Werder Bremen Werders langer Weg zur Spitzenmannschaft

Bremen. Es ist ein halbes Jahr her, da wäre Werder Bremen fast aus der Bundesliga abgestiegen. Vor diesem Hintergrund ist der aktuelle Tabellenplatz fünf eine gute Leistung. Bis Werder wieder eine Top-Mannschaft ist, wird es aber noch dauern.
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Werders langer Weg zur Spitzenmannschaft
Von Marc Hagedorn

Bremen. Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, da wäre Werder Bremen fast aus der Bundesliga abgestiegen. Vor diesem Hintergrund ist der aktuelle Tabellenplatz fünf eine gute Leistung. Bis Werder wieder eine Top-Mannschaft ist, wird es aber noch dauern. Dafür muss in verschiedenen Bereichen noch etwas passieren. Vier Thesen.

These: Werder hat die Viererkette und die Raute, aber keine taktischen Alternativen.

Als die deutsche Nationalmannschaft kürzlich beim Länderspiel in Kiew mit einer Dreierkette überraschte, kommentierte Frank Wormuth, Chef der DFB-Trainerausbildung und Vertrauter von Bundestrainer Joachim Löw, das Experiment so: "Man braucht ja irgendetwas in der Hinterhand." Werder macht in dieser Saison den Eindruck, als existiere taktisch kein Plan B. Thomas Schaaf setzt ohne Wenn und Aber auf die Raute und die Viererkette, sie waren das Erfolgsmodell über viele, viele Jahre. Ein festes System zu haben, ist wichtig im Profifußball. Die Spieler müssen auf engstem Raum in Hundertstelsekunden Entscheidungen treffen und Pässe spielen, da ist es unerlässlich, dass Lauf- und Passwege automatisiert sind. Bei Werder funktioniert dies in der aktuellen Saison viel besser als noch vor einem halben Jahr.

Die Kehrseite: Werder kann im Moment offenbar nur mit Viererkette und Raute spielen. Dabei hat dieses System zumindest dreimal eklatante Schwächen gezeigt. Immer dann, wenn ein Gegner mit zwei Außenbahnspielern das Flügelspiel forciert und in der Mitte zwei Spitzen lauern, bekommt Werder große Probleme. Das war beim 2:3 in Hannover so, als Pander und Stindl (1 Vorlage) von außen Dampf machten und Schlaudraff (1 Vorlage) und Abdellaoue (alle 3 Tore) im Zentrum wirbelten. Gladbach knackte Werder über die Außen Arango (1 Tor, 1 Vorlage) und Herrmann (1 Tor, 2 Vorlagen) sowie in der Mitte mit Hanke (1 Vorlage) und Reus (3 Tore). Auch am Sonnabend beim 1:4 in München verlor Werder in dem Moment die Ordnung, als der eingewechselte Robben (2 Tore) mit Ribéry (2 Tore, 1 Vorlage) die Flügelzange bildete und Müller (1 Vorlage) zu Gomez (1 Vorlage) ins Zentrum wechselte.

Eine Möglichkeit, gegen Mannschaften zu agieren, die mit einem 4-4-2-System auftreten, wäre eine Dreierkette, wie sie in Italien von Udinese Calcio (Tabellendritter) und dem Champions-League-Teilnehmer SSC Neapel (Fünfter) erfolgreich praktiziert wird. Auch der FC Barcelona weicht unter Trainer Guardiola neuerdings gern auf eine Dreierkette aus. Der FC Liverpool hat sie nach einer Katastrophensaison installiert und damit die wenigsten Tore in der Premier League kassiert. Die Vorzüge einer Dreierkette liegen laut DFB-Chefausbilder Wormuth darin, dass sich zwei der drei zentralen Abwehrspieler um die zwei Stürmer kümmern und der dritte Mann den jeweiligen Außenverteidiger unterstützen kann, wenn der in eine Eins-gegen-eins-Situation gerät, man spricht dann vom Doppeln. Eine Erfolgsgarantie bietet dieses System natürlich auch nicht, wie das 3:3 der Nationalmannschaft in der Ukraine zeigte, aber es ist allemal eine hilfreiche Option. "Eine Spitzenmannschaft muss mehrere Systeme beherrschen", sagt Löw.

These: Werder hat einen überdurchschnittlich besetzten Kader, aber keine herausragende Achse.

