Werders nächster Gegner

Wolfsburg bietet genug Angriffsfläche

Werder erwartet in Wolfsburg auf Grund des Trainerwechsels eine undankbare Aufgabe. Allerdings hat Wolfsburg in der bisherigen Saison genug Schwächen offenbart, die Bremen nutzen könnte.
18.09.2017, 20:27
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Rommel
Wolfsburg bietet genug Angriffsfläche

Gegen Wolfsburg kann Druck über die Außen ein Mittel zum Erfolg sein.

nordphoto

Am Samstag gab es eine Szene, die recht gut illustrierte, woran es beim VfL Wolfsburg ganz besonders hapert. Die schwere Verletzung von Stuttgarts Christian Gentner zog eine sechsminütige Unterbrechung nach sich - eigentlich genug Zeit, um sich bei einem 0:1-Rückstand nochmals zu sammeln, vielleicht ein bisschen zu beratschlagen, einen Plan für die Schlussphase samt ausgedehnter Nachspielzeit zu entwickeln.

Genau zwei Spieler schafften es an die Seitenlinie zu Trainer Andries Jonker. Marc Arnold wollte in erster Linie etwas trinken und bekam von Jonker noch ein paar Sätze zugeraunt, Robin Knoche ließ sich tatsächlich so etwas wie taktische Anweisungen mit auf den Weg geben. Der Rest der Mannschaft schlenderte über den Rasen. Und weil auch vom Trainerteam kein Signal zur Zusammenkunft kam, ging die zufällig erworbene Zeit inhaltlos verloren. Und am Ende auch das Spiel beim VfB.

Nun ist Jonker Geschichte und mit Martin Schmidt soll es jetzt als der vierte Trainer innerhalb der letzten zwölf Monate richten. Schmidt stand in Mainz für unbequemes Pressing und schnelles Umschalten und auch wenn sich diese Elemente besonders in den letzten Monaten seiner Amtszeit kaum noch entwickelten und Mainz stagnierte, war er doch immer ein Trainer, der die positive Mentalität seiner Mannschaft wecken konnte und die geforderten Tugenden auch selbst durchaus extrovertiert vorlebte.

Das mag ein wichtiger Grund gewesen sein, warum sich Wolfsburg schon früher um Schmidt bemühte und ihn jetzt zum neuen Cheftrainer machte. Denn bisher hat die Mannschaft im Grunde da weitergemacht, wo sie in der letzten, völlig verkorksten Saison aufgehört hat. Und man kommt auch jetzt nicht umher, die rein sportliche Analyse auch immer mit weichen Faktoren zu verknüpfen, mit Willen, Einsatzbereitschaft, Teamgeist. An denen fehlt es offenbar mehr als an einem ordentlichen Plan. Den hatte Wolfsburg auch unter Jonker.

Das Spiel gegen den Ball

Die Mannschaft spielt seit einem Dreivierteljahr in verschiedenen Grundordnungen mit Dreierkette in der Abwehr, unter Jonker hatte sich ein 3-4-1-2 durchgesetzt. Wenn der Gegner den Ball hat, formiert sich die Mannschaft in ein 5-2-1-2 um, was an und für sich einer grundsoliden Idee entspricht. Mit dem neuen Trainer Schmidt sind für das Werder-Spiel keine großen Umbaumaßnahmen zu erwarten. Dafür ist die Zeit bis zum Anpfiff schlicht zu knapp und eine größere Umstellung, etwa zurück auf die Viererkette, wäre ein recht großes Wagnis.

Ein Problem war bisher die personelle Besetzung der einzelnen Positionen, sowohl in der Defensive als auch in der Offensive. Gegen Stuttgart kamen sechs Zugänge des Sommers zum Einsatz, fünf von ihnen von Beginn an. Mit Jeffrey Bruma und Mario Gomez fehlen zwei der rar gesäten Führungsspieler, dazu ist der als neuer Abwehrchef eingeplante John Anthony Brooks ebenfalls verletzt. Felix Uduokhai und Ignazio Camacho sind neu in der Liga, einzig Knoche bringt als halbrechter Innenverteidiger Bundesligaerfahrung mit.

