Andere Taktik, neue Positionen

Wie Florian Kohfeldt Max Kruse ersetzen will

Die Bilanz Max Kruses ist beeindruckend: elf Tore und zehn Assists gingen vergangene Saison auf sein Konto. Doch Kruse ist weg, ein Ersatz noch nicht da. Florian Kohfeldt muss jetzt andere Lösungen finden.
07.07.2019, 09:18
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Rommel
Wie Florian Kohfeldt Max Kruse ersetzen will
nordphoto

Es ist ein großer Komplex, mit dem sich Florian Kohfeldt und seine Co-Trainer beschäftigen müssen. Das Trainerteam hat nach der Analyse der letzten Saison in einem Workshop alle Inhalte und Rahmenbedingungen festgezurrt, in Zell am Ziller geht es nun an die ersten Maßnahmen. Mit Max Kruse gehen der Mannschaft 20 Scorerpunkte verloren, elf Tore und zehn Assists waren jeweils die Spitzenwerte innerhalb der Mannschaft, inklusive Kruses hundertprozentiger Quote vom Elfmeterpunkt.

In den Jahren davor kam der Spieler auf 15 und 22 Scorerpunkte. Die vielen vorbereitenden Pässe und Assists sind dabei statistisch nicht einmal erfasst. Eine derart prägende Figur hatte Werder schon lange nicht mehr – was nicht nur für Kruses Qualitäten im Torabschluss gilt. Ganz im Gegenteil.

Kruse war die zentrale Figur im Zentrum des Bremer Spiels, in der Zone 20 Meter dies- und jenseits der Mittellinie. Hier hatte er die meisten seiner 67 Ballaktionen pro 90 Mi­nuten und ohne einen Kruse auf der Zehn, auf der Acht, auf der Sechs oder ausgewichen auf den Flügel lautet die entscheidende Frage: Wie will Werder fortan von Pavlenkas Anspiel bis ins letzte Drittel kommen, in die gefährliche Zone 30 Meter vor dem gegnerischen Tor?

Füllkrug als Zielspieler

„Es wird ein Thema sein, wie wir uns im Übergangsdrittel bewegen und uns dort andere Option schaffen“, sagt Kohfeldt. Der Trainer erhofft sich, dass die Veränderungen über die Gruppe aufgefangen werden, sprich: durch Spieler, die schon da sind. Das ist die eine Möglichkeit, auf das Loch im Zentrum zu reagieren. Niclas Füllkrug ist neben Marco Friedl und Perspektivspieler Benjamin Goller bisher der einzige externe Zugang und für die Kruse-Position eingeplant. Wobei es die Kruse-­Position bei Werder nicht gab.

Füllkrug wird die Rolle des Angreifers wohl ziemlich konträr zu dem interpretieren, was Kruse daraus gemacht hat. Füllkrug ist als Zielspieler in der Spitze vorgesehen, der im letzten Drittel Bälle festmacht, ablegt oder verlängert, der durch seine permanente ­Präsenz an und im Strafraum Gegner bindet und Torgefahr ausstrahlt. Füllkrug dürfte nicht zu oft tief im Mittelfeld zu finden sein und eher selten in den Spielaufbau involviert sein. Kohfeldt sagt über die Rolle des zen­tralen Angreifers: „Ein Spieler mit der Fähigkeit, Bälle mit dem Rücken zur Abwehr fest zu machen.“

„Bei allen Vorteilen die Max hatte: Wir ­haben jetzt einen zentralen Stürmer im Strafraum, und ich glaube, dass uns das einen Mehrwert bringt“, sagt Florian Kohfeldt und legt bei „Sky“ nach: „Ich will nicht, dass Niclas als Max-Ersatz gehandelt wird. Das ist er von der Position her schon, als Spielertyp aber nicht.“ Auch Martin Harnik passt nur bedingt in ­dieses Profil, er mag es eher weiträumig, ­benötigt etwas mehr Platz für seine vielen ­intensive Läufe und hat wie Niclas Füllkrug auch seine Qualitäten eher im Torabschluss und – defensiv gedacht – im Pressingver­halten.

Neue Rolle für Osako

Vermutlich rückt deshalb Yuya Osako in eine andere, noch wichtigere Rolle. Osako hat jetzt ein Jahr Werder und Kohfeldt gelernt, er profitiert wie der Rest der Mannschaft von dem, was man eine inhaltliche Basis nennen könnte. Der Japaner bringt das beste Raum-Zeit-Gefühl mit, fühlt sich auch in engen Räumen, hält starken Gegnerdruck aus und ist ballsicher genug, auch dann noch Lösungen zu finden. Was fehlt, ist diese sehr vorausschauende, strategische Spielweise von Kruse. Der wusste schon beim Zurückfallen und Anbieten, wie der Spielzug gleich weitergehen muss – und hatte die entsprechende Ballfertigkeit und Passgenauigkeit, um das Spiel dann auch mal schnell zu verlagern und aufzureißen oder mit einem kurzen Zuspiel Tempo zu erzeugen.

Werder war gemessen an den Parametern Tempo und Ballkontrolle im Übergangsdrittel eine der besten Mannschaften der abgelaufenen Saison, was unmittelbar mit Kruses Wirken zusammenhing. „Es bestätigen alle Daten, dass wir unheimlich gut darin waren, ins letzte Drittel zu kommen. Das hatte auch etwas mit Max Kruse zu tun“, sagt Kohfeldt und lässt durchblicken, dass es im Zillertal auch darum gehen wird, dieses Segment in den Trainingseinheiten in Angriff zu nehmen. Und vielleicht ein paar neue Überlegungen einzustreuen.

Kruse-Ersatz im Blick

„Es wird ein Themenblock in der Vorbereitung sein, mit dem wir uns beschäftigen. Und darin wird Maximilian Eggestein auch eine Rolle spielen bei der Staffelung im Mittelfeld. Das kann heißen, dass wir situativ mit einer Doppel-Sechs spielen oder mal eine andere Anordnung im Mittelfeld haben werden. Das wird schon ein Schwerpunkt sein im Trainingslager.“ Es spiele eine Rolle in seinen Überlegungen, Eggestein etwas tiefer spielen zu lassen. Vielleicht auch in einer anderen Grundordnung. Will Kohfeldt mit einer Doppel-Sechs spielen und die offensive Zentrale besetzt behalten, dann fällt ein flaches eher 4-4-2 aus. Das 4-2-3-1, das in der Liga besonders Borussia Dortmund fast perfekt nutzt, wäre schon eher eine Option.

So oder so wird sich die Mannschaft neue Passrouten schaffen müssen, um vor das gegnerische Tor zu kommen. Und es werden dazu andere Räume angespielt werden müssen, als es bisher in der Regel der Fall war. Oder aber Werder versucht, Alternative drei, das fast Unmögliche: Einen echten Kruse-Ersatz zu finden. „Wir haben klare Wunschkandidaten im Blick. Und wenn wir die bekommen, dann werden wir besser werden“, sagt Kohfeldt. Das kann alles und nichts bedeuten. Werders finanzieller Spielraum ist jedenfalls begrenzt: Einen 20-Millionen-Euro-Delaney-Transfer auf der Einnahmeseite gab es in diesem Sommer nicht.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+