Florian Kohfeldt im Mein-Werder-Interview

„Wir sind echt attraktiv für Spieler“

Im zweiten Teil des Mein-Werder-Interviews spricht Werder-Trainer Florian Kohfeldt über seine persönliche Zukunft, den Abgang von Kapitän Max Kruse und das Risiko des Transfers von Niclas Füllkrug.
24.05.2019, 10:48
Lesedauer: 8 Min
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„Wir sind echt attraktiv für Spieler“
Von Malte Bürger
„Wir sind echt attraktiv für Spieler“
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Sie haben vor wenigen Wochen erneut betont, dass Sie nicht davon abweichen, Ihren bis 2021 laufenden Vertrag auch zu erfüllen. Warum war Ihnen diese Deutlichkeit so wichtig, Herr Kohfeldt?

Florian Kohfeldt: Ein großes Problem mit solchen Aussagen ist, dass ich ja explizit danach gefragt werde. Und wenn die Frage ist, ob ich davon abweiche, dann ist meine Aussage nur natürlich und keine extra große Überhöhung dessen. Sie steht aber auch weiterhin.

Man hätte Sie ja auch so interpretieren können, dass es nur darum geht, den Vertrag zu erfüllen. Aber vielleicht geht es ja auch darum, länger bei Werder zu bleiben.

Auszuschließen ist das nicht. Ich habe momentan keinerlei Ambitionen, hier wegzugehen. Ich fühle mich sehr, sehr wohl. Ich zitiere da gern das Spruchband aus der Ostkurve – auch ich habe das Gefühl, dass wir erst am Anfang sind. Und das gilt auch für mich. Das kann dann auch bedeuten, dass wir, wenn der Verein es will, den Vertrag noch mal verlängern.

Ihr Name hat momentan einen sehr guten Klang in der Branche. Was macht das mit Ihnen, wenn dann doch einmal ein Angebot oder zumindest eine Anfrage von einem anderen Verein kommt?

Das weiß ich nicht.

Es hat sich also noch niemand gemeldet?

Ich habe einen sehr guten Berater. Und einen guten Berater zeichnet aus, dass er mich wirklich nur dann anruft, wenn er das Gefühl hat, dass wir darüber reden müssen.

Diesen Punkt gab es also noch nicht?

Er ruft schon ab und zu mal an (grinst), aber grundsätzlich habe ich noch nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, mich ernsthaft mit etwas anderem zu beschäftigen.

Das heißt, dass jemand wie Sie, der so viel im Voraus plant, das bei seiner eigenen Trainerkarriere nicht tut?

Natürlich habe ich Vorstellungen davon, was ich noch einmal erreichen möchte und was irgendwann noch einmal Ziele und Herausforderungen sein können. Ich glaube aber, dass man das ein Stück weit auch in diesem Moment merken muss. Ob es dann passt oder ob man auch mal eine Pause braucht. Die größte Maxime, die man als Trainer haben und ausstrahlen sollte, ist: Ich bin zu tausend Prozent hier, identifiziere mich mit meiner Aufgabe und es geht nicht nur darum, meine persönliche Karriere voranzutreiben. Deshalb sind Trainer da auch anders gefragt als Spieler. Wenn der Trainer schon anfängt zu sagen, dass er mal schaut, wenn dort oder dort eine Tür aufgeht, wie soll ich denn dann von den Spielern erwarten, dass sie zu tausend Prozent nur den Verein im Kopf haben?

Ist es umgekehrt genau dieses erwähnte Gefühl, das es jetzt bei Max Kruse nicht gegeben hat und Sie enttäuscht?

Nein. Max hat einen auslaufenden Vertrag nicht verlängert, das ist eine sehr legitime Sache. Deshalb bin ich nicht enttäuscht. Es tat weh, weil ich ihn menschlich und sportlich sehr schätze. Ich sehe aber gerade im Sportlichen eine Chance darin, dass wir uns anders aufstellen. Und anders heißt nicht schlechter.

