Kohfeldt genervt vom Dauerthema Kruse „Wir sollten keine Heldenverehrung betreiben“

Weil Werder zum Ligastart gleich reihenweise die Torchancen vergab, kam schnell die Frage nach Ex-Torjäger Max Kruse auf. Florian Kohfeldt gefiel das gar nicht. Der Trainer wartet weiter auf Niclas Füllkrug.
20.08.2019, 09:58
Lesedauer: 5 Min
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Von Jean-Julien Beer

Florian Kohfeldt war ohnehin schon bedient nach der 1:3-Niederlage gegen Düsseldorf. Wieder kein Sieg zum Auftakt. Erneut viel zu wenig Cleverness von seiner Mannschaft. Dazu diese vielen, vielen Torchancen, die seine Spieler vergaben. Und dann auch noch das. „Aber Herr Kohfeldt“, so begann ein Journalist ganz vorsichtig seine Frage, „Sie werden das Thema jetzt nicht mögen, aber war Max Kruse bei solchen Torchancen nicht…“

Die Frage konnte nicht mal zu Ende gestellt werden, was eindrucksvoll belegt, dass Kohfeldt dieses Thema tatsächlich nicht mag. Ein wenig lauter als sonst und sehr deutlich gab Werders Trainer die Antwort, er brauchte dafür zunächst nur fünf Wörter: „Nein, das war er nicht.“ Das letzte Wort der Frage wäre übrigens „cooler“ gewesen, und mit der für ihn typischen Coolness wischte nun Kohfeldt dieses Thema ganz schnell zur Seite, auch wenn der natürlich weiß, dass ihm die Fragen nach dem Fehlen des Topscorers Kruse mit etwas (Abschluss-)Pech noch einige Male begegnen dürften. „Wir sollten jetzt im Rückblick keine Heldenverehrung betreiben“, sagte der Trainer, „ich schreibe Max extrem viele gute Attribute zu und bin auch nach wie vor traurig, dass er nicht mehr da ist. Er war enorm dafür verantwortlich, dass wir ins letzte Drittel gekommen sind und uns Torchancen erarbeitet haben. Aber er war nicht dafür bekannt, dass er jeden Ball über die Linie gedrückt hat, wenn er im Strafraum war.“

Klaassens Chance als schlechtes Beispiel

Man kann es eine undankbare Rolle nennen, in die Kohfeldt nach dem ersten Saisonspiel geraten war, verschuldet durch seine Angreifer, denen bei 24 Torschüssen und elf Großchancen gegen den Abstiegskandidaten Düsseldorf nur ein Treffer durch Johannes Eggestein gelang. Wie sollte er das erklären? Natürlich sind Vergleiche mit Kruse nicht hilfreich, aber dessen 35 Tore und 31 Vorlagen in 94 Bundesligaspielen für Werder zeugen nun Mal von einer außergewöhnlichen Treffsicherheit; ganz gleich, ob Kruse die Bälle nur über die Linie drückte oder lieber aus 16 Metern im Netz versenkte. Dieses Außergewöhnliche ging Werders Offensive zum Ligastart völlig ab, die Bremer Chancenverwertung war höchstens außergewöhnlich schlecht.

Als Beispiel erinnerte der Trainer an die Großchance von Davy Klaassen, der den Ball aus wenigen Metern nicht im Tor unterbrachte. Der Niederländer steht bei Kohfeldt „als absolut top-gesetzter Spieler völlig außer Frage“, deshalb konnte er diese Szene problemlos ansprechen. „Aber wenn ich mir nicht sicher bin, dass ich den Ball aus drei Metern freistehend rein drücke, dann muss ich ihn mir einen Meter zur Seite legen und schauen, was passiert. Das ist für mich clever.“ Sichtlich enttäuscht über den geringen Ertrag der Bremer Angriffsbemühungen fügte er etwas süffisant an: „Als ich im Vorfeld sagte, dass manche Dinge im ersten Spiel noch nicht so gut klappen können, meinte ich damit nicht, den Ball aus drei Metern nicht ins Tor zu schießen.“

Klaassen war dabei aber kein Einzelfall, ganz im Gegenteil. „Meine Kritik“, so betonte es auch Kohfeldt, „trifft dabei keinen einzelnen Spieler, weil sie alle reihenweise den Ball nicht reingemacht haben. Das müssen wir uns vorwerfen.“ Die Anzahl der herausgespielten Chancen habe weit über Bundesligadurchschnitt gelegen, aber mit der Verwertung dieser Chancen könne keiner zufrieden sein. „Darüber bin ich sehr enttäuscht“, betonte Kohfeldt, „und das müssen wir auch besprechen“.

