Werder-Legende Borowka im Interview

„Wir haben aus dem Fall Enke nichts gelernt“

Werder-Legende Uli Borowka nimmt kein Blatt vor den Mund: Lothar Matthäus und Oliver Kahn nennt er Dummschwätzer, dem DFB wirft er Ignoranz vor. Aber auch mit sich selbst geht er im Interview hart ins Gericht.
21.02.2019, 11:13
Lesedauer: 5 Min
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Von Lars Fischer

Herr Borowka, Sie sind zweifacher deutscher Meister, DFB-Pokal- und Europapokalsieger geworden. Aber was in der Öffentlichkeit hängen geblieben ist, sind ihre Alkoholsucht und Gewalteskapaden. Wie leben Sie damit?

Uli Borowka: Natürlich werde ich immer darauf angesprochen. Ein trockener Alkoholiker hat in unserer Gesellschaft ein schweres Leben. Ich habe nach meiner Krankheit versucht, ins Leben zurückzukommen. Ich war in der Entzugsklinik und habe mich danach gefreut, dass ich wieder etwas auf die Beine stellen konnte. Ich habe mich als Jugend- oder Co-Trainer bei 20 Vereinen beworben – und 22 Absagen bekommen. Zwei Vereine hatten sich schon mal prophylaktisch gemeldet, falls ich bei denen auch anklopfe.

Warum war das so?

Wir sagen nicht: „Toll, der hat etwas gegen seine Krankheit getan, der hat eine Chance verdient.“ Wir sagen: „Stell dir mal vor, der wird rückfällig. Den können wir gar nicht einstellen!“ Damit habe ich oft zu kämpfen. Aber ich habe früher schon ein breites Kreuz gehabt, heute habe ich ein noch breiteres. Jeder hat sicher ein oder zwei Suchtkranke in seinem Verwandten- und Freundeskreis. Ich möchte deutlich machen, dass wir mit solchen Menschen anders umgehen müssen.

Könnten Sie mit Ihren Erfahrungen jungen Sportlern ganz andere Dinge mitgeben als ein Trainer mit Vorzeige-Karriere?

Absolut. Per Mertesacker sprach ja unlängst offen über seine Probleme, die er vor den Spielen hatte. Und dann kommt ein sogenannter Vorzeige-Profi wie Lothar Matthäus und maßt sich an, diesen Menschen anzugreifen. Da kann ich nur sagen: Der denkt nicht nach, bevor er etwas sagt. Aber das kommt wohl bei ihm öfter vor, er macht ja auch Werbung für Wettportale – wie übrigens Oliver Kahn auch. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit; der DFB macht eine Kampagne „Keine Macht den Drogen“ und für sauberen und fairen Sport. Und die setzen sich für Portale ein, von denen wir wissen, dass es in den vergangenen Jahren nachweislich massive Probleme gegeben hat. Matthäus hat vergessen, was er mir mit 20 Jahren bei Mönchengladbach gesagt hatte: „Ich glaube, ich gehe an dem Druck kaputt!“ Ich bin froh, dass Per Mertesacker die Nachwuchsakademie bei Arsenal London übernimmt, um Jugendliche auf das Leben vorzubereiten, und dass Lothar Matthäus in Deutschland nie Trainer geworden ist. Aber das ist eine gute Pointe: Ich habe viele Absagen bekommen, Matthäus hat wahrscheinlich noch mehr bekommen!

Wie würden sie Ihre Vita knapp beschreiben?

Ich war 16 Jahre Fußballprofi, 16 Jahre Alkoholiker, 14 Jahre medikamentenabhängig und vier Jahre spielsüchtig. Ich habe riesen Probleme gehabt. Ich habe mich da raus gekämpft und setze mich heute für Kinder aus suchtkranken Familien ein, für Menschen aus allen Schichten, die Probleme haben, und für Jungprofis. Da haben wir genug zu tun, und da muss ich nicht solche Dummschwätzer wie Matthäus oder Kahn haben.

Haben Sie den Eindruck, dass der Fall Robert Enke wenig verändert hat im Profisport?

Wir haben nichts daraus gelernt. Nach einer Woche war wieder Alltag. Der DFB begegnet den Problemen mit Ignoranz. Es wird immer mal wieder darauf hingewiesen, aber geändert hat sich gar nichts. Die Probleme in der Gesellschaft haben eher noch zugenommen, aber es wird schön geredet.

Wäre ein Doppelleben wie Ihres heute in der Fußball-Bundesliga noch möglich?