Die rechten Flügelspieler William oder Paul Verhaegh sind neu, dazu der Doppel-Sturm mit Landry Dimata und Divock Origi. Das alles macht sich unter anderem im Pressing der Mannschaft bemerkbar. Wolfsburg verlässt sich auf ein klassisches Mittelfeldpressing und variiert dabei je nach Gegner die Zahl der pressenden Angreifer. Gegen Dreierketten wie bei Werder dürften beide Angreifer und Daniel Didavi auf einer Linie gegen den Ball arbeiten, wobei Didavi die zusätzliche Aufgabe zu Teil wird, sich mittels Deckungsschatten auch um den Sechserraum des Gegners zu kümmern.

Die Mannschaft schafft es dabei ganz gut, das Zentrum zu blockieren und den Gegner auf die Außen zu leiten. Die beiden Korridore auf den Außenbahnen werden dabei zunächst vernachlässigt, das Zentrum genießt dank der Doppel-Sechs hinter der ersten Pressinglinie höhere Priorität und kann durch die Fünferkette, die die Breite einigermaßen gut abdecken kann, immer noch verteidigt werden.

So gut die grundsätzliche Anordnung ist, so wenig intensiv wird das Pressing betrieben. Es wird viel begleitet und geleitet, aber wenig Aggressivität gegen den Ball ausgestrahlt. Erst wenn der Gegner in höhere Zonen vordringt, kommt Dynamik ins Wolfsburger Spiel.

Zuletzt war häufiger zu sehen, dass sich in Wolfsburg der Trend zu klaren Zuteilungen leicht durchsetzen konnte. Nicht immer, aber immer mal wieder gab es Mannorientierungen der Wölfe bei gegnerischem Ballbesitz. Vielleicht lag es daran, dass die Mannschaft dieses Stilmittel nur vereinzelt nutzt, aber in den wenigen Momenten, in denen sich die Manndeckungen auflösen müssen, etwa beim Kampf um zweite Bälle, offenbarte Wolfsburg durchaus Probleme.

Wenn der Gegner sein Sichtfeld zum Tor besser nutzen kann und aktiv (und nicht reaktiv wie die verteidigende Mannschaft), den Verlauf des Angriffs bestimmt, gibt es gerade gegen wenig eingespielte Mannschaften immer wieder größere Lücken vor der Abwehr. Gegen Hannover war das zu sehen, gegen Stuttgart verteidigte Wolfsburg wieder mehr im Raum. Da gab es ab und zu auch im Zentrum deutliche Abstimmungsschwierigkeiten zwischen den beiden Sechsern.

Ein Problem war auch die rechte Abwehrseite, speziell gegen den VfB. Erst William und in der zweiten Halbzeit Verhaegh wurden von Stuttgarts dribbelstarken und schnellen Außen im Eins-gegen-Eins immer wieder vor große Probleme gestellt, auch das Doppeln mit dem ballnahen Innenverteidiger funktionierte nicht immer.

Ganz gut sind dagegen das Herausrücken eines der Innenverteidiger und das gleichzeitige Schließen der Kette dahinter bei gegnerischen Angriffen durchs Zentrum. Hier zeigen sich die Vorteile der Fünferkette gegen den Ball. Im Gegenpressing agierte die Mannschaft bisher in einem überschaubaren Rahmen. Situativ wurde gepresst, das Fallen in die Ordnung erschien Jonker aber im Zweifel wichtiger. Das dürfte sich im Laufe der Zeit mit Schmidt als Trainer deutlich ändern, für das Werder-Spiel ist Wolfsburg jetzt aber noch nicht als Gegenpressing-Mannschaft zu betrachten.

Das Spiel mit dem Ball

Eigentlich wäre Wolfsburgs Raumaufteilung im 3-4-1-2 bei eigenem Ballbesitz wie gemacht für längere Ballbesitzphasen und ein ordentliches Positionsspiel. Beides beherrschte die Mannschaft bisher aber allenfalls in Ansätzen. Der Vorteil des Zweier-Angriffs mit einem klaren Zehner dahinter wird vielmehr für lange Zuspiele in die Spitze mit anschließenden Ablagen auf Didavi genutzt. Durch das Binden von gleich zwei Innenverteidigern durch die zwei verhältnismäßig zentral postierten Angreifer kann immer einer der Angreifer und Didavi aggressiv auf einen möglichen zweiten Ball gehen.

