Ex-Bremer Borel hinterfragt Torwartausbildung

Zwei starke Torhüter und ein Problem

Werder gegen Leipzig ist auch das Duell der Top-Torhüter Jiri Pavlenka und Peter Gulacsi. Vor dem Aufeinandertreffen der beiden hinterfragt der Ex-Bremer Pascal Borel die deutsche Torwartausbildung.
11.04.2018, 20:11
Lesedauer: 4 Min
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Zwei starke Torhüter und ein Problem
Von Marc Hagedorn
Zwei starke Torhüter und ein Problem
Imago / Nordphoto

Pascal Borel erinnert sich noch gut an das Gespräch. „Sehr sauber, sehr offen, sehr ehrlich“ sei der Austausch mit Ralf Rangnick gewesen. Borel, damals 33 Jahre alt, hatte gerade seine erste Saison bei RB Leipzig hinter sich gebracht. Als klare Nummer eins. In 33 von 34 Spielen hatte er im RB-Tor gestanden. Regionalliga Nord/Nordost. Tabellendritter war RB am Ende geworden. Für einen Klub, der gerade erst seine zweite Saison auf diesem Niveau, vierte Liga, gespielt hatte, eigentlich nicht schlecht. Aber in diesem besonderen Fall nicht gut genug. Denn RB Leipzig, so ging der Plan, sollte schnellstmöglich in der Bundesliga spielen.

Also machte RB Leipzig im Sommer 2012 den großen Schnitt. Trainer weg, Sportdirektor weg und die halbe Mannschaft auch. Auftritt Ralf Rangnick, Auftritt Alexander Zorniger, Abgang Pascal Borel. Auch der Ex-Werderaner Pekka Lagerblom, der ehemalige Bundesliga-Spieler Timo Rost (VfB Stuttgart, Energie Cottbus) und der österreichische Nationalspieler Roman Wallner mussten gehen, „vor allem uns Ältere hat es erwischt“, sagt Borel. Rangnick als Sportdirektor und Zorniger als sein verlängerter Arm als Trainer brauchten nicht lange, um die Dinge nach ihren Vorstellungen neu zu regeln.

Pascal Borel denkt heute ohne Bitterkeit an sein Ende in Leipzig zurück. „Ganz ehrlich“, sagt er, „sie haben fast alles richtig gemacht seitdem. Ja, RB gibt verdammt viel Geld aus, aber es wird von Profis ausgegeben.“ Weil Geld also nicht das Problem war und weil sein Vertrag noch ein Jahr lief, ließ der Klub ihm damals die Wahl: Vertrag auflösen? Bei RB bleiben und mit der zweiten Mannschaft trainieren? Oder das Ende des letzten Vertragsjahres abwarten? Borel entschied sich für Variante drei und baute sich in dieser Zeit eine Zukunft auf, machte Trainerscheine und Fortbildungen, hospitierte. Heute ist er im vierten Jahr Chef der Torwartausbildung im Nachwuchsleistungszentrum von Hannover 96, vier Torwarttrainer sind ihm unterstellt.

Borel fürchtet um Einsatzchancen für Talente

Pascal Borel wirkt im Gespräch mit MEIN WERDER wie ein Mensch, der mit sich im Reinen ist. Er hat viel erlebt als Profi. Hier bei Werder sollte er Nachfolger von Frank Rost werden, 24 war er da, und tatsächlich eine Saison lang Stammtorwart, aber in der ganzen Zeit auch umstritten. Das Double 2004 erlebte er als Ersatztorwart, blieb auch in der folgenden Champions-League-Saison noch Bremer, ehe er über die zweite Liga (LR Ahlen) nach Ungarn (Honved Budapest) und Bulgarien (Tschernomorez Burgas) weiterzog. Seit ein paar Jahren lebt er wieder in Bremen, die sieben Jahre als Profi haben ihn hier heimisch werden lassen.

Als Pascal Borel seinen Stammplatz bei RB Leipzig verlor, wurde der Schweizer Fabio Coltorti sein Nachfolger; ein guter Mann, Nationaltorwart. Coltorti hatte zuvor bei den Grasshoppers Zürich, Racing Santander in Spanien und bei Lausanne Sports erstklassig und international gespielt. Coltorti, 37 inzwischen, steht heute noch im RB-Kader, aber die Nummer eins ist längst ein anderer: Peter ­Gu­lacsi. Pascal Borel hält ihn für den besten Torwart der Liga. „Werder gegen RB Leipzig am Wochenende, das ist das Duell des besten Torwarts gegen den Torwart mit der besten Entwicklung“, sagt Borel. Er ist sehr angetan von Werders Jiri Pavlenka.

