Werder Bremen setzt vermehrt auf junge Spieler

Wie Werders neuer Jugendkurs ankommt

Bremen. Bei Werder Bremen heißen die Hoffnungsträger nicht mehr Frings oder Mertesacker, sondern Trybull, Hartherz oder Füllkrug. Wie gehen Werders Fans damit um? Was denken die Experten, was die Verantwortlichen? Ein Bericht.
28.03.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Wie Werders neuer Jugendkurs ankommt
Von Marc Hagedorn
Wie Werders neuer Jugendkurs ankommt

Niclas Füllkrug bejubelt seinen ersten Treffer in der Bundesliga.

dpa

Bremen. Die Zeit der teuren Stars ist bei Werder vorbei. Seit dem Sommer, spätestens aber seit der Winterpause, merkt man das deutlicher als jemals zuvor. Nicht Frings oder Mertesacker, sondern Trybull, Hartherz oder Füllkrug heißen die Hoffnungsträger. Wie gehen Werders Fans damit um? Was denken die Experten, was die Verantwortlichen? Ein Bericht.

Gerhard Schiepanski ist seit Jahrzehnten Werder-Fan. Er besitzt eine Dauerkarte. Sitzplatz, Südtribüne, jedes zweite Wochenende ist er hier zu finden. Von seinem Platz aus hat er besonders gut im Blick, was sich auf Werders Außenbahnen abspielt. Seit ein paar Wochen nutzt Schiepanski die freie Sicht, um besonders auf Florian Hartherz, Werders jungen Linksverteidiger, zu achten. "Es gelingt ihm nicht alles", sagt Schiepanski, "aber er ist mit viel Eifer und Elan dabei." Schiepanski gefällt das. "Die Art und Weise, wie die jungen Leute spielen, ist doch erfrischender als das Auftreten manch satter Stars", sagt er.

Gerhard Schiepanski ist ein Werder-Fan ganz nach dem Geschmack von Willi Lemke. Der mächtige Aufsichtsratsboss von Werder war am Wochenende im Stadion, als die jüngste Bremer Bundesligamannschaft aller Zeiten 1:1 gegen den FC Augsburg spielte. Nur 1:1 hätte man vor zwei, drei Jahren noch geschrieben und sich empört. Aber die Zeiten haben sich verändert. Internationale Top-Spieler wie Johan Micoud, Torsten Frings, Diego, Mesut Özil, Miroslav Klose oder Per Mertesacker, die viele Jahre das Gesicht der Bremer Mannschaft prägten, gibt es bei Werder heute nicht mehr viele.

Trainer Thomas Schaaf hatte vor dem Spiel um einen verständnisvollen Umgang mit der jungen, völlig unerfahrenen Truppe geworben, und tatsächlich hatte sich das Bremer Publikum sehr nachsichtig gezeigt. Trotz schwacher erster Hälfte gab es zur Pause kaum Pfiffe, im Gegenteil: Als Clemens Fritz einmal ans Außennetz schoss und Markus Rosenberg aus 20 Metern abzog, recht scharf zwar, aber auch nicht wirklich gefährlich, gab es demonstrativen Applaus von den Rängen. Und als Werder schließlich nach gut einer Stunde durch das erste Bundesligator von Niclas Füllkrug mit 1:0 in Führung ging, brandete eine regelrechte Welle der Begeisterung durch das ausverkaufte Weserstadion.

"Ich fand das große Klasse", sagt Willi Lemke. Schon in der ersten Halbzeit habe ihm die Stimmung ausgesprochen gut gefallen. "Es ist toll, wenn die Ostkurve ,Werder' anstimmt und die Westkurve mit ,Bremen' antwortet." Seit Sonnabend, diesem im Grunde höchst mittelmäßigen Kick, der durchaus auch ein paar mehr Pfiffe hätte vertragen können, ist Lemke wieder ein Stück optimistischer, dass das Publikum den neuen Bremer Weg mitgehen wird. Werder muss sparen und "kreativer werden", wie Lemke es ausdrückt. Eben einen wie Hartherz entdecken, einen wie Tom Trybull fördern oder einem wie Füllkrug die Chance geben. "Es ist doch schön zu sehen, wenn Niclas nach dem Spiel sagt, das Tor sei sein bisher schönster Moment im Leben gewesen. Das ist einfach nur sympathisch."

