Leo Bittencourt im Interview

„Wir sind alle rauer geworden“

Den Abstiegskampf kennt kaum ein Werder-Profi so gut wie Leo Bittencourt: Im Interview mit dem WESER-KURIER erklärt der Offensivmann, worauf es nun ankommt und wie die Mannschaft sich durch die Krise verändert.
09.01.2020, 09:40
Lesedauer: 7 Min
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„Wir sind alle rauer geworden“
Von Christoph Bähr
„Wir sind alle rauer geworden“

Gut gelaunt beim Training: Trotz der schwierigen Lage freue er sich auf die Rückrunde, sagt Leo Bittencourt.

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Herr Bittencourt, Sie haben in Ihrer Karriere schon öfter gegen den Abstieg gekämpft. Kann man Abstiegskampf lernen?

Leo Bittencourt: Mit Lernen hat das nicht viel zu tun. Der Fußball hat sich im Vergleich zur Hinrunde nicht verändert. Was ich sagen kann: Wenn du unten drin steckst, kriegst du manchmal Gegentore wie gegen Mainz (Milos Veljkovic schoss ungewollt an den Pfosten des eigenen Tores, und der Ball prallte von Jiri Pavlenkas Rücken ins Netz, Anm. d. Red.). Solche Sachen häufen sich, da müssen wir im Kopf stark bleiben. Auch wenn Rückschläge kommen, müssen wir trotzdem weitermachen. Wir sind in der Pflicht und müssen punkten – für den Verein, für die Verantwortlichen, für alle. Ich denke, dass jeder begriffen hat, worum es geht.

Die Mannschaft will einerseits kämpfen, aber andererseits auch weiterhin ihre fußballerischen Stärken ausspielen. Lässt sich das kombinieren?

Natürlich ist das möglich. Im Abstiegskampf muss man den Ball nicht immer nur hoch und weit spielen. Wir müssen die Balance finden. Wir sind eine Mannschaft, die spielen kann, und sollten das beibehalten, weil es unsere Stärke ist. Dafür brauchst du aber viel Selbstvertrauen und Typen, die das im Abstiegskampf umsetzen können. Wichtig ist außerdem, dass wir den unbedingten Willen haben, das Tor zu verteidigen. Und wenn wir dann den Ball haben, müssen wir Fußball spielen.

Nach der 0:5-Pleite gegen Mainz haben Sie gesagt: „Da unten wird anders Fußball gespielt.“ Haben das Ihre Mitspieler inzwischen auch verstanden?

Ich hoffe, dass es alle begriffen haben. Im Spiel gegen Mainz lief vieles gegen uns und wir haben gemerkt, dass man dann nicht einbrechen darf. Da unten passieren eben Sachen, die einem nicht passieren, wenn man Siebter oder Sechster ist. Nur wenn du trotzdem weitermachst, wirst du wieder zurückkommen. Daran arbeiten wir. Der Trainer spricht viel mit uns. Und ich freue mich schon auf die Rückrunde. Wir müssen einiges gutmachen, weil wir gerade zu Hause einige Punkte liegen gelassen haben, gegen Freiburg und Hertha zum Beispiel.

Im Abstiegskampf braucht eine Mannschaft echte Typen, die trotz der schwierigen Situation selbstbewusst auftreten. Sind Sie solch ein Typ?

Ich glaube schon, aber ich bewerte mich ungern selbst. Mein Vorteil ist, dass ich die Situation kenne. Ich weiß: Wenn du dich jetzt versteckst, gehst du unter. Man muss das Herz ihn die Hand nehmen. Wir stecken doch schon unten drin. Wenn wir jetzt auch noch Angst haben, wird es nur noch schwieriger. Es werden Fehler passieren, aber wir müssen als Mannschaft stark genug sein, um das aufzufangen.

Sie kennen die Situation zum Beispiel aus Köln. Die Mannschaft hatte die Europa League erreicht und stieg in der Saison 2017/18 überraschend ab. Wie bei Werder gab es große Verletzungssorgen. Lassen sich weitere Parallelen ziehen zur aktuellen Situation?

