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Werders Probleme mit den Talenten

Zell am Ziller. Der Fall des Torjägers Davie Selke zeigt, wie schwer sich Werder mit seinen Talenten tut. In den vergangenen Jahren hat sich kaum ein Begabter aus der Bremer Jugend bei den Profis etabliert.
24.07.2014, 00:00
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Werders Probleme mit den Talenten
Von Andreas Lesch
Werders Probleme mit den Talenten

Werder-Talent Davie Selke.

nordphoto

Bei der U19-Europameisterschaft hat Selke in den ersten zwei Spielen drei Treffer erzielt. Trotzdem will Werders Sportdirektor Rouven Schröder ihn nicht zu sehr loben. Kein Wunder: In den vergangenen Jahren hat sich kaum ein Begabter aus der Bremer Jugend bei den Profis etabliert.

Papa ist ganz schön weit weg vom Zillertal. Einerseits ist das gut für Davie Selke, andererseits ist es schlecht. Papa liegt in Ungarn, nicht in Österreich, wo die Fußballer von Werder Bremen gerade ihr Trainingslager absolvieren. Papa ist der Ort, an dem der Angreifer Selke am Dienstag bei der U19-EM mal wieder ein Tor für die deutsche Mannschaft erzielt hat. Im zweiten Gruppenspiel seines Teams, beim 2:2 gegen den Titelverteidiger Serbien, traf er mit einem Fallrückzieher. Sein dritter Treffer im zweiten Spiel.

Einerseits hat Selke nun also gezeigt, was er kann. Andererseits wird in seinem Klub gerade um Stammplätze gekämpft, werden Systeme eingeübt und Laufwege trainiert – und er ist nicht dabei. Manchmal ist es gar nicht so leicht, ein Talent zu sein, erst recht bei Werder Bremen. Kaum ein Begabter aus der eigenen Jugend hat sich zuletzt bei den Profis etabliert. Aaron Hunt, Philipp Bargfrede, Sebastian Mielitz – aber sonst? Florian Trinks und Lennart Thy sind einst sogar U17-Europameister geworden, sie verließen den Verein später trotzdem. Andere sind längst vergessen. Dass an der Schwelle zum Profitum so viele gescheitert sind, zählt sicher zu den Fehlern, die Klaus Allofs und Thomas Schaaf am heftigsten anzukreiden sind.

Wer diesen wunden Punkt der Vergangenheit kennt, der versteht, warum Werders neuer Sportdirektor Rouven Schröder so vorsichtig formuliert, wenn er über den U19-Torjäger Selke spricht. „Er hat sehr gute Möglichkeiten, den nächsten Schritt zu gehen“, sagt Schröder. „Ich glaube, mehr sollte man erst mal gar nicht sagen.“ Er mag ein Talent wie Selke nicht glorifizieren: „Wenn wir jetzt sagen, der ist in drei Jahren der Top-Fünf-Stürmer der Bundesliga, dann haben wir eine super Überschrift. Und wenn‘s dann nicht funktioniert – dann haben wir auch wieder eine.“ Schröder will keine Schlagzeilen über seine Talente, er findet, dass sie vorerst auch in den Kurzmeldungen ganz gut aufgehoben sind. Er will nichts versprechen, was sie dann nicht halten können.

Schröder merkt an, früher seien die Talente in Bremen oft arg behütet gewesen, da habe es geheißen: „Ach, die tollen Spieler aus der Jugend.“ Erst in der Fremde, etwa als Leihspieler bei seinem früheren Verein Greuther Fürth, hätten sie sich „als Mann durchboxen“ müssen. Diese Boxer-Mentalität will er jetzt in Bremen etablieren. Deshalb sind seine Aussagen über Selke ein einziges Ja-Aber, ein stets sofort wieder relativiertes Lob. Ja, sagt Schröder, Selke habe „großes Potenzial und eine tolle Ausstrahlung“. Aber es sei „wichtig, dass er selbstkritisch bleibt trotz der Tore. Dass er immer wieder an sich arbeitet.“

Und, ja, Selke habe „für einen sehr großen Stürmer eine unheimlich große Grundschnelligkeit“. Er sei „sehr, sehr aggressiv in seiner Spielweise und damit prädestiniert fürs Gegenpressing“. Aber spielerisch müsse er sich sicherlich noch verbessern. Schließlich, auch das betont Schröder: Ja, Selkes Auftritte bei der U19-EM seien beachtlich. Aber man solle bedenken, dass er dort gegen Gleichaltrige antrete, nicht gegen die Verteidiger aus Bremen, „gegen den Schrank Lukimya, gegen Prödl, Caldirola oder Galvez. Das sind noch mal andere Kaliber.“

Schröder mag nicht vorhersagen, ob der Angreifer Selke zu Beginn der neuen Bundesliga-Saison zum Kern des Bremer Teams gehören wird. Er sagt nur: „Ich glaube, wir bei Werder dürfen keinen in der Entwicklung stoppen. Wenn er durchstartet, dann wird er unterstützt.“ Der Sportdirektor weiß, dass er Selke nicht nur fordern darf, sondern auch fördern muss. Er simst ihm oft nach Ungarn – um ihm zu zeigen, dass Werder seinen Weg wohlwollend verfolgt. Denn natürlich ist Schröder bewusst, dass auch die Konkurrenz Selkes Auftritte verfolgt: „Wer den nicht auf dem Schirm hat als ambitionierter Verein, der hat was falsch gemacht.“ Ein konkretes Angebot für Selke gebe es noch nicht, aber mehrere Nachfragen. „Wir müssen ihn nun von unserem Weg überzeugen. Wir müssen ihm eine Perspektive geben.“ Vorerst ist Selke für Werders Erstliga-Kader eingeplant: „Stand jetzt ist er kein Kandidat für ein Leihgeschäft.“

So wie Selke (19) in Ungarn für sich wirbt, mühen sich im Trainingslager in Österreich gleich mehrere Talente um einen Platz bei Werder. Die Verteidiger Oliver Hüsing (21), Marnon Busch (19) und der zurzeit verletzte Luca Zander (18), dazu die Mittelfeldspieler Levent Aycicek (20) und Özkan Yildirim (21) sowie der Angreifer Martin Kobylanski (20). Schröder lobt, alle präsentierten sich auf dem Platz ehrgeizig und frech – und spielten außerhalb gut ihre Rolle. „Wir haben richtig gute junge Burschen.“ Aber? Aber, und das gelte für sie wie für Selke: „Sie müssen ihre Chance auch nutzen.“

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