Marco Bode im Interview

„Wir hatten viel, viel größere Hoffnungen"

Werders Aufsichtsratsvorsitzender spricht im WESER-KURIER über die historisch schlechte Hinrunde des Klubs, mögliche Zugänge im Winter und Fehleinschätzungen innerhalb der Vereinsführung.
03.01.2020, 13:18
Lesedauer: 6 Min
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„Wir hatten viel, viel größere Hoffnungen
Von Christoph Sonnenberg
„Wir hatten viel, viel größere Hoffnungen"

Werders Aufsichtsratsvorsitzender Marco Bode

Nordphoto

Herr Bode, mit 14 Punkten und Rang 17 war es die schlechteste Hinrunde in Werders Historie. Gibt es dennoch etwas Gutes, das Ihnen zum ersten Teil der Saison einfällt?

Marco Bode: Wir sind noch im Pokal, ein Wettbewerb, der für uns eine gewisse Bedeutung hat. In der Bundesliga ist tatsächlich viel schief gelaufen, nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben. Auf der anderen Seite war auch nicht alles schlecht. Die letzten Wochen vor Weihnachten geben uns kein gutes Gefühl. In der ersten Phase haben wir teilweise gute Spiele gezeigt. Aber wir haben – da sind wir schon bei einer psychologischen Ursache – die engen Spiele häufig nicht gewonnen.

Sie sind 1988 nach Bremen gekommen und damit über 31 Jahren im Verein. In dieser Zeit hat Werder viele Höhen und Tiefen erlebt. Wo ordnen Sie die aktuelle Situation ein?

Betrachtet man nur die Punkte und den Tabellenplatz, ist es ein historisch schlechtes Ergebnis bis hierher. Es ist eine Situation, die wir ernst nehmen müssen. Wir werden alles dafür tun, die Klasse zu halten. Wir alle sind trotz der bedrohlichen Situation der Meinung, das zu schaffen.

Es gab schon schlimmere Situationen, in denen sich der Verein befunden hat?

Zum vergleichbaren Zeitpunkt sicherlich selten, Platz 17 ist die Wahrheit. Andererseits ist noch eine Rückserie zu spielen. Wenn ich das mit 1999 vergleiche, als nur noch vier Spieltage zu spielen waren oder 2016, war das auch sehr bedrohlich. Wir haben es hinbekommen, mit der Unterstützung unserer Fans. Deshalb bin ich sicher, dass wir es wieder schaffen. Aber: Niemand darf das unterschätzen. Wir müssen zusammen bleiben, niemand darf nur auf sich schauen. Sonst kann das in die falsche Richtung gehen. Das sind keine Parolen, das ist die Wahrheit.

Trifft der Eindruck zu, dass Werder überrascht wurde von der Situation, dass nicht alles nach Plan lief?

Mit dem Kader, mit dem wir in die Saison gehen wollten, haben wir es sicherlich nicht erwartet, in diese Situation zu kommen. Bedenkt man, was uns alles passiert ist, wer alles ausgefallen ist und wie unsere Leistungen waren, ist es vielleicht ein Stück weit erklärbar. Trotzdem, zugegeben, wir hatten eine andere Vorstellung vom Verlauf der Saison. Überraschung ist vielleicht das falsche Wort, aber wir haben viel, viel größere Hoffnungen gehabt.

Muss ein Klub mit den finanziellen Mitteln Werders, wie Augsburg, Köln oder auch Mainz, nicht immer damit rechnen, in der Tabelle unten zu stehen, weil der Kader nicht breit genug aufgestellt sein kann?

Ja, im Großen und Ganz ist das so. Wir befinden uns in einem Wettbewerb auf sehr hohem Niveau, wenn da das eine oder andere nicht funktioniert, kann man sehr schnell in diese Regionen der Tabelle geraten. Machen wir uns nichts vor, Stuttgart, Hannover, Hamburg gehören auch zu dieser Kategorie und sie sind abgestiegen. Auch Hertha, Frankfurt und viele andere gehören dazu, sie alle kann es erwischen. Unser Minimalziel sollte immer sein, die Klasse zu halten.

