Interview mit Heribert Bruchhagen

"Wir müssen alle auf der Hut sein"

Am Sonntag tritt Werder Bremen bei Eintracht Frankfurt an. Beide Traditionsvereine haben es in der Bundesliga immer schwerer, sich zu behaupten. Heribert Bruchhagen erläutert im Interview mit Andreas Lesch, warum das so ist.
04.12.2014, 00:00
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Am Sonntag tritt Werder Bremen bei Eintracht Frankfurt an. Beide Traditionsvereine haben es in der Bundesliga immer schwerer, sich zu behaupten. Heribert Bruchhagen, Vorstandschef der Eintracht, erläutert im Interview mit Andreas Lesch, warum das so ist.

Sie haben oft die unrealistische Erwartungshaltung in Frankfurt beklagt. Wie sehr wird nach dem 2:0 gegen Borussia Dortmund geträumt?

Heribert Bruchhagen: Überhaupt nicht. Außerdem ist das doch bei fast allen Traditionsvereinen so, dass es eine Divergenz von drei Tabellenplätzen gibt zwischen Erwartungshaltung und Realität.

Dabei gab es in Frankfurt Gründe, vor dieser Saison zurückhaltend zu sein.

Genau. Wir sind in einem Umbruch, wir haben fünf Leistungsträger verloren ...

… Pirmin Schwegler, Sebastian Jung, Sebastian Rode, Tranquillo Barnetta, Joselu.

Wir haben Thomas Schaaf geholt, weil wir ihm zutrauen, dieses Vakuum auszufüllen. Wir wussten, dass wir einen Trainer brauchen, der sportliche Rückschläge gut auspendeln kann, der einen langen Atem hat und der aufgrund seiner Vita eine Autorität darstellt – gerade im doch immer etwas aufgeregten Frankfurt.

Ihre Mannschaft hat im Moment nur drei Punkte Rückstand auf Platz vier. Was kann sie in dieser Saison schaffen?

Wir wissen uns genau einzuschätzen. Wir lassen uns nicht treiben. Wir haben zwei Unternehmensleitsätze: Wir wollen fester Bestandteil der Bundesliga sein – unter Beachtung der wirtschaftlichen Vernunft. Daran hat sich nichts geändert.

Ist ein Sprung in den internationalen Wettbewerb mittelfristig denkbar?

Das kann man nicht sagen. Ich weiß nicht, wie sich die Werkklubs entwickeln, mit welcher Intensität die an die Bundesliga rangehen. Die Tatsache, dass wir im Fernsehgeld-Ranking nur auf Platz 14 stehen, macht den Wettbewerb für uns ausgesprochen schwierig.

In der Bundesliga-Tabelle stehen Sie zurzeit auf Platz 9. Vor ein paar Wochen sah es noch nicht so gut aus. Da war Kritik an Thomas Schaaf zu hören. Ihr Mittelfeldspieler Marco Russ sagte: „Wir haben keine Strategie, wie wir nach vorne spielen wollen.“

Ach, das ist doch das mediale Spiel: Nach Niederlagen wird immer geplaudert, und es werden irgendwelche Zitate herangezogen. In Wahrheit ist es so: Thomas gibt die Richtung vor, die Spieler handeln danach.

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Wie bewerten Sie Schaafs Arbeit bisher?

Um öffentlich die Arbeit des Trainers zu bewerten, brauche ich ein, zwei Jahre.

Sie geben den Trainern diese Zeit, konsequenter als viele andere Vereine.

Ja. Ich habe in elf Jahren nur drei Monatsgehälter als Abfindung gezahlt – an Michael Skibbe. Alle anderen Trainer haben bei uns ihr Vertragsende erlebt. Wir sind mit Abstand der Verein, der die höchste Trainerkonsistenz in der Bundesliga hat.

Halten Sie es für denkbar, dass Schaaf 14 Jahre in Frankfurt bleibt – wie vorher in Bremen?

Das kann ich nicht einschätzen. Aber es wäre wünschenswert, dass er lange bleibt.

Schaafs früherer Verein, Werder Bremen, ist in den vergangenen Jahren abgestürzt – aus der Champions League in den Abstiegskampf. Wie erklären Sie sich das?

Werder war über 10, 15 Jahre Outperformer. Das heißt: Werder war immer besser, als der Markt es hergab. So oft den internationalen Fußball zu erreichen, das war für einen Verein mit der Struktur von Werder eine absolut außerordentliche Leistung. Aber irgendwann muss leider jeder Verein erkennen, dass ihn die Realität einholt.

Wie hat Werder es geschafft, so lange so weit über seinen Möglichkeiten zu spielen?

Sie haben gute personelle Entscheidungen getroffen. Und sie müssen sich überhaupt gar keinen Vorwurf machen, dass sie jetzt aus der nationalen Spitzengruppe herausgefallen sind. Das ist ein ganz normaler Vorgang, dass Werder Bremen jetzt auf das Niveau zurückgerutscht ist, auf dem sich sechs, sieben Traditionsvereine in der Bundesliga bewegen – auch Eintracht Frankfurt, der HSV, der VfB Stuttgart, Hannover 96 oder der 1. FC Köln.

