Eilts‘ Erlebnisse Wie ich Otto Rehhagel umgrätschte

Dieter Eilts war Europameister, Deutscher Meister, Europapokalsieger. Für Mein Werder blickt die Werder-Legende auf besondere Erlebnisse seiner Karriere zurück. Heute: die Lehrjahre bei den Profis.
01.01.2019, 10:05
Lesedauer: 3 Min
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Von Dieter Eilts

Lehrjahre sind oft schmerzhaft. Woche für Woche hatte ich das gleiche Erlebnis: Das Abschlusstraining der Bundesligamannschaft war beendet, der Kader für das Bundesligaspiel wurde nominiert, und ich war mal wieder nicht dabei. Bis zu meinem ersten Startelfeinsatz für die Werder-Profis hat es bis zum März 1989 gedauert. Zwischen dem Sieg im Finale um die Deutsche Amateurmeisterschaft mit den Werder-Amateuren und dem Pokalspiel gegen den HSV, in dem ich von Anfang an spielen durfte, lagen also insgesamt 1376 Tage.

Dazwischen absolvierte ich unzählige Trainingseinheiten mit der Profimannschaft und den Amateuren von Werder Bremen. Besonders die Einheiten bei den Profis waren für uns Jung-Profis nicht nur lehrreich, sondern taten oft auch weh. Ich habe häufig etwas auf die Socken bekommen und musste für den Frustabbau der etablierten Spieler herhalten.

Einsätze bekam ich in dieser Zeit fast nur bei den Amateuren. Insgesamt 97-mal spielte ich von August 1985 bis Juni 1988 in der Oberliga Nord. Die Anzahl der Einsätze in der Bundesliga war in diesem Zeitraum wirklich überschaubar. Ganze siebenmal wurde ich für einige Minuten eingewechselt. An meine erste Einwechslung kann ich mich ganz genau erinnern. Ich wurde für einen großartigen Spieler aufs Feld geschickt: für Rudi Völler, den viele nur Tante Käthe nennen. Kaputt machen konnte ich nach der Einwechslung nichts mehr. Unser Gegner, der 1. FC Köln, führte schon mit 3:0 und gewann dieses Spiel auch mit diesem Ergebnis.

Mit Erkältung zum Training

Ab dem 1. Juli 1988 war ich dann Profi und durfte nicht mehr bei den Amateuren eingesetzt werden. Jetzt hieß es für mich: Nur noch trainieren und leider nicht mehr spielen. Ich konnte trainieren, wie ich wollte, die Chance auf einen Einsatz war gleich null. Selbst wenn ich im Training die Mitspieler und den damaligen Co-Trainer Karl-Heinz Kamp begeisterte, gab es keine Chance. Als junger Profi musste ich jede Einheit nutzen, um den Trainer Otto Rehhagel zu überzeugen. Selbst wenn ich aufgrund einer starken Erkältung besser im Bett geblieben wäre, rannte und grätschte ich über den Trainingsplatz.

In den wenigen Freundschaftsspielen, die wir absolvierten, konnte ich den Chef-Trainer allerdings nicht von seiner Meinung über mich abbringen. Er war der Überzeugung, dass die Bundesliga etwas anderes ist als Testspiele. Zudem wurde Werder in der Saison 1987/88 Deutscher Meister, und der Trainer hat natürlich den erfahrenen Profis mehr zugetraut als einem jungen Spieler wie mir.

Meine Gespräche mit dem Trainer machten mir auch nicht immer Mut. Eines Tages teilte er mir auf dem Weg zurück zur Kabine mit, dass ich eigentlich spielen müsste, wenn man die Trainingsleistungen betrachten würde. Ich glaubte erst, meinen Ohren nicht trauen zu können. Hatte der Trainer dies wirklich gesagt? Hat er gesagt, ich müsste spielen? Ja, das hat er tatsächlich gesagt. Er hatte aber noch nicht ganz zu Ende gesprochen. Er fügte hinzu, dass ich nicht spielen könne, weil sie ja gewinnen müssten. Das war ein Satz, den du als Spieler nicht wirklich von deinem Trainer hören möchtest.

Ich war wie besessen

Dieser Satz stachelte mich aber noch mehr an. Ich habe die Arschbacken zusammengekniffen und wollte dem Trainer unbedingt zeigen, dass man mit mir auch Spiele in der Bundesliga gewinnen kann. Ich war davon überzeugt, dass meine Zeit noch kommen würde und noch Großes vor mir liegt. Die Trainingseinheiten wurden für mich noch intensiver und härter. Ich war wie besessen davon, es Otto Rehhagel zu zeigen und ihn zu überzeugen. Erst einmal habe ich ihm aber richtig wehgetan.

Es kam immer mal wieder vor, dass der Chef beim Trainingsspiel mitkickte. So war es auch an diesem Tag. Es regnete und der Rasen war schön rutschig. Der Trainer wurde in aussichtsreicher Position angespielt. Auf dem nassen Untergrund sprang der Ball dem Chef etwas zu weit vom Fuß, und ich konnte die Situation mit einer astreinen Grätsche klären. Das Problem dabei war, dass ich dem Chef das Standbein weggetreten habe und er wie ein Maikäfer auf dem Boden lag. Er hatte echte Schmerzen, und es hat einige Zeit gedauert, bis die Verletzung auskuriert war.

Mein damaliger Mitspieler Thomas Schaaf schickte mich dann zum Trainer. Ich sollte nachfragen, ob alles in Ordnung ist. Der Trainer bejahte und sagte: „Ich hoffe, Sie gehen im Spiel auch mal so zur Sache.“ Daraufhin antwortete ich: „Das mache ich gerne Trainer, aber Sie lassen mich ja nie spielen.“ Nach diesem Gespräch dauerte es nicht mehr lange, bis ich zum ersten Mal in der Startaufstellung stand. Dazu kam es allerdings auch nur, weil zu viele Spieler verletzt waren und der Trainer keine weiteren Spieler für die Position hatte. Über diesen ersten Auftritt erfahrt ihr im nächsten Teil der Serie mehr.

Abschließend möchte ich betonen, dass ich dem Trainer sehr viel verdanke. Otto Rehhagel bleibt für immer mein Trainer, und ich werde ihn auch immer mit „Trainer“ ansprechen. Otto Rehhagel ist eine absolute Respektsperson und ein fantastischer Mensch.

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