Bode und Todt im MEIN-WERDER-Interview

„Wir kriegen am Samstag die Kurve“

Werders Aufsichtsratsvorsitzender Marco Bode und HSV-Sportchef Jens Todt glauben an einen Sieg ihrer Teams beim Nordderby – sonst werden die Probleme noch größer. Das MEIN-WERDER-Doppelinterview.
28.09.2017, 07:00
Lesedauer: 9 Min
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Von Marc Hagedorn und Christoph Sonnenberg
„Wir kriegen am Samstag die Kurve“

Marco Bode (l.) mit Jens Todt beim Tippkick.

nordphoto

Es ist Nordderby-Zeit. Welchen Stellenwert hatte das Spiel Werder gegen den HSV zu Ihrer aktiven Zeit?

Todt: Für mich als Spieler einen ähnlichen wie heute, auch wenn insgesamt die mediale Aufmerksamkeit inzwischen größer ist. Aber man hat es auch damals in der ganzen Stadt mitgekriegt, egal, wo man hinging, zum Bäcker, zur Tankstelle – da hat man gespürt, dass den Leuten ein Sieg gegen den Nordkonkurrenten etwas mehr bedeutet als ein „normaler“ Sieg.

Bode: Das Derby war immer eines der Top-3-Spiele in der Saison. Für die Generation in den 90ern waren die Spiele gegen die Bayern noch ein wenig größer. Werder gegen Bayern waren damals noch Duelle auf Augenhöhe, es ging um die Tabellenführung. Das ist ja leider nicht mehr so, das Duell gegen Bayern sehnt heute niemand mehr herbei (lacht). Seit ein paar Jahren ist deshalb das Duell mit dem HSV für die Spieler das Größte.

Gibt es spezielle Erinnerungen an ein Nordderby, Herr Todt?

Todt: Ich kann mich generell nur an Siege erinnern (lacht).

Sie haben mit Werder keines gegen den HSV gewonnen.

Todt: Meine Jahre in Bremen waren nicht Werders sportlich erfolgreichste Zeit. Es waren für Werder untypische Jahre. Vier Trainer: Dixie Dörner, Wolfgang Sidka, Felix Magath, Thomas Schaaf – absolut ungewöhnlich. Der Verein musste sich nach Otto Rehhagel neu finden. Genau diese Phase habe ich erwischt. Da hab ich mich schon manchmal gefragt: Was ist denn hier los?

Sie kommen aus Nienburg. Werder-Land?

Todt: Ja, auch Werder, aber genauso Hannover 96 und HSV. Nienburg liegt sozusagen in einem Grenzgebiet.

Und Jens Todt war Fan von…?

Todt: (lacht) Es gibt von mir ein Foto bei einem Vorlesewettbewerb in der Schule. Elf Jahre alt muss ich da gewesen sein. Und ich trage ganz stolz und fein rausgeputzt das BP-Trikot vom HSV.

Bode: Beim Vorlesewettbewerb? Bist aber nicht ins Finale gekommen, oder?

Todt: Bin Zweiter geworden.

Und Sie, Herr Bode, wie erinnern Sie die Zeit mit Jens Todt bei Werder? Was war er für ein Spieler?

Todt: Technisch brillant. (lacht)

Bode: Ja, genau. Es stimmt alles, was Jens sagt. Es war eine Übergangszeit, es gab immer wieder Schwankungen. Es waren durchwachsene Jahre. Wirklich in Abstiegsgefahr waren wir aber nur unter Magath.

Marco Bode gilt als Identifikationsfigur bei Werder. War das auch schon als Spieler so?

Todt: Absolut. Er hat ja immer wieder auch Angebote von anderen Vereinen gehabt, ist aber immer hier geblieben, auch wenn er manchmal etwas länger überlegt hat (lacht).

Welche Klubs waren das damals? Jetzt können Sie es ja verraten, Herr Bode.

Bode: Bayern, Dortmund. Und Dieter Hoeneß hat es mehrfach versucht (Hoeneß war damals Manager bei Hertha BSC, Anm. d. Red.). Aber ich hatte mich ja im Grunde recht früh entschieden, dass ich in Deutschland nicht wechseln möchte. Im Hinterkopf hatte ich England. Und da gab es einmal Kontakt zum FC Liverpool, aber da hat es leider nicht zu 100 Prozent gepasst. Es war nicht das Liverpool von heute, der Klub hatte eine schwierige Übergangszeit, Kalle Riedle hatte mir ein bisschen was davon erzählt – im Nachhinein wäre es ein guter Zeitpunkt gewesen. Es kam schließlich Gerard Houllier als Manager, Didi Hamann hat dann dort gespielt, Christian Ziege, und es folgten gute Jahre. Aber ich trauere dem nicht nach. Das ist Vergangenheit.

