Gut für die Stimmung und den Kopf Werders Sieg bringt mehr als nur Punkte

In der Tabelle gibt es für das 2:1 in Wolfsburg nicht mehr und nicht weniger als drei Punkte. Der Sieg bringt Werder tatsächlich aber noch viel mehr - er ist gut für die Psyche des Teams.
26.02.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Werders Sieg bringt mehr als nur Punkte
Von Marc Hagedorn

In der Tabelle gibt es für das 2:1 in Wolfsburg nicht mehr und nicht weniger als drei Punkte. Der Sieg bringt Werder tatsächlich aber noch viel mehr - er ist gut für die Psyche des Teams.

Es lief die 86. Minute, und die Zuschauer sahen Robert Bauer in diesem Moment an, wie sehr ihm jeder einzelne Schritt alles abverlangte. Und Bauer musste Schritt an Schritt reihen, denn er hatte viel freien Raum vor sich, er war quasi gezwungen, mit dem Ball am Fuß zu laufen und zu laufen und zu laufen. Fast 40 Meter weit trieb er den Ball in Richtung Wolfsburger Tor, bis er nicht mehr konnte und das Glück hatte, dass ihm genau in diesem Augenblick Maximilian Arnold in die Beine rauschte. Die Gelbe Karte für den Wolfsburger Spieler, die Schiedsrichter Wolfgang Stark Sekunden später zückte, war aus Bremer Sicht eher unerheblich. Viel wichtiger war, dass Bauers Solo Werder einen Freistoß und damit eine Atempause verschafft hatte. Der Freistoß wurde weit in der Wolfsburger Hälfte, also weit weg vom Werder-Tor, ausgeführt. Für ein paar wertvolle Sekunden war Wolfsburgs Schlussoffensive erheblich gestört.

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„Fragt ihn nach dem Solo“, feixte Serge Gnabry nach dem Spiel im Kabinengang, als die Reporter eigentlich mit ihm, dem Doppeltorschützen, über Werders 2:1-Sieg in Wolfsburg sprechen wollten. „Fragt ihn“, wiederholte Gnabry aber nur und verschwand dann schnurstracks in der Umkleide. Also erzählte Bauer von diesem Spurt übers halbe Feld. „Man wird am Ende durch den Willen getragen“, sagte Bauer, „es ging nur noch darum, den Ball so gut wie möglich nach vorne zu bringen.“ Weil Werder das in der Schlussphase immer besser schaffte, stand am Ende der fünfminütigen Nachspielzeit ein Bremer 2:1-Sieg in Wolfsburg, den nachher keine Statistik schlüssig erklären konnte.

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„Unsere Taktik ist im Prinzip nicht aufgegangen“, sagte Max Kruse hinterher mit einem Grinsen im Gesicht vor den Fernsehkameras. Er stand dort für ein Doppelinterview an der Seite des Kollegen Zlatko Junuzovic. Was eigentlich das schlimmstmögliche Fazit ist, das ein Profi nach einem Fußballspiel ziehen kann, sorgte bei Kruse und Junuzovic für gehörigen Spaß. Matchplan hin oder her, sie wussten nur zu gut: Der Fußballgott, das Schicksal oder welche Macht auch immer hatte es an diesem Freitagabend sehr, sehr gut mit Werder gemeint. Alexander Nouri nannte den sechsten Saisonsieg im 19. Spiel mit ihm als Cheftrainer „einen schmutzigen Sieg, der uns für den Moment sauberer dastehen lässt“.

Werder gewann trotz klarer Unterlegenheit

In der Tabelle wird das 2:1 von Wolfsburg mit drei Punkten verbucht, und es sorgt dafür, dass Werder den Relegationsplatz nach zwei Wochen wieder verlassen hat. Tatsächlich ist der Sieg in Wolfsburg aber noch sehr viel mehr wert. Der 2:0-Erfolg in Mainz vor einer Woche war das Produkt einer reifen und effizienten Bremer Leistung gewesen – allerdings gegen ein Mainzer Team, das nicht gerade Zauberfußball zelebriert hatte. Mainz hatte sich im Gegenteil eher als relativ biedere Mittelklasse-Mannschaft präsentiert.

Der VfL Wolfsburg nun steht sogar noch ein paar Plätze schlechter da als Mainz, aber der VfL Wolfsburg spielte am Freitag Fußball wie ein Top-Team. Nouri sprach von einem „sehr, sehr guten“ Gegner, und Wolfsburgs trauriger Trainer Valerien Ismael bescheinigte seiner Mannschaft, „das beste Saisonspiel“ gemacht zu haben. Werder aber hatte es geschafft, trotz klarer Unterlegenheit beispielsweise dem starken Flügelspiel der Wolfsburger Stand zu halten. 20 Mal hatten die VfL-Außen in den Bremer Strafraum geflankt. Von Werder zählten die Statistiker nur drei Flanken. Aber 2:1 Tore.

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Die Frage, ob diese Werder-Mannschaft Abstiegskampf wirklich kann oder nicht, gilt bis heute nicht als abschließend beantwortet. So ganz sicher weiß man nicht, ob sie in der Lage ist, Woche für Woche an die Grenze und ein Stückchen darüber hinaus zu gehen. Werder hat in dieser Saison schon sehr oft – gegen Darmstadt, gegen Freiburg, gegen den HSV und gegen Augsburg – nicht entscheidend nachgelegt. Diesmal glückte es. Was Fin Bartels zu dieser Aussage veranlasste: „Jeder hat gesehen, dass alle zu 100 Prozent den Ernst der Lage erkannt haben. Es steckt so viel Charakter und so viel Stärke in dieser Mannschaft, dass wir es hinkriegen werden.“ Gemeint war der Klassenerhalt.

Punkte momentan wichtiger als eine gute Haltungsnote

Tatsächlich lieferte Werder nach Mainz zum zweiten Mal das, was gefordert war und nicht unbedingt das, was sich ihr Trainer oder Feinschmecker perspektivisch von Werder wünschen. Im Moment schlägt Effizienz jeden fußballerischen Schnörkel, ist jeder erkämpfte Punkt wichtiger als eine gute Haltungsnote. Dass Werder nach den Ausfällen von Clemens Fritz und Thomas Delaney die schwere Prüfung in Wolfsburg mit zwei Jünglingen im Mittelfeld bestand, macht das 2:1 nur noch kostbarer.

Junuzovic sagte am Freitag, dass das Mainz-Spiel den Bremer Spielern das Lächeln zurückgebracht habe. Wenn das so ist, dann muss das Wolfsburg-Spiel das Augsburg-Trauma besiegt haben. Vor drei Wochen hatte Werder in Augsburg ansehnlich gespielt und hinterher nicht begreifen können, dass die Ausbeute null Punkte waren. Auch diesmal sagte Kruse: „Wir wissen gar nicht, wie wir das in Worte fassen sollen.“ Aber diesmal fehlten nicht die Worte, um über das Entsetzen zu sprechen, diesmal ging es um die pure Erleichterung nach einem eminent wichtigen Sieg.

Dass der zustande kam, wie er zustande kam, machte Robert Bauer überhaupt keine Sorgen. „Man gewinnt in unserer Situation keine Punkte mit Schönspielerei“, sagte der kernige Defensivmann auf seine kernige Art. Selbst Alexander Nouri, dem die Ästhetik des Spiels sonst überhaupt nicht egal ist, sagte: „Wir brauchen uns nicht dafür entschuldigen, hier gewonnen zu haben.“

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