werder-Profis. Heute, mit 25, spielt er beim FC St. Pauli.

Die Jung-Werderaner, die gestern vor die Presse durften, haben ein gesundes Selbstbewusstsein. Aber sie geben sich realistisch. Ob sie so etwas wie einen Karriereplan hätten? „Natürlich hat man eine Vorstellung“, gibt Kobylanski zu, „aber so ein Plan wird bei über 90 Prozent gar nicht aufgehen.“ Zander hält es für sinnvoll, „sich nicht zu viel Druck zu machen. Man muss jeden Tag an sich arbeiten – manchmal reicht’s, manchmal reicht’s nicht“. Und für von Haacke gilt: „Geduldig bleiben. Wir haben den ersten Schritt damit getan, dass wir im Trainingslager dabei sein können. Wir drei und vielleicht auch andere junge Spieler hier sind auf einem guten Weg es zu packen, egal ob mit 18 oder mit 21.“

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