Es ist schwierig, solche Vergleiche zu ziehen. Wir haben mit Köln international gespielt, hatten viele Verletzte und hatten nach der Hinrunde nur sechs Punkte auf dem Konto. Jeder Abstiegskampf ist anders. Mit Hannover und auch mit Köln, als wir 2016 drin geblieben sind, haben wir es aber geschafft, uns von Rückschlägen nicht verunsichern zu lassen. Das ist ganz wichtig. Ich kann mich gut an das Handtor von Leon Andreasen erinnern. Dadurch haben wir mit Köln 0:1 gegen Hannover verloren, und du denkst dir: Wie kann das denn sein? Aber wir haben das gut weggesteckt, waren einen Tag lang sauer und haben dann weitergemacht. Wenn du über so etwas zu viel nachdenkst, kommst du aus dem Strudel nicht mehr raus.

In der Abstiegssaison hat Köln Trainer Peter Stöger entlassen, zum Klassenerhalt reichte es trotzdem nicht. Heißt das im Umkehrschluss, dass Werder gerade alles richtig macht, weil der Verein Florian Kohfeldt den Rücken stärkt?

Das hängt immer von der Mannschaft ab, und die Mannschaft vertraut Flo. Das merken die Verantwortlichen. Es steht jetzt in unserer Macht, alles dafür zu tun, dass der Trainer bleibt. Das wollen wir, das ist unser Ziel. Ich bin sehr froh, dass er noch da ist. Der Weg ist der richtige. Es gibt immer auch mal eine Saison, in der es nicht so gut läuft. Dann alles über den Haufen zu werfen ist in der heutigen Zeit leicht geworden. Aber es geht jetzt darum, auch mal gemeinsam aus solch einer Krise herauszukommen. Wenn wir das schaffen, schweißt uns das als Mannschaft noch mehr zusammen.

Als Beobachter des Trainingslagers auf Mallorca fällt auf, dass Florian Kohfeldt in seinen Ansagen deutlicher und lauter geworden ist. Stimmt der Eindruck?

Er steht uns noch enger auf den Füßen, damit wir das abrufen, was wir können und was er von uns sehen möchte. Die Zeit bis zum Rückrundenauftakt ist knapp, wir müssen schnell lernen. Deswegen greift er häufiger ein. Er hat jetzt fast alle Spieler beisammen, das war im Sommer durch die Verletzungen nicht der Fall. Also muss er natürlich auch sagen, was genau er von uns erwartet. Ich finde das gut. Von seiner Art her hat sich Florian Kohfeldt aber nicht verändert.

Und als Spieler ist es kein Problem, sich mal anschreien zu lassen?

Wir sind alle Sportler, das gehört dazu. Im Fußball wird häufiger geschrien. Du sprichst auf dem Trainingsplatz ja auch mit 22 Leuten. Wenn du da leise redest, verstehen dich nicht alle. Wir wollen alle Erfolg haben. Das geht nicht, wenn immer nur das gesagt wird, was man hören möchte. Manchmal will man Sachen nicht hören, aber die bringen einen weiter.

Ihr Kapitän Niklas Moisander hat auch mehr klare Worte unter den Spielern gefordert. In der Hinrunde war es ihm manchmal zu gemütlich. Stimmt das?

Es gab Spiele wie gegen Hertha oder Freiburg, in denen wir richtig guten Fußball gespielt, aber eben nur einen Punkt geholt haben. Vielleicht haben wir danach zu sehr das Positive gesehen. Aber es kann nicht alles gut gewesen sein, wenn du zweimal unentschieden spielst, obwohl du die bessere Mannschaft warst. Das hätten wir klarer untereinander ansprechen müssen, das war ein kleiner Fehler. Inzwischen sagen einige Jungs schneller ihre Meinung. Durch die Situation werden wir automatisch alle ein bisschen rauer. Die Luft im Keller ist eben etwas dünner.

Ganz und gar nicht rau wirkt Yuya Osako. Er scheint mit dem Abstiegskampf nicht so gut zurechtzukommen, das war schon beim 1. FC Köln der Fall, wo Sie beide ebenfalls zusammenspielten. Wie kann man ihm jetzt helfen?

Yuya war auch im Kölner Abstiegsjahr sehr wichtig für uns. Was bei Yuya immer problematisch ist, sind die vielen Spiele in der japanischen Nationalmannschaft. Er hat dadurch sehr weite Reisen und hat viele Spiele in den Knochen. Da kann man während der Saison schon mal in ein kleines Loch fallen. Yuya hat am Anfang der Saison super gespielt und Tore geschossen, dann hat er sich verletzt und sollte nach seiner Verletzung sofort da sein, weil viele andere Jungs ausgefallen sind. Aber ich kenne Yuya und denke, dass er in der Rückrunde wieder so spielt, wie man es von ihm gewohnt ist. Er wird noch enorm wichtig für uns.

