Gladbach-Sportdirektor Max Eberl im Interview "Wir waren noch weiter unten als Werder jetzt"

Im Interview erklärt Borussia Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl, warum es mit seinem Verein – anders als mit Werder Bremen – seit Jahren aufwärts geht.
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Andreas Lesch

In der ersten K.-o.-Runde der Europa League wird Borussia Mönchengladbach es schwer haben. Die Gladbacher treten gegen den Titelverteidiger FC Sevilla an, das hat die Auslosung am Montag ergeben. Gladbachs Gegner am Mittwoch in der Fußball-Bundesliga ist von Titeln zurzeit weit entfernt: Werder Bremen, der Vorletzte in der Tabelle. Im Interview mit Andreas Lesch erklärt Gladbachs Sportdirektor Max Eberl, warum es mit seinem Verein – anders als mit Werder – seit Jahren aufwärts geht.

In der Bundesliga haben viele Traditionsvereine Probleme: Werder, Stuttgart, Hamburg. Gladbach nicht. Woran liegt das?

Max Eberl: Gladbach hatte in den letzten 15 Jahren auch einige Probleme. Und als ich hier 2008 Sportdirektor wurde, war Werder mein Vorbild – wegen seiner soliden, ruhigen, konstruktiven Arbeit. Und wegen seines klaren Plans. So einen klaren Plan verfolgen wir in Gladbach seit sechs Jahren auch. Wir sind 2011 mal knapp am Abstieg vorbeigeschrammt, aber wir haben unseren Weg nie verlassen.

Was genau haben Sie sich damals von Werder abgeschaut?

Wie eine Mannschaft in Ruhe wachsen und sich entwickeln kann. Und wie man sie mit klugen Schachzügen weiter verstärkt. Werder hatte über Jahre immer wieder arrivierte, gute Spieler, die mit vielen jungen Potenzialspielern gemeinschaftlich was erreicht haben.

Jetzt ist Werder abgestürzt – weil der Kader im Erfolg teurer wurde und dann der Erfolg ausblieb. Haben Sie Angst davor, dass es Ihrem Verein auch mal so gehen könnte?

Wir in Gladbach waren ja noch weiter unten als Werder jetzt. Wir waren sogar in der Zweiten Liga, und wir hatten finanziell noch nicht dieses Fett auf den Rippen, das wir uns jetzt erarbeitet haben. Natürlich sehen wir, dass da eine Gefahr lauert, und natürlich haben wir einen teureren Kader als vor zwei, drei Jahren. Aber wir versuchen, die Gefahr einzudämmen. Unser Kader ist auch ohne Europa finanzierbar.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Weil wir unsere Mannschaft kontinuierlich und nachhaltig aufbauen wollen. Und das können wir nur, wenn wir auch von einem Misserfolg nicht umgeworfen werden.

Worauf achten Sie, wenn Sie Talente einbauen?

Wir versuchen, junge Spieler zu finden wie Roman Neustädter, Marco Reus, Christoph Kramer oder Thorgan Hazard, die Potenzial haben. Und wir versuchen, unseren Nachwuchsspielern das Gefühl zu geben, sie haben wirklich eine Chance.

Lesen Sie auch

Als Sie 2011 fast abgestiegen sind …

… da ist im Verein und im Umfeld eine ganz neue Dynamik entstanden, eine ganz neue Motivation. Wir als Verein haben damals den Fans ganz klar reinen Wein eingeschenkt: Was kann Borussia eigentlich? Borussia ist in den 70ern Deutscher Meister geworden, UEFA-Cup-Sieger, Pokalsieger. Aber 2011 waren wir in der Tabelle, was das Budget für die Profi-Mannschaft betraf, auf Platz 14. Das heißt: Wir haben uns fast in der Region bewegt, die unsere finanzielle Lage hergegeben hat.

War das den Fans nicht klar?

Vorher haben viele gedacht, wir müssten eigentlich viel besser sein. Danach haben sie gesagt: Okay, wir verstehen jetzt, ihr habt kein herausragendes Budget, aber ihr habt einen klaren Plan. Dem vertrauen wir. Die Leute haben das angenommen. Und dann kamen eben die Ergebnisse dazu – und plötzlich hatten wir einen herausragenden Erfolg und sind Vierter geworden.

Viele Traditionsvereine leiden genau darunter: dass das Publikum glaubt, sie müssten heute noch so gut sein wie früher. Wie sehr empfinden Sie die Tradition Ihres Vereins als Last?

Natürlich sind die Erfolge der Vergangenheit da, und sie werden die Geschichte von Borussia Mönchengladbach immer prägen. Aber dieses Gewitter 2011 hat dafür gesorgt, dass die Menschen sie besser einordnen können. Wir lassen die Tradition ja weiterleben. Aber wir wollen ein bisschen den Staub von der Geschichte wegpusten und ein neues Kapitel hinzufügen.

Dafür brauchen Sie die richtigen Spieler. Die finden Sie erstaunlich oft. Wie machen Sie das?

