Werders Endspiel um den Klassenerhalt Wie es so weit kommen konnte

Nach dem vierten Bundesliga-Spieltag der laufenden Saison stand Werder noch auf Platz sechs. Die Analyse einer Werder-Saison, die im Spiel gegen Eintracht Frankfurt ihren Höhepunkt findet.
14.05.2016, 00:00
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Wie es so weit kommen konnte
Von Marc Hagedorn

Nach dem vierten Spieltag fiel tatsächlich dieses Wort: Champions League. Zugegeben, ein Reporter hatte es ausgesprochen, als er Claudio Pizarro nach dem 3:1-Sieg in Hoffenheim fragte, was für Werder in dieser Saison denn nun alles möglich sei. Vielleicht sogar die Champions-League?

Pizarro, gerade frisch heimgekehrt zu seinem Herzensverein, hatte sein spitzbübisches Lächeln aufgesetzt und gesagt: „Ja, warum nicht?“ Das war am 13. September 2015.

Werder stand nach dem vierten Bundesliga-Spieltag auf Platz sechs. Europa League. Und in der eben gespielten Partie in Hoffenheim hatte Claudio Pizarro gezeigt, warum ihn erst das Trainerteam und dann auch Geschäftsführer Thomas Eichin unbedingt nach Bremen zurückholen wollten. Pizarro, keine zehn Minuten im Spiel, hatte in unnachahmlicher Pizarro-Art den Ball erst behauptet und dann für Sturmpartner und Torschütze Anthony Ujah aufgelegt. Tor und drei Punkte für Werder.

Heute, fast exakt acht Monate später, ist dieser Moment noch immer sehr präsent, aber das Thema ist längst ein anderes. Für Werder geht es schon seit Wochen nicht mehr um höhere Ziele, wie etwa um die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb, sondern noch um viel, viel mehr: nämlich um Platz 15, der den direkten Klassenerhalt bedeuten würde.

Wie konnte es dazu kommen, dass für Werder zum ersten Mal seit über 30 Jahren eine Bundesliga-Saison zu Ende geht und der Klub am letzten Spieltag noch nicht weiß, in welcher Liga er in der nächsten Saison spielt? Die Wahrnehmung ist ein dauerhaftes Auf und Ab, und das stimmt auch für die Leistungen, aber nicht für die Platzierungen. Tatsächlich hatte Werder einen Stammplatz im Tabellenkeller: Nach dem fünften Spieltag stand Werder nie mehr höher als auf Platz 13.

Der erste Absturz

Es schien so, als habe Geschäftsführer Thomas Eichin etwas geahnt. Jetzt, so Eichin in der Hinrunde vor den drei Spielen innerhalb von sieben Tagen gegen Ingolstadt, Darmstadt und Leverkusen, jetzt entscheide sich, wohin Werders Reise gehe. Sieben Tage und drei Niederlagen später war klar: nach unten. Diese eine Woche im September markierte den ersten Bruch in einer Saison voller Brüche. Insgesamt weitete Werder die begonnene Niederlagen-Serie noch auf fünf Spiele am Stück aus.

In der Zeit vom 19. September bis 23. Oktober lief schief, was schieflaufen konnte. Den Anfang machte Assani Lukimya, dessen Zupfer im eigenen Strafraum dem Gegner FC Ingolstadt in der Nachspielzeit einen Elfmeter bescherte, der zur Bremer 0:1-Niederlage führte. Philipp Bargfrede holte sich Sekunden später nach einem Frustfoul eine Rote Karte und drei Spiele Sperre ab.

Ohne Bargfede auf der Sechs, ohne Aron Johannsson, dessen bis heute nicht beendete Leidenszeit begann, und mit einem Pizarro ohne Fitness änderte Trainer Viktor Skripnik fortan beinahe wöchentlich System, Taktik und Personal. Werder spielte in dieser Zeit mal mit einer Fünferkette (gegen Bayern), dann wieder mit einer Viererkette. Skripnik ließ mal mit Raute, mal mit Doppelsechs spielen. Mal agierte Alejandro Galvez vor der Abwehr, mal Clemens Fritz, mal Zlatko Junuzovic. In dieser Phase kamen auch die Nachwuchsspieler Melvyn Lorenzen, Maximilian Eggestein, Lukas Fröde, Luca Zander, Marcel Hilßner und Ulisses Garcia zu Einsätzen – und waren meistens in der Woche drauf schon kein Thema mehr. Vogelwild wirkte das, was Werder in diesen Wochen spielte und machte. Ein Konzept, eine Spielidee, eine Handschrift waren nicht erkennbar.

Das erste Comeback

Schon bei der fünften Niederlage in Folge – dem 0:1 gegen die Bayern zu Hause – zeigte sich aber, was Werder und seinen Trainer in dieser Saison auszeichnet: die Qualität, wieder aufzustehen. Später in der Saison ließ Skripnik indirekt durchblicken, dass er in dieser Phase erstmals an Aufgabe gedacht hatte. Als es am 24. Oktober, dem zehnten Spieltag, nach Mainz ging, standen also längst mehr als drei Punkte auf dem Spiel. Die Mannschaft musste zeigen, dass sie lebte. Der Trainer musste zeigen, dass er noch eine tragfähige Idee entwickeln konnte.

