Gute Vorbereitung ist kein Maßstab Willkommen in der Realität

Irgendwie war das komisch. Wer am Sonnabend im Weserstadion Werders 0:3 gegen Schalke verfolgt hatte, der wurde das Gefühl nicht los: Schalke ist wohl doch eine Nummer zu groß für Werder.
17.08.2015, 00:00
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Willkommen in der Realität
Von Olaf Dorow

Irgendwie war das komisch. Wer am Sonnabend im Weserstadion Werders 0:3 gegen Schalke verfolgt hatte, der wurde das Gefühl nicht los: Schalke ist wohl doch eine Nummer zu groß für Werder. Wer danach mit den Bremer Spielern sprach, konnte sich anhören, dass Werder ganz gut dran war an den Schalkern, dass der Gegner keineswegs drückend überlegen war, dass nur der – mögliche – Ausgleich hätte fallen müssen, um ein komplett anderes Spiel zu haben.

Wer auf die Fakten sah, musste anerkennen, dass es erst dieses unglückliche Eigentor von Theo Gebre Selassie war, das Schalke nach vorn brachte. Und wer in die Datenbank schaute, las dort wenig von königsblauer Übermacht. Werder hatte die höhere Passquote und hatte auch mehr Pässe gespielt. Hatte mehr Zweikämpfe gewonnen und mehr Ballbesitz. „Das war kein 0:3-Spiel“, sagte Gebre Selassie.

Was war es dann? Voreilig wäre es, jetzt schon größere Rückschlüsse auf den Saisonverlauf ziehen zu wollen. „Das können wir nach fünf bis zehn Spieltagen machen“, sagte Verteidiger Assani Lukimya direkt nach dem Spiel. Er sagte aber auch etwas, das als erster Fingerzeig für die junge Saison durchaus taugte. „Dieses Spiel hat gezeigt“, sagte Lukimya, „dass da noch Luft nach oben ist.“ Tags darauf fiel erneut diese Formulierung beim Versuch, Werders ergebnismäßig total missratenen Start einzuordnen. Diesmal sprach Kapitän Clemens Fritz davon, dass da noch Luft nach oben sei.

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Er sprach von „den letzten Prozenten“, die gefehlt hätten, vom letzten „unbedingten Willen“. Er widersprach der Ansicht, Schalke sei deutlich überlegen gewesen. Er widersprach nicht der Ansicht, dass Schalke die besseren Spieler habe, dass Werder quasi über sein Limit gehen müsse, um mit solchen Teams mitzuhalten – und dass es eine schwere Saison werden würde. „Es muss uns allen bewusst sein, dass wir alle sehr, sehr intensiv arbeiten müssen“, sagte er. „Willkommen in der Realität“, so lautete die entsprechende Version seines Trainers dazu.

Viktor Skripniks Anmerkung passte zu dem Gefühl, das wohl viele im Stadion beschlichen hatte. Ein Gefühl der Ernüchterung. Nach einer – abgesehen von Franco Di Santos Blitzabgang – harmonischen wie erfolgversprechenden Vorbereitung hatte wohl so mancher Betrachter Werder schon weiter gesehen. So mancher Fan, so mancher Reporter. „Diese Vorbereitung kann man nicht als Maßstab nehmen“, sagt Fritz. Er habe doch schon den ganzen Sommer lang darauf hingewiesen, dass man bloß nicht zu viel auf die Testergebnisse geben solle und dass vielleicht sogar mal eine Niederlage in einem Testspiel gar nicht so schlecht gewesen wäre.

Werder war im Winter das Team mit dem großen Herzen, dem neuen Mut und der bedingungslosen Leidenschaft. Es wollte sich im Sommer auch rein fußballerisch weiterentwickeln. Wollte ein höheres Tempo gehen, schneller umschalten, sauberer passen. Mehr spielen sozusagen. Als vorteilhaft wurde dabei gedeutet, dass das Ensemble im Wesentlichen zusammengeblieben ist, was den oft zitierten Automatismen im Spiel sehr zuträglich sein sollte.

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Nach einem holprigen Pokalspiel sowie einem zu fehlerhaften und zu unentschlossenen ersten Auftritt in der Liga muss die Frage nach den Fortschritten erst mal verschoben werden. Ein Verdacht lässt sich dabei nicht wegschieben: Werder wird sich weiterhin vor allem über diese totale Leidenschaft definieren müssen. Gegner dank der Kombinationen, des Tempos, der Spielidee oder der Geniestreiche zu besiegen – das könnte die Ausnahme bleiben. Und ein schweres Unterfangen werden, erst recht bei der angedachten verstärkten Jugendförderung.

Im Lichte der besonderen Jugendförderung stand dabei das Spiel gegen Schalke gar nicht. Anders als noch im Pokalspiel von Würzburg lief weder der junge Maximilian Eggestein noch der junge Florian Grillitsch zum Mittelkreis, als es losging. Das Mittelfeld wurde zunächst gebildet durch Kräfte, die größtenteils schon sehr lange für Werder auflaufen. Die sich untereinander gut kennen sollten, die eigentlich auch jeden Laufweg des Kollegen kennen sollten. Clemens Fritz, Philipp Bargfrede, Zlatko Junuzovic und Fin Bartels bringen es im Quartett auf eine Erfahrung von 501 Bundesliga-Spielen – wenn man nur ihre Spiele für Werder rechnet.

Gegen die Schalker, für die im Mittelfeld der 20-jährige Leon Goretzka und die 22-jährige Neuverpflichtung Johannes Geis aufliefen, kamen aus Werders Mitte zu selten Impulse im Vorwärtsgang. In der Rückwärtsbewegung konnte hier der Pass zum vorentscheidenden 0:2 durch Choupo-Moting nicht unterbunden werden. Dazu kamen etliche leichte Ballverluste. Gerade das routinierte Bremer Mittelfeld hatte nicht so funktioniert, wie es hätte funktionieren müssen gegen das neue, das robuste wie selbstbewusste Schalke, das schon am Pokalwochenende einen starken Eindruck hinterlassen hatte.

Doch auch in diesem Punkt war das irgendwie komisch: Wer wollte anhand der Fakten schon beweisen, dass Werder das Spiel im Mittelfeld verloren hatte? Das 0:1 war ein Eigentor des Rechtsverteidigers. Das 0:3 leitete ein Ballverlust des Linksverteidigers ein. Fritz warnte: „Wir dürfen jetzt nicht anfangen, alles in Frage zu stellen.“ Das wäre dann erst recht kein guter Anfang für diese Saison.

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