Partie gegen Salzburg Kohfeldt bei Wolfsburg – neuer Anzug, neues Format

Neues Team, neue Klamotten: Beim Heimdebüt gegen Salzburg trat Florian Kohfeldt als Wolfsburg-Trainer in ungewohntem Format auf. Sein Gemüt konnte er beim der Champions-League-Partie aber nur bedingt zügeln.
03.11.2021, 11:25
Lesedauer: 4 Min
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Von Hans-Günter Klemm

Es war schon ein bisschen anders. Florian Kohfeldt wechselte in einen neuen Modus. Was nicht nur an der neuen Dienstkleidung gelegen haben mag, wie er selbst bekannte nach seinem überaus erfolgreichen Einstand in Wolfsburg. Zunächst der Erfolg in der Bundesliga gegen Leverkusen (2:0), dann am Dienstagabend das gelungene Heimdebüt gegen Salzburg (2:1), was den Niedersachsen Chancen auf das Überleben in der Champions League eröffnet. Wohlgefühlt habe er sich, recht entspannt in seinem neuen und ungewohnten Königsklassen-Outfit, beschrieb der 39-Jährige seine Gemütsverfassung – und hielt fest: "Meine innere Emotionalität ist weiter sehr hoch."

Wer den quirligen "Flo", diesen ewig sprudelnden Trainer-Vulkan an der Seitenlinie, in Bremen erlebt hatte, konnte in der Autostadt am Dienstagabend einen Coach in neuen Kleidern und einem neuen Format beobachten, der sich offenbar ein wenig zurückgenommen hat. Der frühere Werder-Trainer, der seinen persönlichen Aufstieg aus den Niederungen des quälenden Abstiegskampfes in die Champions League sichtlich genießt, gab sich wie ein Irrwisch im Sparformat.

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Vergessen der Trainingsanzug oder der saloppe Freizeitlook. Anzug war angesagt, wie verlangt und gewohnt in der europäischen Königsklasse. Ganz in Schwarz erschien Kohfeldt. Anzug in der dunkelsten aller Farben, dazu ein grauer Pullover, weiße Sneaker, längst obligatorisch für alle im Fußballgeschäft, die etwas auf sich halten. Matthias Jaissle, Kohfeldts Konterpart aus Salzburg, trat modisch gleichermaßen auf, das dezente Kostüm lediglich garniert mit  einem feschen Einstecktuch. Wie Zwillinge am Spielfeldrand erschienen die beiden, wobei der Deutsche in österreichischen Diensten den Kollegen aus Norddeutschland in mancher Hinsicht noch übertraf.

Der 33-jährige Jaissle wirkte wie ein Zappelphilipp, bei dem vermutet werden konnte, er habe literweise das Getränk aus dem Dosenimperium konsumiert, bei dem er angestellt ist. Intensives Coachen von außen, mit Mimik und Gestik jeden Spielzug begleitend, mit lautstarken Anweisungen kommentierend. Eigentlich die Kohfeldt-Art. Dieser zügelte sich im Vergleich zu seinem  Gegenstück, konnte seine Nervosität und Erregung indes nicht leugnen. Immer unterwegs in der Coaching-Zone, nie still gestanden, allenfalls mal eine knappe Minute auf der Bank sitzend, stets mit sichtbaren  Handlungen, die seine Gefühle ausdrückten. "Ich fühle schon sehr viel das Wir", würde er später erklären und so das Gemeinschaftsgefühl beschreiben, das nach wenigen Tagen bereits gewachsen ist.

Es gab von ihm Fingerspiele und Körperreaktionen in mehrfacher Hinsicht: Daumen hoch nach gelungenen Aktionen, speziell nach den Toren durch Ridle Baku und Lukas Nmecha, Botschaften mit dem Zeigefinger als Direktiven an seine Spieler, wobei mitunter die Sinnhaftigkeit im Ungefähren blieb, Kopfschütteln als Zeichen der Enttäuschung, wenn wieder mal eine horizontale Spielverlagerung dem vertikalen Pass und somit der Tempobeschleunigung vorgezogen wurde. Was nicht stattfand, waren die aus dem Weserstadion bekannten Proteste beim Team der Unparteiischen. Allenfalls mal sanfte Einsprüche beim vierten Offiziellen wegen einer angezweifelten Gelben Karte gegen Wout Weghorst.

Kohfeldt hat von einem Lernprozess gesprochen, den er durchlaufen habe, seit er Mitte Mai ohne Trainerjob gewesen war. Also ein bewusster Sinneswandel bei dem studierten Sportwissenschaftler, der jedoch seine Herangehensweise nicht grundlegend ändern möchte: "Ich bin und bleibe ein emotionaler Trainer." Diese "emotionale Mentalität" wolle er weiter leben und vorleben: "Die Energie soll auf die Mannschaft übertragen werden."

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Zumindest dies ist ihm schon gelungen bei den "Wölfen", die er aus der Lethargie der knappen Ära unter Vorgänger Mark van Bommel gerissen hat und zu einem bissigen und griffigen Team schon jetzt geformt hat. "Mit viel Leidenschaft" sei der Sieg perfekt gemacht worden,  stellte Kohfeldt fest. Einmal mehr wies er seine rhetorischen Fähigkeiten und sein Vermögen nach, Sachverhalte treffend zu analysieren. Die ständigen Beobachter des Geschehens am Mittellandkanal registrierten den immensen Kontrast zu dem eher unterkühlten und sich in immer wiederkehrenden Floskeln flüchtenden Niederländer, dessen Konterfei im Presseraum der Volkswagen-Arena bald entfernt werden dürfte.

Spätestens dann, wenn der Neuling Kohfeldt richtig angekommen ist und seine Ideale verwirklichen kann mit dem qualitativ bestens bestückten VfL-Aufgebot. Noch ist es längst nicht so weit. "Wir haben ordentlich bis gut verteidigt", sagte  der Verfechter des Offensivfußballs, "doch das Spiel mit dem Ball ist noch ausbaufähig." Korrekte Beschreibung einer Darbietung, die allenfalls mit einer von einer Werder-Legende geprägten Wortschöpfung charakterisiert werden kann. Otto Rehhagel sprach einst von der "kontrollierten Offensive". Wenig Ballbesitz, kaum gelungene Kombinationen, Kontrolle, Ordnung und Absicherung in einer 3-4-3-Grundordnung, die häufig bei Ballverlust zu einer Fünferkette in hinterster Reihe mutierte.

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Es wird noch dauern, bis Kohfeldt sein Leitbild des Tempofußballs realisiert hat und vorangekommen sein wird, den Stil des Pokalsiegers von 2015 zu veredeln. Es ist für den Trainer des Jahres 2018 die Chance in seinem Berufsleben, die Gelegenheit, das an der Weser zuletzt beschädigte Image aufzubessern. Der Anfang ist gemacht. Kohfeldt nahm sich wohlwollend zurück, in jeder Hinsicht. Zitat nach dem Triumph: "Es ist ein Sieg der Mannschaft. Sie hat sich alles erarbeitet."

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