Das Werder-Spiel in der Taktikanalyse Zu Recht ganz unten

In einem hektischen, unruhigen und am Ende der Partie wilden Spiel trennten sich Köln und Werder fast schon standesgemäß 0:0. Wobei die Bremer damit noch gut bedient waren.
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel

Bremens Trainer Alexander Nouri stellte erstmals in dieser Saison seine Grundordnung um. Anstatt mit einer Dreierkette ließ Nouri seine Mannschaft in einem 4-2-3-1 auflaufen. Zudem nahm der Trainer drei personelle Wechsel vor. Theodor Gebre Selassie verdrängte den zuletzt schwachen Robert Bauer, zudem spielten Maximilian Eggestein und Florian Kainz für Philipp Bargfrede und Milos Veljkovic.

Die Viererkette bildeten also Gebre Selassie, Lamine Sané, Nikls Moisander und Ludwig Augustinsson (von rechts nach links), davor formierten Eggestein und Thomas Delaney die Doppel-Sechs. Im offensiven Mittelfeld agierten Fin Bartels (rechts) und Kainz (links) auf den Flügeln, Zlatko Junuzovic im Zentrum. Einziger nomineller Angreifer war Ishak Belfodil. Der genesene Max Kruse nahm zunächst auf der Bank Platz.

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Der 1. FC Köln musste die Besetzung seines 4-4-2 nur zweieinhalb Tage nach seinem Europa-League-Spiel in Weißrussland auch umstellen. Für den verletzten Marco Höger rückte Leonardo Bittencourt ins Team und eigentlich sollte Claudio Pizarro gegen seinen Ex-Klub sein Startelfdebüt für den FC geben. Der Peruaner verletzte sich aber beim Warmmachen und wurde kurzfristig von Sehrou Guirassy ersetzt.

Werder zeigte geringe Anpassungsschwierigkeiten mit dem neuen Spielsystem und war in den ersten Minuten besser drin in der Partie als die Gastgeber. Im Spiel mit dem Ball versuchte es Werder sehr oft über die linke Angriffsseite, wo Augustinsson aus seiner diesmal tieferen Position heraus immer wieder anschob und mit mehr Anlauf und Tempo ins Spiel gebracht wurde.

Schlampiges Aufbauspiel

Verantwortlich dafür war Werders linkslastiger Aufbau, in dem sich Delaney in den Halbraum fallen ließ, um den Ball abzuholen und dann entweder auf Augustinsson oder den vor dem postierten Kainz zu verteilen. In diesem Dreieck und mithilfe des ausweichenden Belfodil konnte Werder einige gute Verbindungen herstellen und so über die linke Seite nach vorne kombinieren. Insgesamt machte die Mannschaft einen in der Offensive etwas lebhafteren Eindruck als in den Startphasen fast aller anderen Partien. Auch das Nach-vorne-Verteidigen und ein paar ordentliche Sequenzen im Gegenpressing waren im Spiel ohne Ball zu sehen.

Bereits nach einer Viertelstunde und ohne eine nennenswerte Torchance war aber schon wieder Schluss mit dem Anflug an Offensivgeist. Werder versteifte sich mehr und mehr darauf, schwierige Pässe zu spielen oder manövrierte sich durch das immer schlampiger werdende Aufbauspiel in Situationen, in denen der Ball leichtfertig verloren wurde.

Besonders den Weg durchs Zentrum fand Werder gar nicht, weil die Sechser nicht weiträumig genug spielten und ihre Kölner Gegenspieler weiter nach hinten drücken konnten. Ohne die fehlende Überzahl in diesem zentralen Bereich blieben die Angriffe in ihrem Charakter zwar ambitioniert, die Ausführungen wurden aber immer fahriger. Und wenn sich doch mal im Ansatz gute Angriffe entwickelten, beendete diese ein unsauberes Zuspiel oder ein falscher Laufweg.

Fast zwangsläufig ergaben sich daraus entweder eine ganze Reihe von hohen Zuspielen in die Spitze oder aber haarsträubende Abspielfehler im Aufbau, die Köln in der unmittelbaren Folge förmlich zu Abschlüssen einluden.