Hat Werder genug Führungsspieler?

Das ist so eine Sache mit den Führungsspielern. Man will so Typen haben wie Effenberg früher, aber es ist eine andere Generation. Wir haben sehr gute Fußballspieler in unseren Reihen, die eine Führungsrolle übernehmen können. Ein Führungsspieler muss nicht immer rumbrüllen und rumgrätschen. Für mich ist ein Führungsspieler jemand, durch den ein Spiel kippen kann. Was erwartet ihr Journalisten denn von einem Führungsspieler?

Ich hätte erwartet, dass er sich bei den hohen Niederlagen gegen Bayern und Mainz dagegenstemmt und die Mannschaft aufrüttelt, damit sie nicht alles einfach über sich ergehen lässt.

Wenn die Bayern einen guten Tag erwischen, ist es einfach schwierig. Gegen Mainz wusste keiner von uns so richtig, was gerade auf dem Platz passiert. Das war ein Knackpunkt. Daraus haben wir gelernt. Auch wenn es sich blöd anhört: Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass das passiert ist. Wir haben richtig einen hinter die Löffel bekommen, das hat jeden wachgerüttelt. Hätten wir nur 1:2 verloren, wäre das so nicht passiert.

Was bedeutet der Abstiegskampf für Ihre persönliche Zukunft? Werder hat Sie von der TSG Hoffenheim ausgeliehen mit einer Kaufpflicht, die nur für die erste Liga gelten soll.

Zu Vertragsinhalten äußere ich mich nicht. Mein Ziel ist es, länger in Bremen zu bleiben. Aber das oberste Ziel heißt erst einmal Klassenerhalt mit Werder Bremen. Alles andere wird danach entschieden.

Wäre eine Rückkehr zur TSG Hoffenheim überhaupt denkbar? Sie haben relativ klar gesagt, dass der Verein nicht so gut zu Ihnen passte.

Darüber möchte ich mir im Januar keine Gedanken machen, weil ich eine Riesenaufgabe vor der Brust habe. Ich bin bei Werder und bin sehr glücklich, hier zu sein, auch wenn wir 17. sind.

Wie glücklich sind Sie mit Ihrer Rolle als Allrounder? Sie haben bei Werder schon im Sturm, im Mittelfeld und sogar als Außenverteidiger gespielt. Wo spielen Sie am liebsten?

Am liebsten spiele ich vorne. Aber wenn der Trainer mich woanders braucht, bin ich für die Mannschaft da. Es war nicht leicht, aber ich denke, dass ich auch links hinten gute Spiele gemacht habe. Der Trainer weiß, dass meine Position eigentlich in der Offensive ist. Gerade in unserer derzeitigen Lage muss man aber seine eigenen Bedürfnisse hintenanstellen, jetzt zählt nur die Mannschaft. Wenn der Trainer denkt, dass ich der Mannschaft im Tor helfen kann, dann mache ich das auch.

Werder sucht in der Winterpause nach Verstärkungen. Frank Baumann hat gesagt, dass der Mannschaft gerade in schwierigen Situationen ein dominanter Charakter auf dem Platz fehlte. War das tatsächlich so?

Gute Fußballer sind bei uns immer herzlich willkommen. Und wenn das ein echter Typ ist, von dem man etwas lernen kann und der uns nach vorne bringt, dann ist das umso besser. Aber ich konzentriere mich erst einmal auf die Jungs, die da sind. Alles andere bringt nichts.

Sie haben schon für mehrere Vereine gespielt, kennen sehr viele Bundesliga-Profis. Können Sie nicht jemanden zu Werder vermitteln?

Nein, die Verantwortlichen wissen schon, was zu tun ist.

Warum kennen Sie eigentlich so viele andere Spieler? Wenn Sie etwas bei Instagram posten, kommentiert das manchmal die halbe Bundesliga.

Ich bin ein offener Typ, der sich gut integrieren kann. Ich habe bei mehreren Vereinen gespielt und habe überall noch Kontakt zu vielen Jungs. Das freut mich einfach, ich habe viele Freundschaften geschlossen. Viele Leute zu kennen ist nicht schlecht. Wenn man mal in einer anderen Stadt ist, hat man immer jemanden, den man ansprechen kann.

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