Zurückgeblättert: 10. Juli 2009

„Wieses großer Vorteil“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Mein Werder zeigt die Originaltexte und Zeitungsseiten.
11.07.2019, 13:39
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Von (wkf)
„Wieses großer Vorteil“
Archiv WESER-KURIER

Der WESER-KURIER schrieb am 10. Juli 2009:

Tja. Mein Gott, so isses halt. Wat willste machen, wat willste sagen? Tim Wiese sagt dauernd solche Sachen, es ist ein Markenzeichen von ihm, und wenn es so weitergeht, wird der Werder-Torwart deswegen noch Ehrenpräsident im Verband deutscher Fatalisten. Er, der vor Ehrgeiz brennt. Der Laute, Bunte, Schrille. Der tätowierte, sonnengebräunte, gegelte Keeper mit der Modelfigur. „Wiese ist der geilste Typ der Welt“, sangen Teenager auf der Fähre nach Norderney.

Auf Norderney hat für Tim Wiese eine Saison begonnen, von der man viel sagen kann, aber definitiv nicht, dass es irgendeine beliebige Saison ist. Es ist das Jahr, in dem er den entscheidenden Schritt gehen will. Er will Nummer eins werden, er will im Tor stehen bei der WM. Die WM überlagert diese Saison. Bei Werder kann sich nur Per Mertesacker einigermaßen sicher fühlen, nominiert zu werden. Torsten Frings, langjähriger Nationalspieler, kann das überhaupt nicht. „Klar möchte ich zur WM. Ob man mich lässt, ist etwas anderes.“

In einem Kreis von vier Kandidaten steht Tim Wiese derzeit, gefühlt an 2,5ter Stelle im Moment. Hinter Robert Enke, ein bisschen hinter, aber ganz dicht dran an Rene Adler, vor Manuel Neuer. Sein Vorgesetzter Klaus Allofs, sein Torwarttrainer Michael Kraft sehen ihn viel weiter vorn in dieser Liste, er sich eigentlich auch, aber das behält er lieber für sich. Er würde sich sonst beim DFB alles vermasseln.

Das Rennen sei offen, heißt es offiziell beim DFB, das ist das, woran er sich hält. Er blendet vieles aus, er fühlt sich unheimlich nervenstark. Er hat schon so viel Krasses erlebt in seiner Karriere. Zwei Kreuzbandrisse hintereinander, den fatalen Patzer in Turin, den Rüffel vom DFB für vorlaute Kollegenschelte. Alles weggesteckt. Er sagt, es sei ihm völlig egal, ob die Entscheidung über die Nummer eins im WM-Tor einen Monat oder einen Tag vorm Turnier falle. Das könne er aushalten, locker. „Ich versuch', mein Spiel durchzubringen, und wie's dann läuft, mein Gott...“

Tim Wiese verkneift sich jetzt auf Norderney jegliche Äußerung über seine Konkurrenten. Nur soviel, und so isses doch halt, und dafür kann ihn ja keiner rüffeln: Er sei der Einzige aus dem Kandidaten-Quartett, der in der kommenden Saison wieder international spielt. „Es wurde ja gesagt, dass drauf geachtet wird, wer international spielt“, sagt er.

Mit diesem Vorteil ist es so eine Sache, denkt man sich, wenn man ihm weiter zuhört. Dabei geht es weniger darum, dass Werder auch erst mal die Qualifikationsrunde zur Europa League überstehen muss, sonst läuft der internationale Klub-Fußball ab September nicht nur ohne Enke/Adler/Neuer, sondern auch ohne Wiese. Er sieht das nämlich ähnlich wie einst sein Kaiserslauterer Trainer Eric Gerets, der ihm mal gesagt habe: „Ob Champions League oder Regionalliga, das ist für dich als Torwart egal. Anders ist nur die Atmosphäre.“ Vielleicht kämen die Schüsse etwas härter, sagt Wiese, aber ansonsten? Mein Gott, so isses doch.

Bundes-Torwarttrainer Andreas Köpke hatte jüngst noch einmal bekräftigt, was er bereits im Winter angedeutet hatte. Wer im Oktober gegen Russland das deutsche Tor hütet, der habe zwar keineswegs einen Freibrief für die WM, aber eine gewisse Vorentscheidung sei es dann schon. Am 10. Oktober geht es in Moskau ums Eingemachte in der WM-Qualifikation. „Ich werde alles tun, um da im Tor zu stehen“, sagt Wiese. Aber, mein Gott, entscheiden kann er das ja nun auch nicht, das macht der Trainer.

Auf Norderney zeigt er schon mal, wie fit er ist. Schlank und rank sieht er ja aus seit einem Jahr, er rennt am Strand morgens, wenn es gilt, acht Kilometer zu schaffen, in der ersten Laufgruppe. Er ärgert sich, dass wegen Regens abgebrochen werden musste am Dienstagvormittag. Er hätte im Training gern länger im Feld gespielt. Das Mitspielen galt lange als ein Schwachpunkt von ihm, da hat er aufgeholt. Er fühlt sich viel reifer jetzt mit seinen 27, er ist „nicht mehr so hektisch“, er schläft besser vor Spielen, nach Spielen.

Er spürt die Routine, spürt die Kraft, die ihm der Triumph letztens im Hexenkessel von Hamburg gab. Er hatte den HSV gereizt, mit einem frechen Spruch, das Stadion brodelte, alle waren gegen ihn, und er war am Ende trotzdem der Elfmeterheld. Tja, so isses gewesen.

Das hochauflösende PDF der originalen Zeitungsseite von damals gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).

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