Wir schauen nach Jungs, die sportlich und charakterlich zu uns passen. Natürlich funktioniert auch bei uns nicht jeder Transfer. Aber viele eben doch. Wir leisten uns seit einigen Jahren einen Scout, der mir spezielle Berichte über interessante Spieler schreibt. Ich will diese Spieler nicht ausspionieren. Sondern ich will sie einfach kennen – schon vor dem ersten Gespräch.

Was steht dann in solchen Berichten drin?

Es steht drin: Wo hat er seine Ausbildung genossen? Welche Schule hat er gemacht? Welche Kindervereine hat er gehabt? Welche schweren Verletzungen hatte er? Hatte er vielleicht sogar schon mal Probleme mit der Polizei?

Was lernen Sie daraus?

Das Privatleben spiegelt sich fast immer auf dem Platz wider. Es ist ganz selten, dass ein extrovertierter Fußballer in seinem Privatleben lammfromm ist. Wir hatten bei uns mal den belgischen Torwart Logan Bailly. Er war ein Torwart, der unglaublich aktiv gespielt hat und in jeden Zweikampf reingeflogen ist. Das hatte man in seiner Kindheit lesen können. Er hatte nämlich zwei Mal die Schulter ausgekugelt – weil er in Zweikämpfe reingeflogen ist, die konnte er gar nicht gewinnen.

Wie viel schwerer ist es für Sie geworden, mit wachsendem Erfolg den Kader weiterzuentwickeln?

Je höher man in der Tabelle steht, umso höher muss die Qualität der Spieler sein: die der Eigengewächse und die der Transfers. Die Mannschaft weiter zu verstärken, das wird immer komplizierter. Die Luft dort oben wird immer dünner. Und bei den Spielern, um die man sich bemüht, steht man immer mehr in Konkurrenz mit den ganz großen Vereinen.

Sie holen oft Spieler, die ganz nach oben wollen, aber dafür noch nicht gut genug sind. Sind Sie nur eine Durchgangsstation?

Nein, das wäre mir zu wenig. Natürlich ist es ein Teil unseres Weges, Topjungs zu finden, zu entwickeln und mit ihnen Transfer-Erlöse zu erzielen. Aber wir sind finanziell so stabil, dass wir jeden Transfer-Euro auch wieder in unseren Kader stecken können. Wir haben zum Beispiel für Marko Marin, der damals zu Werder gegangen ist, Reus, Neustädter und Arango verpflichtet. Und jetzt, mit dem Transfererlös für Marc-Andre ter Stegen, haben wir Yann Sommer verpflichtet – aber eben auch Traoré, Johnson, Hazard und André Hahn.

Sie haben mit Ihrem Team jetzt wieder die zweite Runde der Europa League erreicht. Wie wichtig ist es Ihnen, Jahr für Jahr international mitzuspielen?

Es ist nicht elementar wichtig. Aber wir haben zuletzt zwei Mal in Europa gespielt. Jetzt haben wir Blut geleckt, jetzt möchten wir mehr. Das ist eine unglaublich positive Droge für uns.

Herr Eberl, manch einer zählt Sie wegen Gladbachs Erfolgen schon zu den besten Managern der Liga. Wie sehr sind Sie an Ihrem Job gewachsen?

Ich war ja erst vier Jahre Jugend-Direktor bei der Borussia. Da konnte ich gut lernen und mich entwickeln, ohne dass es von der Öffentlichkeit so wahrgenommen wurde. Als ich dann 2008 Sportdirektor wurde und als Greenhorn bewertet wurde, musste ich ein bisschen schmunzeln. Denn die vier Jahre Erfahrung in der Jugend, die hatten nicht so viele meiner Kollegen, als sie anfingen. Ich musste mich nur gegen dieses Greenhorn-Image wehren.

Wie war das für Sie: sich in Ihren Job reinzukämpfen?

Ich war ja als Fußballer schon einer, der mehr über den Kampf kam. Ich wusste, dass ich kämpfen muss, um mir Respekt zu erarbeiten. Aber davor hatte ich keine Angst. Ich wusste: Okay, ich hab‘ einen Plan, ich hab‘ eine Idee, ich hab‘ super Leute um mich herum. Darauf vertraue ich einfach mal.

Berti Vogts hat damals gespottet, Sie seien wahrscheinlich zufällig mit dem Fahrrad vorbeigekommen.

Exakt. Aber ich habe mir da gedacht: Das ist deine Chance, du kannst die Leute überraschen! Ich konnte als Sportdirektor viele Dinge umsetzen, die ich als Jugend-Direktor schon eingeleitet hatte. Talente wie Patrick Hermann, Tony Jantschke oder Marko Marin, die hatte ich ja im Jugendbereich geholt. Ich weiß sehr genau, welchen Wert unsere Jugend hat.

Sehen Sie Gladbach eher als Lebensaufgabe oder als Karriere-Sprungbrett?

In meinem Leben haben Bodenständigkeit und Kontinuität immer eine Rolle gespielt. Das heißt nicht, dass irgendetwas endlos ist. Aber wir haben hier unglaublich viel auf den Weg gebracht, und ich habe das Gefühl: Wir sind noch nicht am Ende dieses Weges.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+