Coltorti, ein Schweizer. Gulacsi, ein Ungar. Jiri Pavlenka, ein Tscheche. Borel sieht das mit gemischten Gefühlen. „Acht von 18 Stammtorhütern der Bundesliga sind Ausländer“, sagt Borel. „Ich bin gespannt, wie viele deutsche Torhüter in fünf oder zehn Jahren noch in der Bundesliga sind.“ Jetzt spielen Casteels in Wolfsburg, Sommer in Mönchengladbach, Jarstein bei Hertha, Hradecky in Frankfurt, Hitz in Augsburg und Bürki bei Dortmund. Allesamt Topleute, auch für Borel keine Frage. Aber da er sich um die Ausbildung kümmert, trifft es den Kern seiner Arbeit, wenn die Klubs vermehrt fertige Torhüter aus dem Ausland holen anstatt auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Dabei gilt Deutschland als Torwart-Land, hier haben Sepp Maier, Toni Schumacher, Olli Kahn und Jens Lehmann das Torwartspiel definiert.

Aktuell muss man sich um den Torwart-Standort noch keine allzu großen Sorgen machen. Manuel Neuer, Marc-Andre ter Stegen und Bernd Leno wären in jeder Liga der Welt und bei wahrscheinlich jedem Klub die Nummer eins, Loris Karius spielt beim FC Liverpool, Kevin Trapp hat einen Vertrag bei Paris St. Germain. Aber hinter ihnen? Bei der U 21-EM vor drei Jahren bildeten Leno, ter Stegen und der Kölner Timo Horn das deutsche Torwarttrio. Als die U 21 kürzlich in der EM-Qualifikation spielte, hießen die Torhüter im Kader Moritz Nicolas, Alexander Nübel und Markus Schubert. Ein Bundesligaspiel (Nübel für Schalke 04) und neun Zweitliga-Einsätze (Schubert für Dynamo Dresden) bringen sie zusammen, Nicolas spielt bei Mönchengladbach in der Regionalliga.

Pavlenka und Gulacsi, Torhüter nach Borels Geschmack

Borel mag noch keinen Notstand ausrufen, aber er wagt es, die Schwerpunktsetzung in der deutschen Torwartausbildung infrage zu stellen. Er sagt: „Mein Eindruck ist, dass heute bei einem Torwart das erste Kriterium ist: Kann er Fußball spielen? Für mich ist das erste Kriterium aber: Kann er Bälle halten?“ Bei Hannover 96 haben Borel und sein Team es geschafft, den 19-jährigen Marlon Sündermann zu den Profis hochzuführen. Bei Werder ist Luca Plogmann, 18 Jahre, für die nächste Saison als neue Nummer drei bei den Profis vorgesehen. Ein Anfang.

Die Gegenwart prägen aber die Pavlenkas, Gulacsis und Hradeckys. Werders Torwart Pavlenka werden Schwächen im Fußballspiel nachgesagt. Tatsächlich hat sich der Tscheche seit Saisonbeginn auf diesem Gebiet gesteigert. Allerdings hat die Qualität seiner Pässe, die er mit dem Fuß spielt, immer noch eine gewisse Streuung. „Aber ganz ehrlich“, sagt Borel, „worauf kommt es denn an? Doch darauf, dass dein Torwart in der 90. Minute den Ball aus der Ecke fischt, damit du 1:0 gewinnst. Und Pavlenka hat noch kein Gegentor mit seinem Fuß verschuldet.“ Dafür hat er Bälle gefischt und Punkte gerettet. Der „Kicker“ führt ihn in seiner Noten-Rangliste ligaweit als Nummer drei, hinter Casteels und Gulacsi. „Ich bevorzuge Typen wie Pavlenka und Gulacsi, sie machen wenig Show, haben aber viel Qualität und große Konstanz“, sagt Borel.

Von einem 0:0 geht er am Sonntag trotzdem nicht aus. „Mein Tipp?“, sagt er, „mal sehen: Ich war sieben Jahre in Bremen und eine Saison in Leipzig.“ Also 7:1? „Nein, das müssen wir kürzen, also 6:0, aber das ist übertrieben bei dem Torwart. Also, ganz klar und unterm Strich: 3:0 für Werder.“

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