Heimsieg gegen Heidenheim Die Kraft der Kulisse

Die Stimmung im Weserstadion war beim Sieg gegen den FC Heidenheim prächtig. Werder hofft nun, dass der Abend ganz neue Kräfte freisetzt, gerade bei den jungen Spielern.
03.10.2021, 05:00
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Von Daniel Cottäus

Nach 87 Minuten war sie am Freitagabend wieder da. Unvermittelt und zunächst mit einigen Startschwierigkeiten, das schon. Kurz darauf dann aber in voller Wucht und Pracht: "Laola" -die Welle. Zwei, drei Runden lang schwappte sie durchs gut gefüllte Weserstadion, als Ausdruck der maximalen Fan-Begeisterung, ehe sie unter tosendem Applaus verebbte – und so manch jüngeren Fan staunend zurückgelassen haben dürfte: Was bitteschön war das gerade? Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sich das Tribünen-Schauspiel, das einst regelmäßig am Osterdeich aufgeführt, ja dort beinahe schon zum Standardrepertoire gezählt wurde, tatsächlich wiederholt. Was einem ohnehin gelungenen Abend des SV Werder Bremen die atmosphärische Krone aufsetzte.

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Dank einer starken zweiten Halbzeit bezwang die Mannschaft von Trainer Markus Anfang den 1. FC Heidenheim mit 3:0 (3:0) – und feierte danach nicht nur die drei gewonnenen Punkte, sondern auch so etwas wie die große Wiedervereinigung mit dem Publikum. Das war von Werder in der jüngeren Vergangenheit erst lange gequält worden, dann musste es wegen der Corona-Pandemie draußen bleiben, erlebte deshalb den Abstieg nur aus der Distanz, und ist nun in Etappen zurückgekehrt ins Stadion. Am Freitagabend gab es das erste Mal unter "2G"-Bedingungen die volle Wucht grün-weißer Emotionen zu erleben.

Strahlende Bilder waren das, auf den Rängen, auf dem Rasen, als emotionaler Abschluss eines Spiels, von dem sie bei Werder nun hoffen, dass es ganz neue Kräfte freisetzen kann. „Die Stimmung war einfach toll. Ich habe ja immer gesagt, dass wir den Funken überspringen lassen müssen“, betonte Anfang, der sich besonders zufrieden damit zeigte, dass derart viele junge Spieler beim Entzünden dieses Funkens tatkräftig mitgeholfen hatten.

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In Lars Lukas Mai, Manuel Mbom, Ilia Gruev, Romano Schmid und Eren Dinkci hatte Werder gleich fünf Profis von Beginn an aufgeboten, die allesamt nicht älter als 21 Jahre alt sind. Mittelstürmer Marvin Ducksch avancierte mit seinen 27 Jahren gar schon zum Bremer „Opa“ auf dem Platz. Das Durchschnittsalter der Startelf lag knapp unter 23 Jahren - zuletzt war eine Bremer Mannschaft vor zwölf Jahren ähnlich jung gewesen. „Und trotzdem waren wir von Beginn an auf Augenhöhe im Spiel“, sagte Anfang, dessen Mannschaft den Heidenheimern vor der Pause einen ziemlich zähen Kampf geliefert, beim Pfosten-Kopfball von Tim Kleindienst großes Glück gehabt (38.) und dann nach der Pause phasenweise begeistert hatte.

Der Doppelschlag von Marco Friedl (50.) und Ducksch (52.) sorgte kurz nach dem Wiederanpfiff dafür, dass sich ein auch zuvor schon lautes Stadion in ein Tollhaus verwandelte. Mitten drin: Die Bremer Ultras, die nach 587 Tagen Corona-Pause in die Ostkurve zurückgekehrt waren und bisweilen so wirkten, als wollten sie diese lange Zeit an einem einzigen Abend vergessen machen. Bezogen aufs gesamte Stadion sagte Anfang: „Für mich war die Stimmung auch ein gesellschaftliches, nicht nur ein sportliches Thema. Es war zu spüren, dass das Leben nach der schwierigen Zeit allmählich zurückkommt.“ Wie gut, dass das Geschehen auf dem Rasen da keinen Stimmungskiller mehr parat hatte – ganz im Gegenteil. Heidenheim wurde ein Tor wegen Abseits vom Videoschiedsrichter aberkannt (54.), und hinten sorgten die Gäste in Person von Denis Thomalla selbst für den 0:3-Endstand (64.). „In der Schlussphase war dann zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit es die Jungs spielen können“, freute sich Anfang, der die Partie, gerade weil sie so positiv-emotional war, als wichtigen Entwicklungsschritt für sein Team sieht.

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„Gerade den jungen Spielern gibt so ein Spiel Selbstvertrauen. Ich hoffe, dass wir als Mannschaft daran anknüpfen können. Es ist ganz wichtig, dass wir die Überzeugung haben, dass wir jeden Gegner in der Liga schlagen können“, betonte der 47-Jährige. Dabei geht es ihm weniger darum, dass Werder mit nunmehr 14 Punkten Anschluss an die Spitzengruppe der 2. Liga gehalten hat, sondern darum, „dass wir Stück für Stück etwas aufbauen“.
Die Tabelle sei dabei sekundär, erklärt Anfang, dessen Meinung in diesem Punkt aber sicher nicht von jedem Werder-Sympathisanten geteilt wird. „Wir dürfen uns mit einer Mannschaft, die wir entwickeln wollen, nicht zu sehr an der Tabelle orientieren“, sagt der Coach. Bei zu viel Druck, so seine Ansicht, „können die Spieler ihr Potenzial nicht abrufen“. Anfang setzt da lieber auf Geduld – und verriet, dass er in der Herangehensweise im Vergleich zu den vorherigen Niederlagen gegen den Hamburger SV (0:2) und Dynamo Dresden (0:3) nichts verändert habe: „Wir haben nichts anders, sondern alles gleich gemacht. Klar müssen wir Themen und Inhalte ansprechen, vielleicht auch mal emotionalisieren, aber wir müssen dabei immer einen kühlen Kopf bewahren und Kontinuität in unserer Arbeit haben.“

Während der nun anstehenden Länderspielpause möchte Anfang das weiter verfeinern. Schließlich hat auch er am Freitagabend Blut geleckt, hat erstmals miterlebt, wie sich dieses Weserstadion auch präsentieren kann. „So viele positive Erlebnisse hatten wir ja zu Hause noch nicht. Dann kann man es auch auskosten und genießen“, sagte er. Und: „Ich würde mir wünschen, wir würden das häufiger hinkriegen.“ An den Fans wird es gewiss nicht scheitern.

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