Thomas Schaaf im Mein-Werder-Interview

„Zunächst wurde ich beschnuppert“

Im Interview mit Mein Werder spricht Thomas Schaaf über seine Rückkehr zu Werder, seine Aufgabe als Mentor der Trainer im Nachwuchsbereich und eine mögliche Rückkehr auf die Trainerbank.
30.01.2019, 07:09
Lesedauer: 5 Min
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Von Christoph Sonnenberg
„Zunächst wurde ich beschnuppert“
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Herr Schaaf, knapp sieben Monate sind Sie als Technischer Direktor im Dienst. Wie fällt Ihr erstes Fazit aus?

Thomas Schaaf: Ein Fazit sollte man nie ziehen. (lacht) Ich arbeite, das erfordert meine volle Konzentration, weil es viel und intensiv ist. Es gibt keinen Punkt des Innehaltens.

Was genau sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Das geht von den Profis, einem Austausch mit Florian Kohfeldt, bis zum Nachwuchsleistungszentrum. Wie sieht es aus bei den Nachwuchsmannschaften, wie sieht es aus mit den Talenten, das ist das vorherrschende Interesse von Frank Baumann und Florian Kohfeldt. Ich achte darauf, wie die fußballerische Philosophie umgesetzt wird. Alles im Zusammenspiel mit den Trainern des Nachwuchsbereiches, die verantwortlich sind für die Umsetzung.

Die Position des Technischen Direktors gab es im Verein zuvor nicht. Müssen Sie sich noch zurechtfinden?

Das gehört dazu, es ist für alle Beteiligten ein Prozess. Im Vorfeld wurde ja die Frage gestellt, was dieser Job überhaupt soll und ob man ihn braucht. Ich denke, es macht Sinn darauf zu achten, ob das, was beispielsweise an Trainingsinhalten umgesetzt werden soll, auch umgesetzt wird. Und ob es notwenig ist, in bestimmten Bereichen intensiver zu arbeiten, nachzujustieren. Es gibt sehr viele Mannschaften, sehr viele Talente, es ist also ein nie endender Prozess. Da musste ich mich sicher erst mal orientieren.

Auch für Sie ist der Job als Technischer Direktor neu. Ist die Aufgabe so, wie Sie sie sich vorgestellt haben?

Vieles von dem, was ich mir vorgestellt habe, ist so eingetreten. Ein wichtiger Faktor ist die Zugänglichkeit, sowohl meinerseits als auch die der Trainer. Meine Arbeit soll ein Mehrwert sein, und keine Kontrolle ihrer Arbeit. Ich will ja nicht den Job der Trainer machen, ich will dafür sorgen, dass die Trainer ihren Job optimal machen. Trainiert wird überall, es kommt auf die Qualität an. Das funktioniert aus meiner Sicht sehr gut.

Thomas Schaaf ist eine Institution im Verein. Traut sich, um ein Beispiel zu nennen, der Trainer der U14, Ihnen zu widersprechen, wenn er eine andere Meinung hat?

Natürlich wurde ich zunächst beschnuppert von denen, die mich nicht kannten. Was ist das für ein Typ? Wie tickt der? Aber viele im Verein kenne ich ja schon sehr lange, und die wissen, wie ich funktioniere. Ein offener Austausch wird von mir konkret eingefordert. Ich will sehen, welche Vorstellung die Trainer von ihrer Arbeit haben und wie sie ihre Arbeit vertreten.

Gehört es auch zu Ihrer Aufgabe, auf lange Sicht einen Trainer für die Bundesliga auszubilden?

Trainer auszubilden ist sicher ein Ziel. Auf der einen Seite kümmern wir uns um die Spieler, die bestens ausgebildet werden sollen, um möglichst irgendwann im Weserstadion aufzulaufen. Für diese Ausbildung brauchen wir super Trainer. Wir müssen uns aber auch fragen, wie wir die Trainer am besten entwickeln. Über interne Fortbildungen, beispielsweise. Auch da geht es darum, die letzte Stufe zu erreichen, die Bundesliga. Das muss aber nicht zwingend bei Werder sein, das kann auch ein anderer Klub sein.

Scouten Sie Trainer?

Nicht direkt, das passiert aber nebenher ganz automatisch.

Sie sagen, der Austausch mit Florian Kohfeldt gehört auch zu Ihren Aufgaben. Worüber sprechen Sie miteinander?

Es ist ein Angebot an Florian, entsprechend definiert er, worüber wir sprechen. Da geht es um einen Gedankenaustausch, wie ich bestimmte Themen sehe oder welche Meinung ich dazu habe, wie meine Sichtweise ist. Florian erkundigt sich aber auch, wie wir bestimmte Aufgaben im Nachwuchsbereich umsetzen. Gerade hatten wir ein Meeting, in dem es darum ging, wie das erste Halbjahr in der U23 und U19 gelaufen ist. Wie die Spielidee umgesetzt wurde, welche Probleme es gibt. Das sind sehr gute Gespräche.