In den letzten Jahren war es ein anderes Ziel.

Wir haben hier in den letzten Jahren eine Entwicklung gesehen, deshalb haben wir bereits letztes Jahr ein ambitioniertes Ziel formuliert. Ich glaube nicht, dass es daran liegt. Wenn jemand sagt, die Zielformulierung sei die Ursache für die Hinrunde, halte ich das für Unsinn. Die meisten Ursachen sind völlig klar. Wir haben nicht ansatzweise mit dem Kader spielen können, mit dem wir es wollten. Darüberhinaus haben wir alle es an bestimmten Punkten nicht so hinbekommen, wie wir es geglaubt haben. Das betrifft die Form von Spielern, genauso wie die eine oder andere Entscheidung. Aber wir müssen jetzt nach vorne schauen und versuchen, die nötigen Punkte für den Klassenerhalt zu holen.

Ist der Verlauf der Hinrunde Beleg dafür, dass es für Werder kaum möglich ist, langfristige Entwicklungen zu planen?

Definitiv. Aber wir haben ja schon gesagt, dass eine stetige Entwicklung nicht planbar ist. Wir arbeiten, um die Wahrscheinlichkeit für Erfolg möglichst hoch zu halten. Von Platz 13 auf Platz zehn zu Platz fünf – so kann niemand im Fußball planen. Nicht mal Dortmund, Leipzig, Wolfsburg, die andere finanzielle Möglichkeiten haben, können das. Das ist also keine neue Erkenntnis, sie fühlt sich gerade aber sehr hart an.

Nach dem 0:1 beim 1. FC Köln haben Sie gesagt: „Wir steigen alle zusammen ab und wir bleiben alle zusammen drin.“ Bedeutet das, Florian Kohfeldt und Frank Baumann werden auch im Falle des Abstiegs bleiben?

Ich habe es vielleicht in der Emotionalität der Situation ein bisschen provokativ ausgedrückt. Der Satz fiel im Zusammenhang mit meiner Aussage, dass wir es alle gemeinsam schaffen werden. Aber ich wollte auch deutlich machen, dass wir eine Gemeinschaft sein müssen. Die, egal wie es weiter geht, in den kommenden Monaten, die nicht leicht werden, zusammenstehen soll. Ich sehe allerdings auch nicht, was uns auseinander treiben sollte. Wir sind überzeugt, dass wir mit diesem Team richtig aufgestellt sind.

Was macht Florian Kohfeldt und Frank Baumann zu den richtigen Personen?

Florian ist der perfekte Trainer für uns. Er hat Nähe zu den Spielern, Menschlichkeit, hohe fachliche Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit nach innen und außen. Das sind alles wichtige Fähigkeiten. Frank steht für diesen Klub, eine kontinuierliche Verbesserung des Kaders, für Professionalisierung in allen Bereichen. Bei den Verpflichtungen vor der Saison haben wir mit Verletzungen sehr viel Pech gehabt. Sicher haben wir da alle gemeinsam die eine oder andere Fehleinschätzung getan. Aber diese Fehleinschätzungen fielen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Deshalb meine ich, dass wir jetzt nicht hysterisch werden dürfen und die Stärken, die wir haben, infrage stellen sollten.

Sie sind Vorsitzender des Aufsichtsrats, dem insgesamt sechs Personen angehören. Besprechen Sie sich, bevor Sie Trainer und Geschäftsführer Rückendeckung geben, mit den anderen Mitgliedern des Kontrollgremiums?

Ich bespreche mich mit ihnen, kenne aber ihre Meinung, da wir ständig in Kontakt stehen. Ich kann da für alle sechs Personen sprechen. Das gilt für beide, Trainer und Geschäftsführung, auch wenn wir in erster Linie für die Geschäftsführung verantwortlich sind. Wir wissen, dass in vielen Klubs die Trainer-Frage jetzt schon ein riesiges Thema wäre. Es spricht für Florian und Frank, dass das Thema bei uns gar nicht aufkommt. Am Ende wird uns das helfen, glaube ich. Trotzdem werden wir in den nächsten Wochen alles dafür tun, um erfolgreich in die Rückrunde zu starten, um dann möglichst schnell so viele Punkte zu sammeln, um das Schlimmste zu verhindern. Da halten wir alle zusammen.

