Gebre Selassie im MEIN-WERDER-Interview „Wir müssen in Berlin Punkte holen“

Im Gespräch mit MEIN WERDER äußert sich Theodor Gebre Selassie zu Werders Saisonstart, seiner Rolle auf der rechten Außenbahn und seiner Zukunft in der tschechischen Nationalmannschaft.
09.09.2017, 07:48
Lesedauer: 4 Min
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„Wir müssen in Berlin Punkte holen“
Von Patrick Hoffmann

Herr Gebre Selassie, Werder ist mit zwei Niederlagen in die Bundesligasaison gestartet. Wie groß ist Ihre Sorge vor einem Fehlstart?

Theodor Gebre Selassie: Ich würde nicht sagen, dass ich mir Sorgen mache. Aber der Start war nicht optimal, keine Frage. Mit ein bisschen Glück wären ein Punkt oder sogar zwei Punkte drin gewesen. Leider ist es nicht so gekommen. Wir haben aber auch gegen starke Gegner gespielt, das muss jeder akzeptieren. Jetzt kommen für uns die Spiele, in denen wir unsere Punkte holen müssen.

Sie sind seit 2012 bei Werder und haben einige schwache Saisonstarts miterlebt, zuletzt 2016, als Viktor Skripnik nach wenigen Wochen gehen musste. In diesem Jahr strahlen Trainer und Mannschaft trotz der Niederlagen Ruhe aus. Was ist anders als vor einem Jahr?

Einiges. Der Sieg im Pokalspiel ist zum Beispiel ein Unterschied. Wir sind diesmal mit einem positiven Erlebnis in die Saison gestartet, anders als 2016. Dazu kommt: Gegen Hoffenheim haben wir unglücklich verloren, und gegen Bayern haben wir lange gut mitgehalten. Wir stehen jetzt als Mannschaft viel besser da als zum gleichen Zeitpunkt in der vergangenen Saison.

Ist das Spiel in Berlin der eigentliche Saisonstart für Werder, weil es gegen einen Gegner auf Augenhöhe geht?

Hertha ist nicht besser als wir. Entscheidend ist die Frage, wer am Sonntag mehr Fehler macht und wer die bessere Tagesform erwischt. Wir fahren nicht als Außenseiter nach Berlin, im Gegenteil: Da ist alles drin für uns. Wir sind spielerisch weiter als in der vergangenen Saison, wir müssen das jetzt nur auf den Platz bringen.

Wie wichtig ist ein Punktgewinn in Berlin mit Blick auf mögliche Unruhe?

Es ist ohne Frage ein wichtiges Spiel für uns. Wir müssen Punkte holen, damit wir nicht wieder in eine Negativspirale geraten und Fans und Medien von einem Fehlstart sprechen. Wenn wir erst mal unten drin stecken, wird es auch vom Kopf her schwer für uns. Und wir haben ja in der vergangenen Saison gesehen, wohin das führen kann, da haben starke Mannschaften mit hoher individueller Qualität bis zum Schluss im Abstiegskampf gesteckt. Das zeigt doch nur, dass der Kopf eine ganz große Rolle spielt.

Gegen Hoffenheim und München hat die Defensive gut gehalten, dafür hat sich Werder vorne kaum Chancen erspielt. Hat Werder zu defensiv gespielt?

Unsere Aktionen mit Ball in der gegnerischen Hälfte waren nicht gut. Das müssen wir besser machen. Das ist auch keine Kritik an unserem Spielstil, das ist einfach Fakt. Wenn wir den Ball bekommen, müssen wir mehr daraus machen, nicht nur unsere Offensive, sondern die gesamte Mannschaft. Wir müssen alle besser nachrücken, damit die Stürmer vorne mehr Anspielstationen haben.

Sie sind derzeit auf der rechten Außenbahn gesetzt, müssen im neuen System aber sehr viel nach vorne und nach hinten arbeiten. Wie gefällt Ihnen das?

Mir macht das wirklich sehr viel Spaß, so kann ich torgefährlich sein. Es ist natürlich nicht einfach, erst hinten zu verteidigen und dann schnell vorne zu sein, wenn man tief steht und der Weg nach vorne so weit ist. Aber ich bin fit, es ist kein Problem für mich. Und die Motivation, vorne ein Tor zu schießen, gibt mir die nötige Energie, immer wieder loszulaufen. Ich bin froh, dass der Trainer nicht sagt: „Halt, Theo, du darfst nicht so weit nach vorne laufen.“ Im Gegenteil, der Trainer sagt: „Wenn du Kraft hast, dann mach es.“ Das ist super.