Die Gegenwart ist: Werder steht ohne Sieg auf Platz 17, der HSV auf Platz 15.

Bode: Wir sind beide in einer Situation, in der wir nicht sein wollten. Der HSV hat einen Superstart hingelegt, ich habe den HSV da teilweise sehr stark gesehen. Der HSV hat drei Punkte mehr, die wollen wir am Samstag aufgeholt haben.

Dann hätte Werder schon mehrere Saisonziele erreicht: vom Abstiegsplatz runter, Derby gewonnen und vor dem HSV in der Tabelle.

Bode: Wir haben eigentlich andere Ziele in den Blick genommen. (schmunzelt) Wir haben ordentliche Spiele gemacht, aber zu wenig Punkte geholt. Die Gefahr ist, dass man anfängt zu denken: Wenn wir so weitermachen, dann kommen die Siege jetzt bald von selbst. Aber so einfach ist das nicht. Otto Rehhagel hätte gesagt: Wir müssen alle Antennen ausfahren und jetzt alles einbringen. Und zwar nicht nur gegen den HSV. Den ganzen Herbst hindurch kommen Spiele, deren Ausgang völlig offen ist.

Taugt ein Derbysieg besonders gut, um eine Wende herbeizuführen?

Todt: Emotional kann man da ganz sicher viel bewegen. Aber wir im Verein sind da extrem realistisch: So wie wir nach den zwei gewonnenen Spielen zum Start nicht von der Europa League gesprochen haben, gehen wir jetzt nicht in Sack und Asche.

Der HSV hat vier Spiele am Stück verloren…

Todt: Und das tut weh, vor allem wenn man kein eigenes Tor schießt. (Das Torverhältnis in diesen Spielen lautete 0:10, Anm. d. Red.). Aber wir haben dabei auch gegen drei Champions-League-Aspiranten gespielt und uns teilweise teuer verkauft. Wir sind Realisten. Unser Ziel ist es, eine Saison mit weniger Sorgen als die letzte zu spielen, und da sind wir trotz der letzten Spiele optimistisch.

Was läuft denn falsch zurzeit?

Todt: Wir haben früh in der Saison fünf Ausfälle von Stammspielern gehabt. Das tut uns weh, weil wir keinen Kader haben, der das ohne Weiteres wegsteckt. Trotzdem hatten wir auch gegen Leipzig und Dortmund unsere Chancen, auch wenn es nicht viele waren. Wir waren nur beim Ausnutzen nicht effizient genug. Deshalb sehe ich auch überhaupt nicht schwarz. Ich sehe das Gute.

Was ist das?

Todt: In den vergangenen Monaten ist in der Mannschaft etwas zusammengewachsen, deshalb bin ich auch fest davon überzeugt, dass wir Phasen wie diese jetzt überstehen.

Hätten Sie den Kader im Sommer breiter aufstellen müssen?

Todt: Unser Ziel war es, den Kader zu reduzieren und die Kaderkosten runterzufahren. Das haben wir getan. Wir fahren da sicherlich einen harten Kurs. Aber ich glaube, dass niemand davon ausgehen konnte, dass uns nach den ersten Spieltagen fünf Stammspieler ausfallen.

In der Vergangenheit gab es die Gelegenheit, mit den Millionen ihres Mäzens Klaus-Michael Kühne nachzulegen.

Todt: Wir haben ja auch jetzt nachgelegt, wir haben Sejad Salihovic geholt, weil allein in der Offensive Bobby Wood, Filip Kostic, Aaron Hunt und Nicolai Müller ausgefallen sind. Sejad ist erfahren und variabel, er kann sogar linker Verteidiger spielen. Im Rahmen unserer Möglichkeiten sind wir mit dem Kader zufrieden.

Wie groß war der Schreck, als Herr Kühne angekündigt hat, den Geldhahn zuzudrehen?

Todt: Wir wollen das Thema nicht überbewerten. Herr Kühne ist ein großer Freund des Vereins, der uns in der Vergangenheit massiv geholfen hat. Ohne sein Engagement im vergangenen Herbst wäre die Wahrscheinlichkeit, die Klasse zu halten, deutlich geringer gewesen.