Tim Wiese im Tor, Claudio Pizarro im Sturm, Naldo in der Abwehr - das ist mit das Beste, was die Fußball-Bundesliga auf den entsprechenden Positionen zu bieten hat. Auch Clemens Fritz und Aaron Hunt spielen guten Fußball. Außerdem haben die Neuzugänge Sokratis, Lukas Schmitz und Aleksandar Ignjovski das Niveau auf den Außenverteidigerpositionen gegenüber ihren Vorgängern Petri Pasanen und Mikaël Silvestre gehoben. Im Sturm gibt es in Person von Markus Rosenberg neben Marko Arnautovic im Unterschied zur Vorsaison jetzt eine Alternative mehr.

Trotzdem fehlt Werder seit gut eineinhalb Jahren etwas: eine herausragende Achse. Wiese-Mertesacker-Naldo-Frings-Özil-Pizarro - so hieß das Gerüst noch vor knapp zwei Jahren, als sich Werder letztmalig für die Champions League qualifizierte. Von dieser Achse sind nur Wiese, Naldo und Pizarro geblieben. Vor allem auf der zentralen defensiven Mittelfeldposition (Frings, vorher Baumann, früher Ernst) und auf der zentralen offensiven Mittelfeldposition (Özil, davor Diego, noch früher Micoud) besitzt Werder keine außergewöhnliche Qualität mehr. Philipp Bargfrede und Ignjovski spielen als Sechser solide, andere Klubs wie Bayern München (Schweinsteiger, Luiz Gustavo, Alaba, Tymoshchuk) und Borussia Dortmund (Kehl, S. Bender, Gündogan, Leitner) sind auf dieser Position aber viel stärker besetzt, Mannschaften wie Bayer Leverkusen (Rolfes, L. Bender, Reinartz) und Schalke (Jones, Holtby, Moritz, Papadopoulos) variabler.

Auch auf der Zehner-Position gehört Werder nicht mehr zur nationalen Spitze: Marko Marin erfüllt das Anforderungsprofil an einen klassischen Spielmacher nicht. Mehmet Ekici konnte diese Qualitäten noch nicht nachweisen und fällt momentan auch noch verletzt aus. Ballack, Raul, Kroos oder Kagawa heißen andernorts die Spieler in der Mittelfeldzentrale. Sie sind deutlich produktiver als Marin und Ekici und nehmen außerdem viel mehr Einfluss auf das Offensivspiel ihrer Mannschaft.

These: Werder hat eine tiefe Krise bewältigt, aber noch kein gefestigtes Selbstbewusstsein daraus bezogen.

Uli Hoeneß wunderte sich kürzlich. Da hatten die Bayern-Basketballer zum Bundesligastart einen Rückstand umgebogen und kurz vor Schluss dann doch noch verloren. Das fehlende "Mia san mia"-Gefühl machte Hoeneß für die Niederlage verantwortlich. "Das müssen sie lernen, das müssen sie verinnerlichen, das müssen sie leben", sagte Hoeneß. Seine Fußballer tun das längst. Auch Werder dürfte inzwischen ruhig selbstbewusster auftreten. Schließlich hat die Mannschaft im Abstiegskampf überlebt und innerhalb kürzester Zeit eine Wende zum Besseren geschafft. Trotzdem tritt Werder vor allem auswärts oft ängstlich auf, vor allem bei den Spielen in Leverkusen, Mönchengladbach und jetzt in München war das sehr auffällig. "Das zeigt, dass wir nicht so gefestigt sind und immer noch Naivität in unserem Spiel haben", sagte Allofs am Sonnabend. Das Rezept: "Weiter daran arbeiten", um über weitere Erfolge ein gefestigtes Selbstvertrauen zu gewinnen. Bei Bayerns Basketballern scheint das zu funktionieren: Sie gewannen sieben der letzten zehn Spiele...

These: Werder ist aus dem Mittelfeld heraus nicht torgefährlich genug.

Werder ist gleich Pizarro, heißt es. Das stimmt mit Blick auf die elf Tore und fünf Vorlagen des Top-Stürmers. Dazu kommen aber immerhin noch sieben weitere Stürmertore durch Markus Rosenberg (4) und Marko Arnautovic (3). Damit liegt Werder ligaweit ausgezeichnet. Nur durchschnittlich ist dagegen die Torgefahr aus dem Mittelfeld, hier haben Hunt (3), Ekici (1), Wesley (1) und Fritz (1) zusammen lediglich sechs Mal getroffen. Andere Mittelfeldreihen sind da deutlich gefährlicher. Etwa Schalke mit Raul (7), Holtby (3) und Farfan (2) oder Dortmund mit Götze (5), Großkreutz (3) und Kagawa (3) oder Leverkusen mit Sam (4), Ballack (2), Schürrle (2), Bender (1), Rolfes (1) und Castro (1).

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