Kohfeldt hat gesagt, dass Werder nicht unten stehen würde, ohne Fehler gemacht zu haben. Sie haben von Fehleinschätzungen gesprochen. Welcher Fehler sehen Sie?

Wir haben in den letzten Wochen intensiv analysiert, welche Dinge nicht gut gelaufen sind. Und das wird auch noch weiter geschehen. Was das ist, möchte ich nicht öffentlich machen. Es ist jetzt wichtig, jede Analyse nach vorne auszurichten und zu schauen, was getan werden muss, um das Minimalziel zu erreichen.

Früher, diese Zeiten haben Sie als Spieler erlebt, hat Werder in sportlich schwierigen Zeiten schon mal den Vertrag mit Otto Rehhagel verlängert, als Demonstration von Einheit. Ist das jetzt mit Frank Baumann auch denkbar, über dessen Vertragsverlängerung schon länger spekuliert wird?

Meine Wertschätzung für Frank habe ich schon benannt. Ich denke, Werder und Frank sollten langfristig weiter zusammenarbeiten. In den kommenden Wochen exemplarisch die Verlängerung voran zu treiben, davon halte ich nichts. Der Fokus liegt darauf, den Klassenerhalt zu schaffen. Dann ist im Sommer ein guter Zeitpunkt, diese Gespräche aufzunehmen.

Im vergangenen Sommer ist Werder finanziell enorm ins Risiko gegangen, kein Spieler wurde verkauft, trotzdem wurde investiert. Gibt es finanziellen Spielraum, jetzt nachzulegen?

Es gibt immer Spielräume. Grenzen gibt es aber natürlich auch, aber wenn wir alle der Meinung sind, dass wir jetzt Spieler verpflichten können, die uns kurzfristig weiter helfen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, die Klasse zu halten, werden wir alles dafür tun, das umzusetzen. Dann würden wir auch gegebenenfalls weiter ins Risiko gehen.

Wo sehen Sie den größten Bedarf, nachzubessern?

Da will ich Frank nichts vorwegnehmen. Er wird das zusammen mit Florian und der Scouting-Abteilung genau analysieren. Natürlich ist offensichtlich, dass uns in allen Bereichen wichtige Spieler gefehlt haben oder weiter fehlen. Niclas Füllkrug im Sturm, auch Josh Sargent hat uns als etwas anderer Typ gefehlt. Yuya Osako ist auf dem Zahnfleisch gelaufen. Im Mittelfeld und der Abwehr haben durch Verletzungen von Toprak und Moisander wichtige Spieler gefehlt, jetzt steht Theo Gebre Selassie nicht zur Verfügung. Im Defensiv-Verbund, ohne eine bestimmte zu Position zu nennen, wäre es meiner Ansicht nach etwas wichtiger als in der Offensive.

Was erwarten Sie von der Rückrunde? Zuletzt spielte Werder diese meist stärker als den ersten Teil der Saison.

Es gibt keine Sicherheit, dass die Rückrunde von alleine besser läuft. Von daher erwarte ich, dass sich alle fokussieren, sich alle dem Ziel Klassenerhalt unterordnen. Und trotzdem mit einer gewissen Freude und Lockerheit in die Vorbereitung gehen. Wir brauchen eine Situation, in der wir nicht ständig verkrampfen, sondern schnell Selbstvertrauen aufbauen. Wenn wir an uns selbst glauben, sind wir in der Lage, dieses Ziel zu erreichen.

Das Gespräch führte Christoph Sonnenberg.

Info

Zur Person

Marco Bode (50)

hat seine gesamte Karriere als Fußball-Profi von 1989 bis 2002 für Werder gespielt. Er wurde mit Deutscher Meister, Pokalsieger, Europapokalsieger und mit Deutschland 1996 Europameister. Bode ist einer von Werders acht Ehrenspielführer. Nach seiner Karriere ist zunächst einfaches Mitglied des Aufsichtsrates des Vereins geworden, mittlerweile ist er Vorsitzender.

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