Es gibt aber auch Beispiele im Profifußball, wo Spieler den Verein eben nicht ablösefrei verlassen, weil er ihnen so viel bedeutet.

Das kann man so sehen und ist völlig legitim. Man muss aber auch sagen, dass es vor drei Jahren nur ganz wenige Spieler mit seiner Qualität im Profifußball gegeben hätte, die in der damaligen Situation zu uns gewechselt wären. Dementsprechend finde ich die Debatte etwas schwierig. Wir waren damals ganz unten, das war ganz kurz, nachdem wir gegen Frankfurt in der allerletzten Sekunde den Klassenerhalt geschafft haben. Natürlich hatte Max keine einfache Situation in Wolfsburg, aber er hätte Champions League spielen können. Die Angebote waren tausendprozentig da. Er hat sich aber bewusst für Werder entschieden, weil er hier in der Jugend war und auch in diesem Verein noch einmal etwas erreichen wollte. Jetzt hat er drei Jahre hier gespielt und einen großen Anteil daran, dass der Verein zwei Schritte weiter ist als vor drei Jahren.

War die Art des Abschieds, den er bekommen hat, denn die richtige und gebührende? Oder war es letztlich die, die er verdient hat in dem Moment?

Er hat einen Abschied bekommen, das ist erst einmal ganz wichtig. Er hat ihn leider nicht auf dem Platz bekommen, obwohl wir da alle für gekämpft haben. Deswegen war es das Mindeste, dass er sich im Stadion verabschieden durfte. Was ich mitbekommen habe, war, dass es sehr höflich und anerkennend war – und das ist okay so.

Der Abschied war aber auch ein wenig austauschbar. Max Kruse hätte durchaus Besseres verdient gehabt, und das hätten die Fans ihm sicherlich auch sehr gern gegeben, aber nach der Hängepartie und der Enttäuschung über den Wechsel war das wohl nicht mehr möglich.

Das mag sein, trotzdem hat er seinen Abschied gehabt. Und er hat ihn im Stadion gehabt. Das war auch sein Wunsch, sich noch einmal von den Fans zu verabschieden. Das ist auch ein Charaktermerkmal, das ihn auszeichnet. Es hätte ja auch sein können, dass er ausgepfiffen wird. Darüber haben wir vorher auch geredet, aber Max duckt sich nicht weg.

Wie genau wollen Sie seinen Abgang denn jetzt auffangen?

Ein Ziel ist es, den Offensivbereich sehr facettenreich aufzustellen. Wir möchten eine Mischung an Spielern haben, die grundsätzlich schwer zu verteidigen sind innerhalb des Gesamtkonstrukts. Wir haben mit Milot Rashica schon einen Spieler, den jeder Gegner nur noch ungern im Eins-gegen-eins spielen lässt. Wir haben mit Yuya Osako jemanden, der sich unheimlich gut in den Zwischenräumen bewegt. Wir bekommen jetzt mit Niclas Füllkrug jemanden, der vorne einen Ball festmacht. Was wir noch nicht haben, ist dieser Schuss Kreativität in gewissen Momenten. Wir wollen uns da nicht auf einen Spielertyp festlegen und haben jetzt die Chance, uns auch im Variantenreichtum breit aufzustellen. Das kann sich genauso auch aufs Mittelfeld beziehen.

Haben Sie eigentlich am Anfang mal überlegt, was Sie am Spielfeld anziehen? Sie zählen ja zu den Trainern, die gern einen Trainingsanzug tragen.

Das habe ich anfangs gar nicht gemacht, zwischendurch dann allerdings mal. Tim Wiese hat mir ja auch mal empfohlen, eine Jeans anzuziehen, weil ich wie ein Balljunge aussehe (lacht). Für die jetzige Situation, mein Alter und die Verbundenheit zu anderen Bereichen des Vereins würde ich es momentan komisch finden, wenn ich in Jeans und Sakko dort stehen würde.