Der Aufbau erfolgt über die Dreierkette und eine zunächst möglichst ruhige Ballzirkulation. Gegen nur zwei Pressingspitzen hat Wolfsburg nur wenige Probleme im Aufbau, die beiden äußeren Mittelfeldspieler können deshalb früh und hoch aufrücken. Einer der beiden Sechser, in den meisten Fällen Arnold, hilft dann als kurze Anspielstation aus, während der zweite Sechser sich schnell höher im Feld positioniert. Ist die nötige Staffelung dann gegeben, rückt Didavi mit der Spielfortsetzung ins Übergangsdrittel gerne fast auf Höhe der Angreifer auf und besetzt das Sturmzentrum.

Gibt es Raum und Zeit im Aufbau, ist Knoche auch einer der Innenverteidiger, die sich mit dem Ball am Fuß bis tief ins Mittelfeld trauen und den Lauf auch bis in den gegnerischen Strafraum fortsetzen.

Wenn sich die Gelegenheit bietet, setzt Wolfsburg auf ein sehr geradliniges Spiel in die Spitze, besonders im Umschalten nach Ballgewinn. Dann fächern die beiden Angreifer auf die Außenbahn auf und schaffen sowohl Breite als auch Tiefe. So soll die Geschwindigkeit von Origi und Dimata besser zum Tragen kommen.

Was bedeutet das für Werder?

Die Aufgabe gegen eine Mannschaft, die wenige Stunden zuvor erst den Trainer gewechselt hat, ist sehr undankbar. In der Vorbereitung auf Wolfsburg dürften einige Erkenntnisse mit Vorbehalt zu genießen sein oder sogar wackeln. Schmidt ist ein klassischer 4-4-2-Verfechter, der unbequem und mit viel Intensität gegen den Ball spielen lässt und auf schnellen Umschaltfußball setzt. Die entsprechenden Maßnahmen in der Umsetzung dürften aber für das Werder-Spiel kaum eine Rolle spielen. Trotzdem dürfte die Mannschaft mir einer anderen Mentalität als zuletzt in Stuttgart auftreten.

Inhaltlich bleiben für Werder, gesetzt den Fall, Wolfsburg bleibt zu großen Teilen seinen bisher praktizierten Abläufen treu, ein paar konkrete Ansatzpunkte. Didavi als Zehner ist der Schlüssel im Offensivspiel der Gastgeber und das nicht nur, weil die beiden bisher erzielten Saisontore auf sein Konto gehen. Didavi ist der beste Fußballer im Team, gut im Umschalten und durch seine Zwitterrolle als zentraler Mittelfeldspieler und Mittelstürmer schwer aufzunehmen für die Abwehr. Hannover und Stuttgart haben mit aggressiven Sechsern in Didavis Räumen gespielt, was Wolfsburg sofort die Möglichkeiten zum Kombinieren in höheren Zonen geraubt hat.

Wolfsburgs Fokus auf Raumorientierung und das Zentrum bietet die Chance für ein variableres Spiel der beiden äußeren Mittelfeldspieler Theodor Gebre Selassie und Ludwig Augustinsson. Die könnten immer ein wenig einrücken und so die Wolfsburger Überzahl im Zentrum ausgleichen und mit Rochaden oder Positionswechseln mit den Achtern für Bewegung sorgen. Stuttgart hat das sehr gut vorgemacht und immer wieder Aogo in der Halbspur gefunden, den Wolfsburg kaum greifen konnte.

Dann wäre Werder auch automatisch in den Räumen, von denen aus der Angriff über die Außen und die beiden Angreifer weiterentwickelt werden könnte - sofern Alexander Nouri dies nach Max Kruses Ausfall noch will. Vielleicht wäre auch Florian Kainz im Sturm eine Option, um Ishak Belfodil erst später in der Partie von der Bank zu bringen. Kainz wäre definitiv der beweglichere Spieler und eher ein „Kruse-Ersatz“.

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