Besondere Mannschaftssitzung bei Werder

Zwei Szenarien für den Abstiegskampf

Florian Kohfeldt bereitet seine Spieler gerade auf alle Eventualitäten in der Rückrunde vor. Dabei ging es auch um zwei Szenarien, die zum Auftakt passieren könnten. Und um ein Umdenken im Kopf.
14.01.2020, 15:09
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer und Christoph Bähr
Zwei Szenarien für den Abstiegskampf

Umdenken im Kopf: Florian Kohfeldt will, dass seine Spieler den Klassenerhalt als positives Ziel annehmen.

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Im Gegensatz zu seinen Spielern macht Florian Kohfeldt kein Geheimnis daraus, dass er auch in schwierigen Phasen Zeitungen liest. Auch den WESER-KURIER. Eine kritische Begleitung durch unabhängige Medien kann ja nur hilfreich sein, wenn die vereinseigenen Kanäle auch nach dem Absturz auf Platz 17 die Dinge vor allem lustig und locker transportieren. In guten Zeiten ist das ihr logischer Auftrag – in schwierigen Phasen kann dadurch aber auch für die Spieler schnell eine Scheinwelt entstehen, die mit dem Ernst der Lage nicht mehr viel zu tun hat. Kohfeldt hingegen wusste nach der Zeitungs- und Internet-Lektüre am Ende des Trainingslagers: „Wenn ich die Berichterstattung der letzten Tage lese, dann ist es ja so, dass jetzt erst einmal alles negativ ist. Und das völlig zurecht.“

Mit der Verpflichtung des robusten und defensivstarken Kevin Vogt keimt nun natürlich Hoffnung auf Besserung am Osterdeich. Der frühere Kapitän der TSG Hoffenheim, bis Sommer für das "Projekt Klassenerhalt“ nach Bremen ausgeliehen, verpasste jedoch das Trainingslager auf Mallorca, um sich mit den neuen Kollegen einzuspielen. Und er verpasste auch eine Mannschaftssitzung der besonderen Art: Denn Kohfeldt schwor seine Spieler auf die kommenden Wochen und Monate ein.

Klassenerhalt ein positives Ziel

Dabei ging es um zwei mögliche Szenarien – und um ein Umdenken im Kopf. „Wir müssen uns klar machen, dass wir jetzt wieder etwas erreichen können“, sagte Werders Trainer seinen Spielern. Nämlich den Klassenerhalt. Bei aller Enttäuschung über die bisherige Saison sei das „trotzdem ein Stück weit ein positives Ziel ist. Denn es geht dir natürlich auch heftig auf den Sack und zieht dich ständig runter, wenn du immer und immer wieder auch für dich selber merkst: Es bricht weg, es bricht weg, es bricht weg! Aus dieser Spirale müssen wir raus.“

Mit einer Aufbruchstimmung habe das aber nichts zu tun. Aus Kohfeldts Sicht wäre das „jetzt auch unangemessen“. Bei Werder gehe es schon seit Wochen und auch in diesen Tagen eher „um ein ständiges Umgehen mit Frustrationserlebnissen“. Und das, so prophezeit es der Trainer, „das wird auch weiter auf uns zukommen“. Denn: Kein Abstiegskampf ohne Rückschläge, das lehrt die lange Historie der Bundesliga.

Im Fall der Fälle vorbereitet

Auch deshalb versammelte Kohfeldt seine Spieler zu dieser intensiven Sitzung. Anders als sonst ging es nicht darum, warum man seinen Gegenspieler im Strafraum besser decken sollte, und auch nicht um Laufwege im Angriff. Es ging um die Köpfe der Profis, um ihre Gedanken. Der Trainer schilderte seinen aufmerksamen Zuhörern zwei Szenarien, die schon ab dem kommenden Wochenende auf sie zukommen könnten. „Das erste Szenario ist: Wir starten gut in die Rückrunde, gewinnen ein, zwei Spiele und man hat das Gefühl, es kommt was ins Laufen.“ Und genau dann, so warnte Kohfeldt seine Spieler, „dann ist es das Wichtigste, dass alle hier, aber auch wirklich alle wissen: Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.“ Die Mannschaft dürfe in diesem Fall „nicht wieder“ in das Gefühl „einer scheinbaren Sicherheit“ verfallen, forderte der Chefcoach. „Auf den ersten Blick“ sei dieses erste Szenario das angenehmere.

Das zweite geht anders. „Wir verlieren in Düsseldorf. Das kann passieren, das ist nicht aus der Welt“, erklärte Kohfeldt den Profis, „und dann ist es wichtig, dass trotzdem keiner hier Panik bekommt. Dass wir trotzdem an den Weg glauben. Dass wir weiter machen und auch mit einem solchen Rückschlag umgehen können.“ Es sei „sehr wichtig“, sagte Kohfeldt, „dass wir uns diese beiden Szenarien vorher verdeutlichen“. Damit man im Fall der Fälle schon eine Idee hat, wie man damit umgehen soll.

„Bisher haben wir nur verloren“

In den internen Gesprächen zu Beginn des Jahres 2020 war es zudem ein zentrales Thema, den Begriff „Abstiegskampf“ nicht nur zu benutzen, sondern ihn auch zu verinnerlichen und anzunehmen. In seiner ganzen Komplexität. In der Hinrunde hatten fast alle bei Werder das Wort noch derart gemieden wie die Abwehr das Verteidigen. Aber damit ist nun offenbar Schluss. „Ich glaube, dass es in der Tat jetzt bei jedem angekommen ist“, meinte Kohfeldt jedenfalls nach der Sitzung, „das war ebenfalls sehr wichtig. In jedem Kopf, nicht nur bei den Spielern, sondern auch im Staff drum herum ist nun angekommen, dass es nur um den Klassenerhalt geht – und um nichts anderes.“

Ein neues Denken sei wichtig für die Herausforderungen der kommenden Wochen und Monate, die über Werders kurz- und mittelfristige Existenz entscheiden - und über die Zukunft vieler Spieler. Für dieses neue Denken musste man sich als Team auch einen besonderen Umstand vor Augen führen, betonte der Trainer: „Bis hierhin haben wir doch nur verloren. Wir haben Spiele verloren, wir haben Spieler verloren, und wir haben letztendlich auch ein Stück weit unsere Perspektive im Laufe der Hinrunde verloren. Und jetzt ging es darum, zu realisieren, wo wir sind. Das haben wir getan.“ Mit einer solchen Situation müsse man anders umgehen, als wenn man um Platz sechs spiele.

Im Erfolgsfall bedeute das natürlich nicht, „dass es eine gute Saison war“, betont Kohfeldt, um nicht missverstanden zu werden. Doch Werder geht personell ausgedünnt und fußballerisch entkernt von Platz 17 in das schwere Rückrundenrennen - mit einem heiklen Start beim Tabellen-Nachbarn in Düsseldorf, der seit Saisonbeginn nur am Klassenerhalt arbeitet und der sich in diesem Winter ebenfalls noch einmal personell verstärkt hat. Kohfeldt erinnert an die Mannschaftssitzung und an die zwei Szenarien: „Wir haben uns auf beides vorbereitet. Ich würde nach zwei Spielen aber deutlich lieber den Zeigefinger heben und sagen: Es ist noch nichts geschafft!“ Das wäre Szenario eins.

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