Schalke-Manager im Interview "Werders Siege sind kein Zufallsprodukt"

Am Sonnabend tritt Werder bei Schalke 04 an. Im Interview spricht Schalke-Manager Horst Heldt über den neuen Bremer Stil und erklärt, warum es für Werder dennoch schwer wird, sich oben zu etablieren.
21.02.2015, 00:00
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Von Andreas Lesch

Am Sonnabend tritt Werder bei Schalke 04 an. Bei einem Klub, der vor Wochen noch Welten entfernt zu sein schien – und der plötzlich in der Bundesliga-Tabelle schon in Reichweite ist. Im Interview mit Andreas Lesch spricht Schalkes Manager Horst Heldt über den neuen Bremer Jugendstil. Er erklärt aber auch, warum das Werder von heute es schwer haben dürfte, sich in der Liga oben zu etablieren.

Wem fühlt sich Schalke in dieser Woche näher: Real Madrid oder Werder Bremen?

Horst Heldt: Gleich eine schwere Frage. Beides sind keine einfachen Aufgaben, und wir müssen den Spagat zwischen diesen Aufgaben schaffen: Wir haben gegen eine der besten Mannschaften der Welt gespielt – und jetzt kommt mit Werder eine Mannschaft, die gar nicht mehr weiß, wie verlieren funktioniert.

Wie nah sind die Bremer den Schalkern? In der Tabelle haben sie fünf Punkte Rückstand – trifft es das?

Es zeigt auf jeden Fall, in welchem Tempo man sich nach oben arbeiten kann. Ich habe am Mittwoch mit Thomas Eichin gesprochen, der sich unser Spiel gegen Real angeschaut hat. Da ist mir wieder mal klar geworden, wie schnelllebig doch dieses Geschäft ist. Vor ein paar Wochen schien noch alles in Schutt und Asche zu liegen bei Werder Bremen – und jetzt kratzen sie an den internationalen Plätzen und sind die Mannschaft des Moments.

Was fehlt Werder noch zu einem Spitzenteam wie Schalke?

Das kann ich aus der Entfernung kaum beurteilen. Wissen Sie, Werder Bremen ist ein sympathischer Verein. Sie haben viele Jahre dazu beigetragen, dass der deutsche Fußball international gut vertreten war, und sie haben die Liga attraktiv gemacht. Jetzt haben sie eine lange Durststrecke hinter sich. Es freut mich, dass es ihnen wieder besser geht. Aber es ist auch okay, wenn sie uns jetzt nicht noch näher kommen.

Empfinden Sie die Bremer, die das Verlieren verlernt haben, schon als Bedrohung für Ihren Verein?

Na ja, sie haben Riesensprünge gemacht – und ihre fünf Siege in Serie sind sicher kein Zufallsprodukt. Werder zeigt, dass Augenblicke Berge versetzen können. Ich glaube, es wäre ein großer Fehler, wenn wir Werder nicht als Bedrohung sehen würden.

Ist der Kader der Bremer vom Potenzial her so stark, dass sie in der nächsten Saison an den Champions-League-Plätzen kratzen könnten?

Viele Mannschaften wollen das. Ein Problem für Werder könnte sein, dass ihre finanziellen Möglichkeiten etwas eingeschränkt sind – im Vergleich zu anderen Vereinen.

Inwieweit kann ein Klub wie Werder fehlendes Geld durch schlaue Trainer, geschickte Transfers und leidenschaftliche Spieler wettmachen?

Für einen Moment ist das vielleicht möglich. Aber auf Dauer definitiv nicht. Der berühmte Satz „Geld schießt Tore“ ist kurzfristig nicht immer beweisbar, aber auf Sicht ist er einfach wahr. Es ist nun mal ein Unterschied, ob ein Verein 30, 40, 50, 60 Millionen Euro zum Einkaufen hat – oder drei Millionen. Und wer sich mit einem schmalen Budget fürs internationale Geschäft qualifiziert, hat ja gleich das nächste Problem: Er muss einen Wettbewerb mehr bestreiten, also muss er die Größe und die Qualität seines Kaders automatisch anheben. Das ist nicht so einfach.

Wenn das Geld auf Dauer der entscheidende Faktor ist, wie Sie sagen ...

... die Vergangenheit hat das gezeigt! Es spielen doch immer dieselben Mannschaften international mit. Vor allem in den ausländischen Ligen ist das so ...

... in Deutschland aber ja auch. Wie sehr ist die Spitzengruppe der Bundesliga dann also eine geschlossene Gesellschaft?