Köln stellte sich im eigenen Aufbau etwas geschickter an als Werder, dessen 4-4-2-Formation im Spiel gegen den Ball Köln ein paar Mal durchaus mutig und spielerisch anspruchsvoll aufbrechen konnte. Das Pressing mit Belfodil und Junuzovic lief gegen Kölns Dreieraufbau oft ins Leere und wurde von den zu tief stehenden Kollegen aufgrund der großen Abstände untereinander auch nicht gut unterstützt, danach spielte der FC den Ball schnell bevorzugt auf den linken Flügel, wo Konstantin Rausch hoch stand und dynamisch nach vorne ging.

Weil aber auch den Gastgebern im Übergangs- und Angriffsdrittel die Ideen fehlten, viele Entscheidungen hastig und ohne Ruhe am Ball getroffen wurden und als letzter Ausweg sehr oft der lange Ball gewählt wurde, entwickelte sich bis zur Pause ein unruhiges Spiel ohne große Torchancen. Allerdings doch mit klaren Vorteilen für Köln, das immer wieder von Fehlern der Gäste profitierte und im Umkehrspiel zu Abschlüssen kam. Immerhin fünf Schüsse bekam der FC auch aufs Tor – Werder keinen einzigen.

Nouri reagierte auf die erneut schwache Vorstellung von Bartels und die deshalb nahezu verwaiste rechte Angriffsseite und brachte Izet Hajrovic für Bartels. Mit der Einwechslung veränderte sich auch die Herangehensweise vieler Werder-Angriffe. Die Bremer drehten das Spiel immer weiter nach rechts und Hajrovic schaffte es, die bis dato kaum geforderte linke Kölner Abwehrseite zu beschäftigen. In der ersten Halbzeit war es noch Bartels, der sich sehr tief positionieren musste, um Rauschs Läufe zu verfolgen.

Allerdings, und das bleibt das größte aller Probleme in der Offensive: Aus dem zentralen Mittelfeld konnte Werder auch gegen den FC kaum Kreativität entwickeln. Werder hatte ein paar Ansätze, aber nur wenige durchdachte und einstudiert wirkende Abläufe im Spiel mit dem Ball. Es blieb der Fokus nun über beide Flügel mit anschließenden Flanken in den Sechzehner. Grundsätzlich ein probates Mittel, da Werder in der Luft den Gastgebern überlegen war. Allerdings zeigte die sich nur bei einigen Standards, als auch genügend Bremer Spieler den gegnerischen Strafraum besetzten.

Nouri reagierte nach einer Stunde mit dem zweiten Wechsel und brachte Johannes Eggestein für den glücklosen Belfodil, der sich in vielen Zweikämpfen aufrieb und sich dabei nicht immer geschickt anstellte. An der grundlegenden Systematik änderte dies aber nichts. Das Spiel blieb konfus und hektisch und wurde permanent durch Fouls unterbrochen.

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Müde Kölner schoben in den letzten zehn Minuten nochmals enorm an, Trainer Stöger beorderte gleich vier Spieler in den Angriff. Innenverteidiger Dominique Heintz wurde zum heimlichen Spielmacher, rückte immer wieder mit nach vorne auf und wurde von Werders Mittelfeld schlecht aufgenommen.

Die sich bietenden Räume machten Werder das Umschaltspiel leichter, weil sich das Team aber konsequent grobe Fehler leistete, entwickelte sich ein nahezu zügelloses Spiel, in dem Werder weiter die größeren Fehler machte, dafür aber nicht bestraft wurde.

Werders „stabile“ Defensive trifft in letzter Konsequenz auf die kassierten Gegentore zu, nicht aber auf die torkritischen Situationen, die Werder dem Gegner gönnt. Gegen den FC waren es am Ende 18 zugelassene Torschüsse, nur die Bayern durften bisher einmal öfter aufs Bremer Tor schießen. Das war eine Erkenntnis von Nouris Umstellungen. Die andere war, dass Werder auch in Bestbesetzung nicht in der Lage war, eine mental und körperlich angeschlagene Kölner Mannschaft auszuknocken. Nouri hat fast alles versucht: Mit der Systemumstellung wollte er alte Verfahrensweisen aufbrechen und zielte dabei in erster Linie auf die fehlende Balance zwischen Defensive und Offensive ab. Mit den frühen und offensiven Wechseln schöpfte er auch personell alles aus, was der Kader hergab. Geglückt sind beide Manöver aber kaum.

Werder blieb auch gegen Köln bis auf ein paar Minuten in der Schlussphase offensiv fast alles schuldig. So bleibt die Erkenntnis der Vorwochen: Nur „nicht verlieren“ genügt nicht. Werder muss Siege einfahren. Und das geht nur mit einer funktionierenden Offensive.

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