Herr Kühne mischt sich aber auch gern ein. Was es nicht immer leicht macht, oder?

Todt: Er ist emotional, ja. Wir sind ein Verein, der sportlich und wirtschaftlich kämpfen muss, und das tun wir. Es ist ein Segen, dass er uns unterstützt. Natürlich hat man als Verein das Bestreben, auch unabhängig zu sein.

Herr Kühne hatte kurz vor dem Saisonstart unter anderem gesagt, dass beim HSV immer die Luschen hängen blieben…

Todt: Aber das ist ausgeräumt. Wir sind völlig im Reinen miteinander.

Herr Bode, sind Sie froh, dass Sie Fragen zur Einmischung eines Investors nicht beantworten müssen?

Bode: Ich bin froh, dass wir es bis hierher geschafft haben, ohne fremde Hilfe auszukommen. Das heißt aber nicht, dass ich den HSV für seinen Weg jetzt hart kritisieren werde. Wir haben in Bremen eine etwas andere Haltung zu dem Thema, und wir haben für uns in den vergangenen Monaten noch einmal definiert, dass wir den Weg, den wir bisher gegangen sind, auch so weitergehen wollen. Trotzdem halten wir Ohren und Augen offen. Wir schauen natürlich, wie sich der Markt entwickelt, wie sich die Konkurrenz entwickelt.

Man hört hier und da, dass es in Bremen Leute gibt, die sich vielleicht engagieren würden. Ist das wirklich so?

Bode: Es gibt eine Menge Leute im Umfeld von Werder, die bereit sind, zu helfen, die dieses Engagement aber sehr unterschiedlich definieren. Aber so jemand wie Herr Kühne für Hamburg existiert hier für Werder nicht. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass wir strategische Partner mit ins Boot holen, wenn alle Bedingungen passen sollten.

Thema ist aktuell das Nordderby und die Tabellensituation. Wie nehmen Sie die Stimmung wahr?

Todt: Intern haben wir die totale Ruhe. Wenn es aufgeregt ist, dann liegt es nicht am inneren Kern. Jeder weiß, woher der HSV kommt. Wir kommen aus einer denkbar schwierigen Situation und haben es aus meiner Sicht im letzten Jahr sensationell geschafft, noch drinzubleiben. Jetzt sammeln wir uns und wollen uns stabilisieren. Andere Träume haben wir derzeit nicht. Da tut uns Bescheidenheit gut.

Und wie ist die Stimmung in Bremen?

Bode: Ich spüre schon eine gewisse Unruhe und Unzufriedenheit. Und ich habe auch die Pfiffe im Stadion gehört nach dem Freiburg-Spiel. In der Situation hatte ich für die Pfiffe Verständnis. Wir haben ein sehr sensibles Publikum, und ich glaube, ich weiß, warum die Leute gepfiffen haben.

Weil?

Bode: Es war keine schlechte Leistung und während des Spiels haben uns die Zuschauer durchgehend angefeuert. Aber die Fans hatten das Gefühl gehabt: Es ist nicht mit dem allerletzten Willen um den Sieg gespielt worden. Wenn man dieses Gefühl hat, sind Pfiffe legitim. Das sollte die Mannschaft als Zeichen nehmen, um noch etwas mehr zu investieren, um sich zu überprüfen: Bringen wir wirklich alles ein? Vielleicht kitzelt die Derbyatmosphäre das letzte Bisschen heraus.

Und wenn nicht? Was passiert im Falle einer Derbypleite?

Bode: (lacht) Beim HSV?

Todt: (lacht mit) Dann kommt das nächste Spiel.

So einfach? Keine aufgeregte Trainerdiskussion?

Todt: Bei mir nicht.

Und wenn Werder verliert?

Bode: Dann ist Länderspielpause, und dann brauchen wir nicht drum herum reden, dass wir hier zwei Wochen lang keine schöne Situation haben würden. Aber wir würden dann auch nicht den Betrieb einstellen.

Gibt es dann in Bremen eine Trainerdiskussion?

Bode: Wir als Klub werden keine Diskussion anfangen. Aber es würde mich natürlich nicht überraschen, wenn die Medien und einige andere Stimmen den Trainer zum Thema machten. Natürlich kann man die Ergebnisse nicht dauerhaft außer Acht lassen, aber wir schauen intern, wie die Leistung und wie die Entwicklung der Mannschaft ist. Und wir halten da mit dem Trainer alle zusammen.