Grundsätzlich will Jörg Wontorra Willi Lemke gar nicht widersprechen. Auch der Fernsehmoderator hat am Wochenende Werders 1:1 gegen Augsburg verfolgt. Zwar nur im Fernsehen, "aber ich habe ganz genau hingeschaut". Und was gesehen? "Ich will es mal so sagen: eine sehr bemühte Mannschaft."

Für Wontorra, Ex-Sportchef bei Radio Bremen und ehemaliges Mitglied im Werder-Aufsichtsrat, kommt das Auf und Ab im Bremer Spiel nicht überraschend. Die Mannschaft aus dem Augsburg-Spiel sei eine "Notgeburt" gewesen. Den Schnitt, den man bei Werder aktuell vollziehe, vollziehen müsse, weil die Champions-League-Millionen fehlen und einige Spieler verletzt sind, empfindet er eigentlich als "zu schnell, zu tief", aber ohne Alternative. "Werder zahlt jetzt für die Sünden der Vergangenheit", sagt Wontorra, "die angeblichen Wundertransfers sind längst schon wieder weg oder wie Marin in der Entwicklung stehen geblieben."

Um die Stimmung bei den Werder-Fans macht sich der Fernsehmann noch keine Sorgen. "Der Bremer an sich ist ja leidensfähig", sagt er und verweist auf die vergangene Saison, als Werder in höchster Abstiegsgefahr schwebte "und die Leute geduldig" geblieben sind. "Das zeichnet einen guten Fan ja auch aus." Selbst wenn es mit der Europa League nun nicht klappen sollte, würden die Bremer Fans die vielen Ausfälle und unglücklichen Umstände wohl als Entschuldigung akzeptieren, ein letztes Mal wahrscheinlich. "Auf Jahre ist das nicht zu machen."

Zu frisch sind noch die Erinnerungen an rauschhafte Europapokalnächte mit Auftritten von Real Madrid, Juventus Turin, Barcelona oder dem FC Chelsea im Weserstadion. "Ich habe die fetten Jahre mit Spielern wie Micoud genossen", sagt Dauerkarteninhaber Gerhard Schiepanski. Dorthin zurückzukommen, ist für Günter Hamann, Werder-Fan seit den 60er-Jahren, über kurz oder lang ein Muss. "Sonst laufen noch mehr Spieler weg. Wenn man hört, wer sich jetzt alles Gedanken macht, dass er Werder vielleicht verlassen will..." Pizarro? Wiese? Naldo?

"Nur mit ,Jugend forsch' kommt man nicht nach Europa", sagt Jörg Wontorra. Ein Gerüst aus erfahrenen Spielern brauche jede Mannschaft. "So schön das mit Jungspunden ist wie bei Borussia Dortmund zum Beispiel, aber Dortmund hatte jederzeit auch gestandene Spieler in der Startelf."

Und in diesem Punkt sieht Wontorra nicht die Fans, nicht die jungen Spieler, sondern das Management gefordert. "Werders Einkäufe müssen mal wieder zünden", so Wontorra. Sokratis und Francois Affolter funktionierten, ja, aber erstens seien sie selbst noch jung und zweitens Abwehrspieler. "Was Werder braucht, sind kreative Spieler im Mittelfeld, die das Spiel an sich reißen können - und einen Stürmer. Da hat Bremen im Moment nur einen..."

Wontorra also sieht Sportdirektor Klaus Allofs in der Pflicht. Und natürlich den Trainer. Aber über den macht er sich die geringsten Sorgen. "Dass Thomas Schaaf den Neuaufbau vorantreiben soll, finde ich total in Ordnung. Niemand hat sich mehr Gedanken um Werders Jugendkonzept gemacht, niemand kennt die jungen Spieler besser als er."

Und überhaupt, sagt Gerhard Schiepanski, ein besseres Pflaster als Bremen könne es für einen Neuaufbau gar nicht geben. Wenn er an Köln, Berlin, Hamburg oder Frankfurt denke - "da haben alle gleich das Zittern, wenn der schnelle Erfolg ausbleibt. Hier ist man geduldiger". Und zuversichtlicher. Seine Ehefrau Elfriede sagt: "Wenn man allen Beteiligten ein, zwei Jahre Zeit lässt, dann könnte es wieder so werden, wie es zuletzt war."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+