Vor der Saison haben alle mit einem Zweikampf zwischen Ihnen und Robert Bauer auf der rechten Außenbahn gerechnet. Weil Niklas Moisander verletzt ist, spielt Bauer aktuell in der Innenverteidigung. Fürchten Sie um Ihren Stammplatz, wenn Moisander wieder fit ist und Bauer auf der rechten Seite spielen könnte?

Ich mache mir keine Gedanken darüber. Wenn ich meinen Job gut mache, wird der Trainer keinen Grund haben, etwas zu ändern.

Themenwechsel: Sie haben mit Tschechien in der Länderspielpause die Qualifikation für die WM 2018 verpasst. Wie groß ist die Enttäuschung?

Ganz ehrlich: Ich bin froh, dass wir das Interview nicht am Mittwoch geführt haben (zwei Tage nach der 0:2-Niederlage in Nordirland; Anm. d. Red.). Da war ich noch sehr emotional. Ich bin sehr enttäuscht, wie das alles gelaufen ist mit der Nationalmannschaft. Wir waren einfach nicht gut genug in dieser Qualifikationsrunde.

Im Trainingslager im Zillertal Anfang Juli haben Sie erklärt, dass die WM 2018 Ihr letztes großes Ziel mit der Nationalmannschaft sei. Werden Sie nun zurücktreten?

Ich habe noch keine Entscheidung getroffen. Es ist ein großer Schritt zu sagen, dass es endgültig vorbei ist. Es ist immer noch das Größte für mich, mein Land auf dem Platz zu repräsentieren. Meine Eltern sind sehr stolz, wenn ich bei der Nationalmannschaft bin. Auch meine Freunde freuen sich. Ich weiß bloß, dass ich im Oktober und November nicht für die letzten Länderspiele des Jahres nominiert werde. Meine Frau ist dann in den letzten Wochen der Schwangerschaft, und wir spielen nur noch um die Ehre. Ich glaube, da bleibe ich besser in Bremen. Mal sehen, was danach passiert.

Werder-Torwart Jiri Pavlenka stand ebenfalls im tschechischen Kader. Sie haben viel Zeit mit ihm verbracht. Was macht er für einen Eindruck nach den ersten Monaten in Bremen?

Pavlas macht das richtig gut. Für ihn ist es am Anfang nicht leicht gewesen: Alles ist neu gewesen, er hat im Hotel gewohnt, die Freundin ist nicht hier gewesen. Jetzt hat er eine eigene Wohnung, seine Freundin ist hier, es wird besser und besser.

Und wie beurteilen Sie seine Leistungen auf dem Platz?

Gegen Bayern hatte er Pech, dass er den Tunnel von Robert Lewandowski bekommen hat. Aber ansonsten hat er einen guten ersten Eindruck in der Bundesliga hinterlassen.

Trotzdem fragen sich noch immer viele Fans, ob Pavlenka wirklich besser ist als Felix Wiedwald, der in der Vorsaison Werders Nummer 1 war. Können Sie das verstehen?

Ja, das kann ich verstehen. Felix hat das in der Rückrunde richtig gut gemacht, er hat uns ein paar Spiele gerettet. Aber Pavlas wusste, was auf ihn zukommt. Ich habe ihm vor seinem Wechsel gesagt: Der Druck, der auf dir lastet, wird in der Bundesliga ganz anders sein als in Tschechien. Er geht da ganz entspannt mit um.

Aber ist er auch besser als Wiedwald?

Das wird die Zukunft zeigen. Er hat Riesenpotenzial.

Das Gespräch führte Patrick Hoffmann.

Theodor Gebre Selassie spielt seit Sommer 2012 für den SV Werder und gehört damit zu den dienstältesten Fußballprofis im Kader der Bremer. Für Werder hat der 30-Jährige bislang 158 Pflichtspiele bestritten, dazu kommen 45 Länderspiele für Tschechien. Er ist verheiratet mit Leona Gebre Selassie und wird Ende des Jahres zum zweiten Mal Vater.

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