Das riskante Spiel mit den Tabletten Wie Fußballer den Schmerz ausschalten

Es ist ein Tabuthema in der Profibranche, doch Schmerzmittel gehören zum Alltag der Bundesliga dazu. Aber wie werden die medizinischen Helferlein genau eingesetzt und welche Gefahren gibt es dabei?
09.08.2019, 16:01
Lesedauer: 3 Min
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Wie Fußballer den Schmerz ausschalten
Von Christoph Bähr

Ein Laufduell, ein Rempler, ein Sturz – schon war es passiert. Ein Band in der Schulter hielt der Belastung nicht stand, und Sebastian Langkamp musste sich auswechseln lassen. „Er hat richtige Schmerzen“, sagte Florian Kohfeldt nach Werders Partie in Wolfsburg vergangene Saison. Langkamp verpasste danach ein Spiel, stand aber nur zwei Wochen später wieder auf dem Platz. Beim 3:1-Sieg in Leverkusen wurde er für fünf Minuten eingewechselt. Wie er das schaffte, erzählte er erstaunlich offen: „Ich habe zwei Tage vorher mit einer Tablettenkur begonnen, so war es dann mit der Schulter erträglich. Ich war aber sicher nicht bei 100 Prozent.“

Dass Schmerzmittel im Leistungssport eine große Rolle spielen, weiß jeder, doch darüber geredet wird nur selten. Langkamp nahm kein Blatt vor den Mund. „Schmerzmittel spielen im Fußball täglich eine Rolle“, gab der Werder-Verteidiger zu. Der heutige Bayern-Coach Niko Kovac hatte sich im März 2017 ähnlich ehrlich geäußert: „Im Fußball geht es ohne Schmerzmittel nicht.“ Was Kovac nicht sagte: Die Einnahme von Schmerzmitteln ist ein schmaler Grat. „Die sogenannten NSAR, also Ibuprofen oder Diclofenac, sind die Präparate, die am häufigsten benutzt werden. Das sind keine Bonbons, man muss sich der Problematik bewusst sein“, betont Prof. Dr. Michael Paul Hahn. Er ist Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum Bremen-Mitte und behandelt regelmäßig Werder-Profis. Im Sport werden Schmerzmittel oft prophylaktisch vor dem Wettkampf eingeworfen, um das Schmerzempfinden praktisch auszuschalten. Hahn betont: „Man sollte diese Medikamente keinesfalls prophylaktisch und keinesfalls langfristig einnehmen. Muskeln, Knochen, Sehnen und Kapseln werden durch NSAR negativ in der Heilung beeinflusst.“

Gefahr der Folgeerkrankung

Dazu kommen die Nebenwirkungen. „Die Präparate wirken nicht nur dort, wo der Schmerz ist, sondern auch woanders, etwa auf Rezeptoren im Magen. Dort kann es zu Durchblutungsstörungen und zu Reizungen kommen bis hin zum Magengeschwür oder sogar zum Magendurchbruch“, erklärt Hahn. Auch eine Nieren- oder eine Leberschädigung kann eine Nebenwirkung sein. Dafür gibt es ein trauriges Beispiel aus der Werder-Vergangenheit: Ivan Klasnic nahm trotz einer Nierenerkrankung weiterhin Schmerzmittel, die sein Nierenleiden verschlimmerten. Heute lebt Klasnic mit einer Spenderniere.

Über die Nebenwirkungen von Schmerzmitteln herrsche bei vielen Spielern Unwissenheit, sagt Dr. Klaus Pöttgen. Er war Mannschaftsarzt des SV Darmstadt 98. „Die Spieler nehmen Schmerzmittel oft ein, ohne dass der Mannschaftsarzt davon weiß“, schildert der Bremer Professor Hahn. Menschlich könne er das durchaus verstehen, sagt Pöttgen. „Auf ihnen lastet ein riesiger Druck – auch von den Beratern oder von der Familie. Lange auszufallen, können sie sich nicht leisten.“ Die vielen Spiele tun ihr Übriges. „Der Wettkampfkalender trägt zur Schmerzmittel-Problematik bei. Je höher die Belastungsfrequenz ist, desto kürzer werden die Regenerationsphasen und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich Verletzungen zuzieht“, sagt Prof. Dr. Mario Thevis.

Die Sache mit dem Doping

Der Leiter des Zentrums für präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln nennt zudem ein weiteres Problem: „Schmerzmittel stehen nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen.“ Klar, dass sie von vielen Fußball-Profis als legale Möglichkeit gesehen werden, um mehr aus dem Körper herauszuholen. Wie viele Spieler zu den Medikamenten greifen? Daten aus Dopingkontrollen gebe es logischerweise nicht, sagt Thevis. „Wir können uns nur auf Informationen aus publizierten Quellen beziehen, die besagen, dass in Mannschaftssportarten auf höherem Level Schmerzmittel relativ regelmäßig zum Einsatz kommen.“ Es gibt etwa eine Studie des Weltverbandes Fifa, nach der während der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika 39 Prozent aller Aktiven vor Spielen Schmerzmittel einnahmen.

Dabei gäbe es durchaus Alternativen, sagt Pöttgen. „Dass über die Ernährung viel erreicht werden kann, belegen diverse Studien.“ Omega-3-Fettsäuren verbessern den Muskelaufbau und Enzyme minimieren die Schwellung des Muskels. Hohe Eiweißmengen werden bei Muskelverletzungen empfohlen. Die anti-entzündliche Wirkung von Schmerzmitteln könne durch sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe erreicht werden, sagt Pöttgen und nennt Betanin aus der Roten Bete oder Anthozyanine der Sauerkirschen als wirksamste Beispiele. „Die Möglichkeiten wären da, gerade bei der medizinischen Betreuung im Profi­fußball.“

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