Es gibt aktuell viele junge Spieler, die zum Profikader gehören. Im Trainingslager in Südafrika waren sogar zwei der U19 dabei. Ist das ein Trend, der beibehalten werden soll, oder Zufall, weil es starke Jahrgänge gibt?

Zum einen sind wir als Verein nicht so finanzstark, permanent Spieler für viel Geld zu kaufen. Zum anderen haben wir die Überzeugung, dass es ein sinnvoller Weg ist, Spieler selbst auszubilden und zu entwickeln. Das ist die beste Variante, weil diese Spieler mit unserer Philosophie aufwachsen und sie entsprechend kennen, sie in Stadt und Verein verankert sind. Trotzdem muss man mitunter andere Qualität kaufen, oder einen erfahrenen Spieler. Deshalb wird es immer auch Transfers geben. Und dann muss man schauen, in welcher Phase sich eine Mannschaft gerade befindet.

Was meinen Sie damit?

Ist eine Mannschaft auf vielen Positionen qualitativ sehr gut besetzt, mit Spielern im richtigen Alter, ist es für junge Spieler schwer. Da fällt mir die Diskussion um Max Kruse ein. Als er 2007 zu den Profis kam, hatten wir eine extrem starke und hochwertige Mannschaft. Da war es schwer für ihn, seinen Platz zu finden. Simon Rolfes ist ein ähnliches Beispiel. Er wurde später Nationalspieler. Zu unserer Zeit hatte er als 18-Jähriger Micoud, Ernst, Baumann, Lisztes als Konkurrenten, um nur einige zu nennen.

Das Konzept, eigene Spieler für die Bundesliga zu entwickeln, klingt toll und sympathisch, ist aber nicht so einfach umzusetzen?

Es hängt von vielen Faktoren ab. Da spielt auch die Position eine Rolle, die ein Spieler spielt, sie muss gefragt sein. Man muss auch zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle stehen. Ohne Talent und Wille geht es nicht, aber Glück gehört auch dazu. Wir wollen in erster Linie für uns ausbilden, vielleicht geht der Weg eines Spielers aber auch irgendwo anders hin. Es ist ja auch möglich, dass dieser Weg irgendwann wieder zurück führt zu Werder.

Sie haben vor rund 45 Jahren in der Jugend Werder Bremens gespielt. Sahen die Kabinen auf Platz 11 zu Ihrer Zeit so aus wie heute?

Ja. Deshalb gibt es ja die Diskussion über ein neues Leistungszentrum. Etwas neues zu bauen ist mehr als notwendig. Da geht es nicht darum, einen Luxustempel hinzustellen, der völlig überdimensioniert ist. Es ist schlicht die Notwendigkeit, wenn wir dafür sorgen wollen, Spieler vernünftig auszubilden. Und davon lebt Werder, Spieler auszubilden. Im Moment sind die Voraussetzungen dafür nicht mehr ausreichend, nicht mehr zeitgemäß.

Was hängt davon ab, dass Werder ein modernes Leistungszentrum bekommt?

Es geht um vernünftige Bedingungen, nicht mehr. Viele Spieler kommen von außerhalb, sie müssen vernünftig versorgt werden. Da geht es um Mittagessen, Unterrichtshilfe für die Schule, aber auch um Fitnessbereiche, Therapiebereiche. Aktuell sind die Räume zu klein und überaltert. Die Lagerräume für Trainingsmaterialien reichen nicht mehr und Besprechungen machen wir in Kabinen, die so klein sind, dass einige stehen müssen.

Vergangenen Sommer sind Sie nach fünf Jahren zu Werder zurückgekehrt. Wie fühlt es sich an, wieder da zu sein?

Ich musste mich nicht zurechtfinden und schauen, wo dieses oder jenes ist. Ich wusste, wo die Plätze sind und wo ich hin muss. Einige Personen musste ich neu kennenlernen, die waren zuvor nicht da. Aber viele kenne ich schon lange. Und zu Thomas Wolter, Björn Schierenbeck oder Thorsten Bolder habe ich immer Kontakt gehabt. Die Reaktionen bei meiner Rückkehr waren alle positiv, allen waren offen. Mir gefällt es gut, jetzt auf einer anderen Stufe zu arbeiten.

Sie waren Jugendspieler, Profi, Jugendtrainer, Profitrainer bei Werder, jetzt sind Sie Technischer Direktor. Wird es noch eine andere Position geben, in man Sie im Verein erlebt?

Ich bin kein Typ, der solche Pläne hat oder verfolgt, ich habe das Hier und Jetzt im Blick. Mir macht der Job sehr viel Spaß.

Ist eine Rückkehr auf den Trainerposten denkbar?

Mit Blick auf Jupp Heynckes ist es schwer zu sagen, dass das niemals denkbar ist. (lacht) Aber so lange ich den Posten des Technischen Direktors bei Werder innehabe, ist das für mich kein Thema.

Fehlt Ihnen die Arbeit als Trainer hin und wieder?

Wenn ich ein Spiel sehe, merke ich, dass ich es noch immer aus dem Blickwinkel eines Trainers sehe. Fußball zu sehen und es einfach zu genießen, schaffe ich nicht. Ich denke, das bekomme ich auch nicht mehr hin.

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