Und so können Sie ja auch viel besser mitfiebern. Deshalb die Frage: Was war für Sie der emotionalste Moment der Saison?

Da gibt es zwei, beide Male war es im Pokal. Dortmund war der schönste Moment, nicht nur, weil wir dort gewonnen haben. Es ist alles so eingetreten, wie wir das Spiel geplant haben – plus die Tatsache, dass wir immer wiedergekommen sind. Das war einfach toll. Diese Emotion, diese Freude. Diese Rückfahrt war richtig schön. Und dann war da eben der erwähnte besondere Moment nach dem Spiel gegen die Bayern.

Für einen Verein wie Werder Bremen ist es aktuell sehr schwierig, einen Titel in die Hand zu bekommen. Geht es deshalb auch darum, Momente mit den Fans und mit der Mannschaft zu sammeln?

Das ist ein Ansatz, den ich sehr charmant finde. Er birgt nur eine Gefahr: Man darf sich nicht in diesen Momenten verlieren, sondern muss trotzdem immer das Streben nach durchgehendem Erfolg haben. Natürlich ist die Meisterschaft ein Ziel, das für uns nicht realistisch ist. Das wäre ja Fantasterei, wenn wir davon reden würden. Aber eine gewisse Art und Weise darzustellen, ist schon etwas sehr Erstrebenswertes. Und über diese Art und Weise gewisse Momente zu kreieren, ist etwas Besonderes und etwas Bleibendes. Mir hat ein Freund nach dem Dortmund-Spiel gesagt, dass das jetzt endlich mal wieder ein Spiel war, über das er auch in fünf Jahren noch redet. Das ist etwas, was schön und gut ist. Trotzdem sage ich, dass kontinuierliche Weiterentwicklung wichtig ist. Vier geile Spiele im Jahr mit geilen Momenten und den Rest einfach so hinspielen – das ist auch nicht gut.

Sie haben mit Ihrer Mannschaft eine gute Saison gespielt, der Spirit in der Stadt hat sich wieder verändert. Nun sind bei den Fans aber vielleicht auch die Erwartungen wieder höher. Ist es berechtigt, diese zu hegen, oder befindet sich Werder eigentlich noch auf einem Schritt irgendwo dazwischen?

Es wird im nächsten Jahr mit Sicherheit wieder zehn bis elf Mannschaften geben, die entweder mehr Geld investiert haben und wahrscheinlich auf einigen Positionen die höhere Qualität haben werden als wir, und trotzdem wäre ich verrückt, wenn ich sagen würde, ich möchte diesen Spirit, diese Haltung zurückdrehen. Das ist doch genau das, was wir erreichen wollten. Es muss halt trotzdem jeder wissen – und da haben die Fans ein sehr gutes Gespür dafür – , dass wir erst an einem Anfang sind. Natürlich sind wir in einem Prozess, aber diese Erwartungshaltung will ich um keinen Millimeter zurückdrehen. Das war das Beste an unserem Saisonziel. Das hat uns komplett immer angespornt, niemals zurückzustecken. Wir werden uns auch weiterhin sehr ambitionierte Ziele in dem Wissen setzen, dass wir über viele kleine, kluge, bessere Entscheidungen ausgleichen müssen, was andere Vereine monetär haben. Kein 'weiter so' – sondern besser werden.

Wie genau sieht der nächste sportliche Schritt aus?

Er gibt sehr klare Ansatzpunkte in unserem Spiel, die besser werden müssen. Offensiv sind wir eine der Mannschaften, die systematisch am besten ins letzte Drittel kommt, aber dafür haben wir noch zu wenig Tore geschossen. Das ist auch ein Kaderplanungsthema. Niclas Füllkrug ist jemand, der diese Boxpräsenz deutlich hervorheben soll. Die Themen Spieleröffnung, Übergangsspiel und grundsätzlich Staffelung in unserem Spiel zu haben, sehe ich auf einer guten Basis. Wir haben schon gemerkt, dass sich die Gegner da sehr stark nach uns richten, deshalb musst du da sehr stabil bleiben. Wir werden da sicherlich in der neuen Saison noch andere Lösungen haben, um nicht ausrechenbar zu sein. Es bleibt nämlich unsere Grundphilosophie, spielerisch die Dinge zu lösen.