In den letzten Jahren haben sich immer dieselben Mannschaften da oben getummelt. Wir gehörten ja auch dazu. Aber eine geschlossene Gesellschaft ist das nicht. Nur den FC Bayern, den muss man da ausnehmen: Der hat eine Vormachtstellung, an der sich nichts ändern wird.

Wieviel Risiko muss ein Klub gehen, der oben bleiben will? Schalke ist hoch verschuldet – und geht damit sehr stark ins Risiko.

Wir haben Verbindlichkeiten, das beschreibt es besser. Aber wir haben unheimlich viele Werte geschaffen. Natürlich haben wir eine hohe Belastung, weil wir ein Stadion finanziert haben. Wir bezahlen aber auch alle unsere Schulden zurück. Und unser Kader hat in den vergangenen Jahren das, was er gekostet hat, auch immer wieder eingespielt.

Riskant bleibt Ihr Weg trotzdem.

Mag sein, aber niemand auf Schalke geht ein Risiko, das nicht kalkulierbar ist. Und ganz ohne Risiko kann sich kein Klub auf Dauer oben behaupten. Wer kein Risiko geht, ist nicht konkurrenzfähig. Dazu ist die Konkurrenz finanziell zu stark.

Nicht nur der FC Bayern, auch immer mehr der VfL Wolfsburg.

Genau, aber wir sehen uns da auch gut positioniert. Wir haben uns immer wieder durchgesetzt – auch wenn wir vielleicht nicht die finanziellen Möglichkeiten hatten wie die Konkurrenz. Unsere drei Champions-League-Teilnahmen in den letzten Jahren, die waren kein Zufall. Die haben gezeigt, dass wir dem Druck standhalten können.

Sie haben in den vergangenen Jahren etliche Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in Ihr Bundesliga-Team integriert – etwa Julian Draxler und Max Meyer. Wie wichtig und wie machbar ist das für einen Spitzenklub auf Dauer?

Wir sind ein Paradebeispiel dafür, dass man konkurrenzfähig sein kann, wenn man einen guten Mix findet aus Spielern aus dem eigenen Nachwuchs und externen Kräften. Wir haben gespürt, dass es in vielerlei Hinsicht sinnvoll ist, eigenen Talenten die Chance zu geben: Man muss keine Ablösesummen investieren. Die Spieler haben eine hohe Identifikation mit dem Verein und mit den Fans, sie kennen das Umfeld. Man kann das Risiko minimieren. Aber natürlich kann kein Trainer sich erlauben, nur auf junge Spieler zu setzen. Auf Teufel komm raus funktioniert das nicht. Wenn ich aktuell nach Bremen schaue, gibt es viele Spieler, die aus dem eigenen Nachwuchs nach oben transportiert werden – und das ist erkennbar erfrischend und gut. Oder täusche ich mich da jetzt?

Absolut nicht. Welches der Talente fällt Ihnen denn besonders auf?

Sage ich jetzt nicht. Ich will sie ja nicht stärker machen, als sie sind.

Kann ich verstehen. Aber sagen Sie: In den vergangenen Jahren hat Werder kaum ein Talent in die Bundesliga hochgebracht. Wie kann es sein, dass Ihnen auf Schalke das so viel öfter gelungen ist – obwohl Sie doch einen sehr viel teureren, anspruchsvolleren Kader hatten, der stärker unter Druck stand?

Ich mag uns nicht mit Werder vergleichen. Ich kann nur sagen: Entscheidend ist, dass man im Verein ein Bewusstsein für die Bedeutung junger Spieler hat. Und dass man einen Trainer hat, der bereit ist, ein Risiko zu gehen – weil natürlich ein erfahrenerer Spieler im ersten Augenblick mehr Sicherheit verspricht. Einen Trainer, der auch dann zu den jungen Spielern steht, wenn es mal nicht so gut läuft.

Viktor Skripnik hat bei Werder diesen Mut.

Offenbar, ja. Und wir waren auch mutig in den vergangenen Jahren. Es gibt ein gutes Beispiel dafür: Der Brasilianer Raffael, der jetzt bei Gladbach spielt, war in dem halben Jahr, als wir ihn ausgeliehen haben, nach anfänglichen Schwierigkeiten richtig gut. Er war torgefährlich. Trotzdem haben wir damals bewusst die Entscheidung getroffen, ihn nicht weiter zu verpflichten und auf Max Meyer zu setzen.

Auf einen 18-Jährigen aus dem eigenen Nachwuchs.

Wenn wir das nicht gemacht hätten, wäre seine Entwicklung ins Stocken geraten – und er hätte nicht so viele Möglichkeiten gehabt, sich zu entfalten. Wir hatten eingeplant, dass es am Anfang vielleicht nicht sofort funktioniert. Das hätten wir in Kauf genommen. Aber es hat dann ja funktioniert.

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