Das Nordderby ist seit ein paar Jahren fast immer ein Krisengipfel.

Bode: Wir wissen, wir sind in einer schwierigen Situation. Wir haben noch nicht gewonnen in dieser Saison, und das wollen wir so schnell wie möglich verändern. Wir haben uns vorgenommen, in den nächsten Jahren einstellige Tabellenplätze anzupeilen. Und von diesem Ziel möchte ich auch nicht abrücken. Wahrscheinlich wird selbst am 30. Spieltag für viele Klubs Platz 16 oder 17 und gleichzeitig Platz sieben oder acht noch das Thema sein. So eng ist die Liga zusammengerückt. Wir haben eine sensationelle Rückrunde gespielt, aber das ist nicht planbar und beliebig wiederholbar. Deshalb sollten wir uns davon emotional auch ein bisschen frei machen.

Wird es in Zukunft für Vereine wie Werder und HSV nur noch darum gehen, in der Liga zu bleiben?

Todt: Wir können kurzfristig nur das Ziel haben, uns zu stabilisieren. Schaffen wir das, dann kann der HSV schon diese Wucht entwickeln, die uns möglicherweise in die obere Hälfte bringt. Da haben wir sicherlich Möglichkeiten, die andere Standorte nicht haben. Aber dafür müssten uns erst mal zwei, drei stabile Jahre gelingen.

Bode: Der HSV war ja immer der Klub, vor dem Uli Hoeneß als Bayern-Manager den meisten Respekt hatte. Hamburg ist eine der großen Metropolen, hat eine wirtschaftlich starke Region hinter sich, ist ein Traditionsklub mit unheimlich vielen Fans. Aber es ist natürlich auch gefährlich, immer nur zu sagen, man sei ein schlafender Riese, denn das kann auch ein Dornröschenschlaf werden.

Todt: Wir tun gut daran, in der Gegenwart zu leben. Die Erfolge aus der glorreichen Vergangenheit helfen uns überhaupt nicht. Im Gegenteil: Sie können sogar hinderlich sein. Wir brauchen personelle Kontinuität. Alle erfolgreichen Mannschaften haben das ohne Ausnahme gehabt. Und wir dürfen uns nicht in die Tasche lügen bei den Möglichkeiten, die wir haben, zum Beispiel auf dem Transfermarkt: Unsere Konkurrenz heißt Augsburg, Werder Bremen, Hertha BSC. Da müssen wir uns behaupten. Und dann besteht bei uns die ganz große Sehnsucht, Spieler aus dem eigenen Verein in die Profimannschaft hoch zu bringen. Da sind wir gerade dabei, wir haben in den letzten Wochen zwei Spieler aus der U23 (Tatsuja Ito, Törles Knöll, Anm. d. Red.) in der Bundesliga eingesetzt.

Bode: Werder hat es früher geschafft, viele Jahre über seinen Möglichkeiten zu performen. Das hat uns beliebt gemacht und uns ausgezeichnet, und es zeigt, dass so etwas möglich ist. Wenn du in den einstelligen Bereich vorstoßen willst, musst du eine gute Transferpolitik machen, eine gute Ausbildung anbieten und das Glück haben, dass sich die anderen Fehler leisten. Vieles davon kann man beeinflussen, aber eben auch nicht alles.

Und wer kriegt jetzt am Sonnabend die Kurve? Werder oder der HSV?

Todt: Ich bin überzeugt, dass wir die Kurve kriegen. Ob das schon am Samstag sein wird – schauen wir mal. Ich habe aber generell großes Vertrauen in unsere Mannschaft.

Bode: Wir kriegen am Samstag die Kurve, und der HSV nimmt die übernächste Kurve.

Die Fragen stellten Christoph Sonnenberg und Marc Hagedorn.

Zu den Personen

Jens Todt (47) und Marco Bode (48) haben von 1996 bis 1999 gemeinsam bei Werder gespielt. Beide waren Nationalspieler und wurden 1996 Europameister und 1999 mit Werder DFB-Pokalsieger. Todt arbeitet heute als Sportchef beim HSV, Bode ist seit Oktober 2014 Aufsichtsratsvorsitzender bei Werder. Vor dem Nordderby haben wir mit den beiden Freunden gesprochen.

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