Natürlich. Es gab vor vier Jahren eine Studie der internationalen Spielervereinigung – in ganz Europa außer Deutschland. Dabei ist herausgekommen, dass 19 Prozent der aktiven Sportler suchtkrank waren. Bei den Ehemaligen waren es 34 Prozent. Psychisch belastet waren 20 Prozent und bei den Ex-Profis 40 Prozent. Das ist gravierend. Wir reden über Alkohol, Medikamente, Drogen, Spielsucht und Internetsucht, die uns heute am meisten Probleme bereitet. Wir leben in einer kranken Gesellschaft, und das macht nicht davor halt, welchen Beruf man hat. Wenn man in der Öffentlichkeit steht und von allen Seiten beäugt wird, dann hat man es doppelt schwer.

Wie hatte Ihr Dilemma begonnen?

Ich konnte den Alkohol noch nie kontrollieren. Schon während der Lehre als Maschinenschlosser konnte ich nie nach zwei Gläsern sagen, jetzt ist Schluss. Ich musste immer mehr trinken als alle anderen. Als Jungprofi mit 19, 20 Jahren hatte ich Versagens- und Existenzängste. Darüber konnte ich nicht reden, dann wäre ich nie weiter gekommen.

Hätte es Ihnen geholfen, wenn Ihre Sucht nicht gedeckt worden wäre und man hätte Sie quasi enttarnt?

Nein, ich habe diejenigen, die mir helfen wollten, weggedrängt, sie im Training getreten oder verletzt, damit sie nicht wiederkamen. Ich brachte ja Leistung, ich war Publikumsliebling – niemand konnte mir etwas anhaben. Ich war immer der Meinung, ich hätte keine Probleme, selbst die ersten drei Wochen in der Klinik noch. Ich gehörte nicht dahin, aber alle anderen 200, die da waren, schon.

Ihr Spitzname war „Die Axt“, Sie waren der Verteidiger, der alles weggehauen hat. Haben Sie sich selber in eine Art Teufelskreis gespielt?

Ich war selbstverliebt und hatte meinen Ruf als härtester Abwehrspieler der Liga zu verteidigen. Das war ein brutales Leben. Ich bin über die Jahre hinweg immer einsamer geworden, niemand wollte mehr etwas mit mir zu tun haben. Dann brauchte ich den Alkohol irgendwann auch, um vor mir selber Ruhe zu haben. Ich war ein selbstherrlicher Großkotz, und mein Charakter veränderte sich immer mehr. Die Mischung war hochexplosiv.

An welchem Punkt hat es den entscheidenden Impuls zur Therapie gegeben?

Ich bin eines Morgens im Februar 2000 aufgewacht und lag unter einer Brücke. Ich muss wohl im Delirium sieben oder acht Meter tief da runter gestürzt sein. Ich hatte eine schwere Kopfverletzung, bin dann aber noch blutüberströmt und ohne Zähne zur Geschäftsstelle von Borussia Mönchengladbach gelaufen. Ich wollte mit Christian Hochstätter, meinem früheren Mitspieler und dem damaligen Sportdirektor, eine Tasse Kaffee trinken. Christian ist ein Mensch, der redet nicht lange, sondern agiert sofort. Er hat zusammen mit anderen einen Platz im Entzug für mich klar gemacht und hat mich dann später einfach abholen lassen. Alleine wäre ich da nie hingegangen.

Denken Sie, es wäre ohne Alkohol in Ihrer Karriere noch viel mehr möglich gewesen?

Nein, nie. Ich habe alles mitgenommen in meinem Leben. Aus dem wenigen Talent, das ich hatte, habe ich das Optimum raus gequetscht. Ich habe die 16 Jahre als Profispieler geliebt, mit allen Höhen und Tiefen, und stehe heute wieder mit zwei Beinen im Leben. Ich hatte immer ein Leben in Extremen, früher wie heute. Wir können Menschen retten und wir verlieren Menschen, das gehört alles dazu.

Zur Person:

Ulrich „Uli“ Ernst Borowka (56) spielte von 1981 bis 1996 388 Mal in der Bundesliga für Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen. Mit Werder wurde der Verteidiger 1988 und 1993 Deutscher Meister, gewann 1991 und 1994 den DFB-Pokal und 1992 den Europapokal der Pokalsieger. 2012 veröffentlicht er mit Alex Raack das Buch „Volle Pulle. Mein Leben als Fußballprofi und Alkoholiker“.

Info

Zur Person

Ulrich „Uli“ Ernst Borowka (56)

spielte von 1981 bis 1996 388 Mal in der Bundesliga für Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen. Mit Werder wurde der Verteidiger 1988 und 1993 Deutscher Meister, gewann 1991 und 1994 den DFB-Pokal und 1992 den Europapokal der Pokalsieger. 2012 veröffentlicht er mit Alex Raack das Buch „Volle Pulle. Mein Leben als Fußballprofi und Alkoholiker“.

Weitere Informationen

Uli Borowka ist am Donnerstag, 28. Februar, ab 19 Uhr im Autohaus Geffken an der Falkenberger Landstraße 109 in Lilienthal zu einer Lesung zu Gast. Wer dabei sein möchte, muss sich unter 04298/ 90 930 anmelden.

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