Haben diese Vereine gar keine Chance mehr, wieder ganz nach oben zu kommen?

Durch die Erhöhung der nationalen und auch der internationalen Fernsehgelder geht die Schere in der Bundesliga immer weiter auseinander. Dieser Tatsache zu entrinnen, ist ausgesprochen schwer. Ich erwarte, dass sich die Traditionsvereine auch in Zukunft zwischen Platz 5 und Platz 16 bewegen werden.

Können sie nichts machen, um doch ein bisschen gegenzusteuern?

Wichtig ist, dass sie es schaffen, die Realität anzuerkennen und die Medien mit dieser Realität zu konfrontieren. Es hilft nichts, wenn man eine tolle Vergangenheit zu sehr in den Vordergrund stellt.

Frankfurt ist ja ein wirtschaftlich starker Standort. Sehen Sie Möglichkeiten, das für Ihren Verein noch stärker zu nutzen?

Diese Wirtschaftsstärke führt doch schon dazu, dass wir ein Verein sind, der keinen Cent Schulden hat und einen 35-Millionen-Etat auf die Beine stellen kann. Mit diesem 35-Millionen-Etat müssen wir versuchen, wettbewerbsfähig zu sein.

Werden Sie diesen Etat irgendwann mal spürbar erhöhen können?

Natürlich. Nur wollen andere das auch. Und bedenken Sie: In der ewigen Bundesliga-Tabelle stehen unter den ersten 18 der MSV Duisburg, der VfL Bochum, der 1. FC Kaiserslautern und der Karlsruher SC. Das sind alles große Bundesliga-Namen, die jetzt verdrängt worden sind – unter anderem durch Hoffenheim, Leverkusen und Wolfsburg. Das ist ein ganz harter Wettbewerb, und wir müssen alle auf der Hut sein, um da nicht rausgedrängt zu werden. Das gilt für Frankfurt, und das gilt auch für Werder Bremen.

Werder hat kürzlich seinen Vertrag mit dem Vermarkter Infront frühzeitig um zehn Jahre bis 2029 verlängert und dafür einen millionenschweren Aufschlag bekommen. Wäre das auch ein Modell für Sie?

Ich hätte jederzeit die Möglichkeit, den Vertrag mit unserem Vermarkter Sportfive zu verlängern und dafür auch eine Signing Fee zu bekommen, klar. Aber ich brauche es nicht. Denn wir haben aktuell keinen Finanzbedarf. Wir sind wirtschaftlich gut aufgestellt.

Sie vertreten die These, die Bundesliga-Tabelle sei, über mehrere Jahre betrachtet, nur ein Spiegel der Spieleretats. Widerlegt diese Saison mit dem Höhenflug von Augsburg und dem Absturz von Dortmund diese These ein bisschen?

Nein. Die Lizenzspieler-Etats der letzten sechs Jahre, addiert und durch sechs geteilt, und die Tabellenplätze, addiert und durch sechs geteilt, ergeben fast eine hundertprozentige Kongruenz. Das ist Fakt!

Ist die Liga dadurch langweilig?

Nein. An einem einzelnen Spieltag kann bis auf Bayern München jeder jeden schlagen. Bayern wird die Bundesliga die nächsten Jahre klar dominieren.

Was heißt das für die Liga?

Es stärkt die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga, und davon profitieren wir sekundär alle. Die Champions-League-Gelder werden ins Astronomische wachsen, und auch die nationalen Fernsehgelder werden steigen. Das wird den Status der Bayern noch mehr stärken. Sie können ihre Ausnahmestellung ja schon daran ablesen, dass der Erste, Bayern München, dem Zweiten, Borussia Dortmund, beliebig die Spieler wegnehmen kann.

Frustriert es Sie manchmal, dass das Geld im Fußball so sehr alles bestimmt?

Nein. Die Bundesliga ist ein wunderbares Geschäft. Aber die Zeiten im Abstiegskampf nehmen mich schon mit. Ich habe hier bei Eintracht Frankfurt Verantwortung für 108 Mitarbeiter, und ich weiß: Ein Abstieg in die Zweite Liga kostet sehr viel Geld. Er zieht tiefe Einschnitte in den Verein nach sich. Und das betrifft dann ja nicht nur die Lizenzspieler. Es betrifft auch viele, die nichts mit dem Spiel auf dem grünen Rasen zu tun haben. Das möchte keiner.

Raubt Ihnen die Sorge um den Verein und die Mitarbeiter manchmal den Schlaf?

Sie belastet schon. Aber ich bin jetzt seit 1988 in der Bundesliga, also im 26. Jahr. Ich bin 66 Jahre alt, und ich fühle mich ganz wohl.

2016 wollen Sie mit dem Profifußball aufhören. Werden Sie ohne können?

Das ist eine Frage, die eigentlich nur meiner Frau zusteht. Die ist da sehr skeptisch.

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