Einschätzung zum Selke-Wechsel (2)

Wieso denn nicht?

Das soll nicht wahr sein können? Wieso das denn nicht? Wer Davie Selkes Wechsel nach Leipzig für einen Skandal hält, der ist ein Romantiker von vorgestern – und ganz schön naiv. Das meint Andreas Lesch.
02.04.2015, 00:00
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Wieso denn nicht?
Von Andreas Lesch

Das soll nicht wahr sein können? Wieso das denn nicht? Wer Davie Selkes Wechsel nach Leipzig für einen Skandal hält, der ist ein Romantiker von vorgestern – und ganz schön naiv. Die Wahrheit ist doch: Der Profifußball ist ein unromantisches Geschäft, und in diesem Geschäft haben Werder und Selke gerade einen echt guten Deal gemacht.

Der Klub bekommt eine Ablöse von angeblich acht Millionen Euro – für einen Angreifer, der gerade mal sechs Bundesliga-Tore erzielt hat, der noch reifen muss und der bei allem Talent doch auch fußballerisch limitiert ist. Wenn der Klub in der Vergangenheit hohe Transfererlöse erzielt hat, dann für Spieler, die weiter entwickelt und höher begabt waren als Selke; erinnert sei nur an Rudi Völler, Karl-Heinz Riedle, Miroslav Klose, Diego oder Mesut Özil.

Werder braucht die Selke-Millionen dringend, um seinen Haushalt in den Griff zu bekommen. In den vergangenen drei Geschäftsjahren hat der Klub insgesamt 31,6 Millionen Euro Minus gemacht. Die Rücklagen von einst fast 40 Millionen Euro sind beinahe aufgebraucht, und auch im laufenden Geschäftsjahr droht wieder ein dickes Minus. Das klingt nicht nur ernst, das ist auch ernst. Wer den Bremern nun vorwirft, sie würden durch die Abgabe des Angreifers Selke ihre Zukunft verkaufen, der ignoriert, dass sie erst einmal finanziell gesund werden müssen, um sportlich überhaupt eine Zukunft zu haben.

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Natürlich hat es hübsch ausgesehen, wie Trainer Viktor Skripnik in den vergangenen Monaten eine neue, frische, junge Werder-Mannschaft aufgebaut hat. Aber es war doch klar, dass diese Mannschaft nicht ewig so zusammenbleiben würde. Und überhaupt: Diese Mannschaft ist doch jetzt, durch einen Abgang, nicht zerstört! Ob Levent Aycicek oder Marnon Busch, Melvyn Lorenzen, Janek Sternberg oder Maximilian Eggestein: Sie sind und bleiben alle da – und man darf sicher sein, dass Trainer Skripnik weitere Jünglinge entdecken und entwickeln wird. Zudem haben die Stammkräfte Zlatko Junuzovic und Theodor Gebre Selassie ihre Verträge verlängert, und wer weiß: Vielleicht helfen die frischen Millionen ja, auch den herausragenden Stürmer Franco Di Santo in Bremen zu halten.

Und Selke selbst? Es ist albern, ihm vorzuwerfen, dass er um des Geldes willen in die zweite Liga wechselt und seine Karriere gefährdet, um sein Konto zu füllen. Vielleicht denkt er einfach nur einen Schritt weiter. Klar ist doch: Mittelfristig sind die reichen Leipziger eine mindestens so attraktive Adresse wie die längst nicht mehr reichen Bremer. Die Mannschaft, die dort entsteht, ist eines der spannendsten Projekte im deutschen Fußball – auch wenn das vielen Fans nicht gefällt. Wenn Selke eine Schlüsselfigur in diesem Projekt sein kann, wenn er die Tore für ein Team schießen soll, das aufgebaut wird, um einmal in der Champions League zu spielen – dann ist das für einen jungen Spieler wie ihn ein absolut reizvolles Ziel.

Aber hat er nicht immer wieder betont, wie wohl er sich bei Werder fühlt, wie sehr er den Verein mag und wie dankbar er ihm ist? Ja, das hat er. Und jetzt geht Davie Selke. Aber man sollte ihm nicht böse sein, sondern dankbar – weil er zum Abschied einen dicken Batzen Geld da lässt.

>> Sie sind da ganz anderer Meinung? Dann lesen Sie hier, wie Marc Hagedorn den Selke-Wechsel einschätzt

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