Und in der Defensive?

Da geht es um die Konterabsicherung, wobei ich auch weiterhin sagen würde, dass es kein allgemeines Problem ist. Es gab da eben die Spiele gegen Leverkusen und Düsseldorf, wo es schlecht war. Wenn du dich mit sehr vielen Spielern am Angriff beteiligst, dann musst du den Moment des Ballverlustes perfekt organisieren. Da habe ich aber ein gutes Gefühl, weil wir keinen großen Umbruch haben werden. Ich habe es schon gesagt und bleibe dabei: Ich gehe davon aus, dass Max Kruse der einzige Stammspieler ist, der den Verein verlässt. Deshalb werden wir eine Vorbereitung haben, die diese Arbeit auch ermöglicht.

Was macht Sie so sicher, dass der Kader wirklich so zusammenbleibt? Gibt es keine Summe für einen Spieler, bei der der Verein schwach werden könnte?

Es gibt viele Gründe, zum Beispiel die persönlichen Gespräche. Bei allen habe ich das Gefühl, dass sie diese Stimmungslage haben, dass sie hier noch nicht fertig sind. Vielleicht war es auch genau das, was bei Max anders war. Vielleicht wäre es sogar viel gefährlicher geworden, wenn wir uns für Europa qualifiziert hätten. Dann hätte der eine oder andere Spieler wirklich auf die Idee kommen können zu sagen, wie eigentlich der nächste Schritt bei Werder Bremen aussieht. Wir haben schließlich auch Spieler, die Ambitionen oder die Möglichkeiten haben, zu Vereinen zu gehen, die systematisch Titel gewinnen können. Das Zweite ist die Vertragslage. Natürlich gibt es utopische Summen, aber wir haben alles in der Hand und treffen Entscheidungen. Und drittens kommt ein weicher Fakt hinzu, wenn ich mit möglichen neuen Spielern spreche: Viele wollen auch nach Bremen, weil sie das Gefühl haben, dass man sich hier entwickeln kann, es geile Fans und ein tolles Umfeld gibt. Wir sind echt attraktiv für Spieler – und das wissen auch die jetzigen Spieler, dass das nicht überall so ist.

Reden wir über Niclas Füllkrug. Ist es nicht ein enormes Risiko, sich auf einen Spieler zu verlassen, der bereits drei Knorpelschäden erlitten hat? Und auch noch für eine Ablöse?

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein gewisses Risiko dabei ist. Wir haben das aber eingehend untersucht und die Botschaft, die wir bekommen haben, ist, dass es keine dramatisch erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung gibt. De facto ist es schon einmal passiert, das darf man nicht davonlügen. Im positivsten Sinne ist es aber ein typischer Werder-Transfer. Wir haben einen Spieler, der nachweislich einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet hätte, für gutes Geld bekommen. Wenn er gesund bleibt – und das wird er –, dann gewinnen wir einen Spieler dazu, der im letzten Jahr ans Tor zur Nationalmannschaft geklopft hat und trotzdem noch entwicklungsfähig ist. Ich sehe da viel eher die Chance. Ganz ohne Risiko bekommen wir solch einen Spielertyp eben nicht.

Das Gespräch führten Jean-Julien Beer und Malte Bürger. Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

Florian Kohfeldt (36)

übernahm Werders Bundesligamannschaft im Herbst 2017 im Abstiegskampf und schaffte nun fast den Sprung nach Europa. Das macht den jungen Bremer für andere Klubs interessant. Er kann sich aber vorstellen, länger zu bleiben.

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