Die Lösung trägt die Nummer 11

Die Lösung des Problems trägt die für Stürmer typische Nummer 11: Niclas Füllkrug. Der 26 Jahre alte Torjäger war trotz eines Knorpelschadens im Knie, dem dritten seiner Karriere, in diesem Sommer für 6,3 Millionen Euro aus Hannover verpflichtet worden. Doch weil er bei den Niedersachsen verletzungsbedingt mehr als ein halbes Jahr gefehlt hatte, muss er bei Werder seit Wochen behutsam aufgebaut werden. Ein schwieriger Prozess, bei dem jedes Risiko einer falschen Belastung vermieden werden soll. „Es war ein Transfer, der von unserer Seite mit sehr viel Sinn und Verstand getätigt wurde“, unterstrich Kohfeldt, „natürlich auch mit einem gewissen gesundheitlichen Risiko bei der Verpflichtung, das haben wir breit diskutiert. Wir haben das Risiko für vertretbar gehalten, zum Glück hat sich das Stand jetzt auch so bestätigt. Er ist jetzt nicht mehr ewig weit weg.“

Gegen Düsseldorf reichte es schon zu einer Einwechslung in der zweiten Halbzeit, bei zwei guten Chancen zeigte der wuchtige Mittelstürmer sofort, dass er die Bälle aufs Tor bringt. „Beide Chancen wurden vom Torwart gut gehalten, aber das war schon sehr ordentlich von ihm“, lobte Kohfeldt nach Füllkrugs Bundesliga-Comeback für Werder, „er hat schon gezeigt, wie viel Unruhe er in einer Viererkette verursachen kann.“ Wenn die Trainingswoche gut läuft, traue er Füllkrug auch mal 60 oder 70 Minuten zu. Und damit sei er fortan auch ein Startelf-Kandidat. Zumal er nicht nur durch seine Torjäger-Qualitäten wertvoll ist, wie der Trainer erklärte: „Grundsätzlich bringt er uns vorne auch eine andere Physis rein.“

Auch ohne Kruse genug Chancen

Ob die spielstarken Hoffenheimer am Sonnabend schon der ideale Gegner sind, gilt es noch abzuwägen. Das Heimspiel gegen den FC Augsburg könnte sich vielleicht eher anbieten, weil Bremen auch dann wieder viel Ballbesitz haben dürfte. In jedem Fall braucht Werder bei Strafraumszenen einen Knipser in der Box, wie es im modernen Fußball so schön heißt. Kohfeldt formuliert es so: „Irgendwann wird es dazu kommen, dass wir mit so einem Stürmer wie Niclas Füllkrug vorne drin spielen, und ein paar anderen drum herum. Aber soweit waren wir noch nicht, weil er halt noch nicht ganz so weit ist. Aber es wird nicht mehr lange dauern. Ich will auch, dass er kein Joker mehr ist.“

Das Warten auf „Lücke“, wie Füllkrug im Team genannt wird, ist das sehnsüchtige Warten auf eine bessere Chancenverwertung. Und damit auch auf ein Ende der Kruse-Diskussionen. Sportchef Frank Baumann erklärte mit Blick auf den Ex-Kapitän nun: „Es wurde infrage gestellt, ob wir uns genug Chancen herausspielen, nachdem unser Spielmacher weg ist. Ich glaube, da haben wir gegen Düsseldorf viele widerlegt, auch wenn wir uns dafür nichts kaufen können. Wir haben die meisten Torschüsse an diesem Wochenende abgegeben und sehr viele Chancen herausgespielt, aber nur ein Tor gemacht. Das ist zu wenig.“

Tore sind keine Wissenschaft

Genau das sprach Kohfeldt auch beim obligatorischen Kreis mit seinen Spielern nach dem Abpfiff an.„Ich habe den Jungs da gesagt, dass uns was ganz Entscheidendes gefehlt hat, um in der Bundesliga Spiele zu gewinnen. Nämlich Effektivität. Ich habe ihnen aber auch gesagt, dass die Grundrichtung gestimmt hat und dass die Art und Weise nicht anzuzweifeln ist, wir dürfen uns von einem Spiel nicht verrückt machen lassen.“ Schließlich habe sein Team immer eine Idee gehabt, wie man nach vorne kommen könnte. Das gelang phasenweise sogar schon besser, als es Kohfeldt fürs erste Bundesligaspiel der Saison erwartete. Im nächsten Schritt muss es nun darum gehen, das wahre Ziel eines Fußballspiels in den Vordergrund zu stellen: Es geht nicht um schöne Kombinationen nach vorne, sondern um Tore. Und das auch in Zeiten, in denen der Fußball mit all seinen Details fast schon wissenschaftlich überhöht wird. Für eine derart brutale Reduzierung aufs Simple steht Füllkrug in diesem Kader wie kein anderer.

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