Und tatsächlich: Skripnik stellte sein Team im 4-1-4-1-System auf, schon zur Halbzeit führte Werder 3:0. (Dass Mainz auch noch ein Tor machte, war fast logisch – das schaffte bis zum 33. Spieltag jeder Werder-Gegner). Auch personell gelang Skripnik und seinem Team ein Kniff: Florian Grillitsch spielte von Beginn an. In der Woche zuvor war er nicht einmal im Kader gewesen. Es folgte das 1:0 im Pokal gegen Köln (erneut mit einem starken Grillitsch, diesmal als Vorlagengeber zum Tor des Tages). Nach einem 2:1 in Augsburg – selbstredend im 4-1-4-1-System erspielt – stand Werder auf Platz 14. Doch anstelle einer Phase der Konsolidierung folgte:

Die nächste Negativserie

Bis Weihnachten holte Werder aus fünf Spielen nur noch zwei Punkte. Die Gründe? Pizarro war noch immer kein Faktor. Junuzovic kam auf ständig wechselnden Positionen nie in Bestform, wirkte auch nicht fit. Und Skripnik baute die Mannschaft wieder um. Beim 0:6 in Wolfsburg stellte er Luca Zander in die Startelf, im Nordderby gegen den HSV (1:3) ließ er wieder im 4-4-2 spielen; mal stand Galvez, mal überraschend Janek Sternberg, mal Lukimya in der Startelf. Für jeden einzelnen Wechsel gab es Gründe. In der Menge aber wirkte die Fluktuation experimentell. Allein der furiose 4:3-Sieg im Pokal in Gladbach beruhigte das Gemüt und verstärkte das Gefühl: Eigentlich können sie es doch. Eigentlich müsste mehr als Platz 16 drin sein, auf dem Werder tatsächlich in die Winterpause ging.

Stotterstart und Skripnik-Krise

Wie in der ersten Saison unter Skripnik gelang auch diesmal der Start in ein neues Kalenderjahr. Werder gewann 3:1 auf Schalke, etwas glücklich, aber auch nicht unverdient. Wintereinkauf Papy Djilobodji machte Eindruck, und noch wichtiger: Pizarro war nicht wiederzuerkennen, schoss ein Tor nach dem anderen und machte sich ein paar Wochen später zum alleinigen Rekordtorschützen des Vereins. Kleiner Schönheitsfehler: Pizarro war zwar wieder Pizarro – aber die Ergebnisse stimmten nicht. Fünf Mal blieb Werder in der Liga ohne Sieg, damit stand spätestens Ende Februar fest: In dieser Saison geht es allein um den Klassenerhalt. Wie in der Hinrunde überdeckte ein Pokalerfolg – 3:1 in Leverkusen – die fußballerischen und taktischen Defizite, die in Ingolstadt (0:2) und gegen Darmstadt (2:2) krass zutage traten. Erst ein Pizarro-Tor in der Schlussminute bewahrte Werder davor, gegen beide Aufsteiger alle vier Spiele verloren zu haben.

Das nächste (Kurz-)Comeback

Vielleicht war der späte Ausgleich gegen Darmstadt das Tor, das Skripnik den Job rettete. Jedenfalls zeigten Mannschaft und Trainer einmal mehr Stehaufmännchen-Qualitäten: Werder gewann 4:1 in Leverkusen und 4:1 gegen Hannover – beide Siege, erzielt im 4-1-4-1-System, verschafften Mannschaft und Trainer Luft.

Die letzte große Krise

Doch wie immer in dieser Saison konnte Werder den Aufschwung nicht dauerhaft nutzen. Es folgten unruhige Wochen mit Gerichtsverhandlungen gegen die absichtlichen Gelbsünder Junuzovic und Fritz und gegen Djilobodji wegen dessen Kopf-ab-Geste im Spiel gegen Mainz. Dieses Durcheinander spiegelten die Auftritte auf dem Rasen wider: ein 0:5 in Bayern nach völlig mutlosem Auftritt; ein 1:1 gegen Mainz nach solider Leistung; ein 2:3 in Dortmund nach couragiertem Auftreten. Die Konsequenz: akute Abstiegsgefahr – und nach dem 1:2 gegen Augsburg die vorerst letzte, dafür aber heftigste Trainerdiskussion der Saison. Zwei Tage brauchten die Entscheider um Thomas Eichin, um Skripnik schließlich das Vertrauen auszusprechen. Werder verzichtete damit auf das letzte Mittel, das jeder Klub im Abstiegskampf hat.

Das Abstiegsfinale

Sieben Punkte holte Werder gegen vier Gegner, gegen die man in der Hinrunde nur zwei Zähler geholt hatte. Abgesehen von einer enttäuschenden ersten Halbzeit beim 1:2 im Nordderby machte Werder im Abstiegskampf einen stabilen Eindruck. Nervenstark. Phasenweise spielstark. Torgefährlich. Taktisch diszipliniert und mit einem Spielerstamm, der nicht Woche für Woche durcheinandergewürfelt wurde.

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Ein 3:2 gegen Wolfsburg, ein 6:2 gegen Stuttgart und ein 0:0 in Köln sorgten dafür, dass Werder wenigstens das Minimalziel erreichte: das entscheidende Spiel gegen Eintracht Frankfurt an diesem Sonnabend, mit dem sich die Mannschaft aus eigener Kraft retten kann. Das ist wenig mit Blick auf eine ganze Bundesliga-Saison und erst recht, wenn man das Abschneiden an Werders Ansprüchen misst. Aber das ist gleichzeitig auch sehr viel, wenn man diese Saison mit ihren ganzen Fehlentscheidungen und Enttäuschungen miterlebt hat.

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