Wann spielt Werder wieder Werder-Fußball?

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die Ergebnisse passen, der Fußball noch nicht: Werder ist ein Stück vom eigenen Anspruch entfernt. Florian Kohfeldt hält trotzdem an seiner Zielsetzung fest - auch wenn die Vorzeichen nicht die besten sind.
12.10.2020, 15:24
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Rommel
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Leonardo Bittencourt bejubelt seinen Treffer gegen Arminia Bielefeld, der Werder einen 1:0-Sieg und einen gelungenen Saisonstart mit sechs Punkten aus drei Partien bescherte.

dpa

Im Sommer stand Werder-Trainer Florian Kohfeldt vor einer grundlegenden Frage: Wie löst man das Henne-Ei-Problem? Das eine sind positive Ergebnisse, die eine verunsicherte Mannschaft dringend braucht. Das andere ist eine Spielweise, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, ebendiese Ergebnisse zu erzielen. Im Grunde gilt im Fußball, was in allen anderen Lebensbereichen auch gilt: Das eine ist ohne das andere kaum möglich. Und umgekehrt. Als Kohfeldt die Profimannschaft vor knapp drei Jahren in einer sehr prekären Lage übernahm, entschied er sich dafür, erst ein auf spielerische Inhalte gestütztes Fundament zu bauen, das die erforderlichen Resultate früher oder später fast schon garantierte. Der Plan ging auf und Werder besaß neben einer ausreichenden Menge an Punkten plötzlich auch wieder so etwas wie eine fußballerische Identität.

Irgendwann in den vergangenen Wochen haben sich Kohfeldt und sein Trainerteam beim notwendigen Neuaufbau nach dem Beinahe-Crash der Vorsaison dafür entschieden, die Sache dieses Mal anders anzugehen. Zunächst müssen die Altlasten aus den Köpfen der Spieler verschwinden und das funktioniert nun mal am besten durch positive Erlebnisse. Deshalb waren die vorwiegend unterklassigen Testspielgegner kaum zufällig gewählt, die Spielplaner der Deutschen Fußball Liga (DFL) kamen Werder zudem mit einem durchaus machbaren Auftaktprogramm entgegen. Kurzum: Die Chance auf Siege in den ersten, sehr bedeutsamen Spielen der neuen Saison war hoch – und deshalb blieb keine Zeit für Experimente.

Simple Offensivgedanken

Werder hat alle Testspiele gewonnen, das Pokalspiel gegen Jena ebenfalls und zwei von drei Bundesligaspielen. Die Ergebnisse stimmen also. Die Entwicklung der Mannschaft, die gewünschte Rückkehr zu dem, was mal als Kohfeldt-Werder-Fußball bezeichnet wurde, kann damit aber noch lange nicht Schritt halten. Werder spielt bisher, freundlich formuliert, eher zweckgebundenen Fußball mit einem vergleichsweise starken Fokus auf das Spiel gegen den Ball. Die beiden Siege in der Liga gegen Schalke und Bielefeld entsprangen einer guten defensiven Anpassung an den jeweiligen Gegner und eher simplen Offensivgedanken.

Werder kontrollierte den Gegner nicht bei eigenem Ballbesitz, sondern nur, wenn der Gegner den Ball hatte. Das ist ein enormer Unterschied zu dem, was die Mannschaft einmal ausgezeichnet hat. „Es ist eine gute Frage, ob wir die sechs Punkte haben, obwohl wir noch keinen Werder-Fußball spielen oder weil wir sehr zweckmäßig spielen“, sagte Sportchef Frank Baumann nach dem 1:0-Erfolg gegen Bielefeld. In der Partie wurde die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders sichtbar. In der aus Bremer Sicht besseren ersten Hälfte schickte Werder 24 lange Bälle oder Diagonalbälle durch Torhüter Jiri Pavlenka oder die drei Innenverteidiger nach vorne und damit einfach über das gegnerische Pressing hinweg. Maximilian Eggestein als Scharnier zwischen Defensive und Offensive auf der Sechser-Position wurde lediglich sechs Mal kurz angespielt. In den Hochzeiten des Kohfeldt-Fußballs waren die Zahlen ähnlich – nur eben genau andersherum verteilt. Die Halbräume haben als erste Anlaufstellen vorerst ausgedient, dafür treten hochstehende Außenverteidiger oder gleich Mittelstürmer Niclas Füllkrug als Empfänger von langen Pässen auf den Plan.

Eine Kampfmannschaft

Die Mannschaft folgt damit dem Diktat der Risikominimierung, weshalb sich das Offensivspiel derzeit eindampft auf lange Bälle, Umschaltaktionen und Standards. In Österreich gibt es den schönen Begriff der Kampfmannschaft für die Lizenzspielerabteilung. Und genau das ist Werder in diesen Wochen, im übertragenen Sinn. Diese Art des Fußballs ist natürlich nicht verboten, aber sie passt nicht zu dem, was Werder sein will und was der Trainer noch Anfang August proklamiert hatte. „Es wird für die neue Saison ein Grundziel sein, dass der Fußball, für den wir fast zwei Jahre standen, wieder dauerhaft erkennbar ist. Das ist ein mutiger, ein offensiver Fußball, der, egal gegen welchen Gegner, aktiv sein möchte“, sagte Kohfeldt damals.

An dieser Zielsetzung hat sich nichts verändert. Das stellte der Werder-Coach erst kürzlich noch einmal klar, als er betonte: „Wir müssen Pressing spielen, Energie auf den Platz bringen und in jedem Moment den Fokus haben, gegen den Ball zu arbeiten. Das Ziel bleibt dominanter Ballbesitzfußball, nur der Weg dahin ist anders als in den vergangenen Jahren." Früher habe Werder diesen Weg über das Spielerische gefunden, aktuell gehe das nur über Kampf, Leidenschaft und Pressing, sagte Kohfeldt. Es wird also ein langwieriger und beschwerlicher Weg.

Der Abgang von Davy Klaassen und die dadurch erforderliche Neuausrichtung der Problemzone Mittelfeld ist eine Mammutaufgabe. Womöglich wird sich am bisherigen Werder-Fußball in den kommenden Wochen wenig ändern. Der Weg zurück zur Leichtigkeit und zum dominanten Fußball wird alles andere als einfach, das konnte man in dieser Saison schon deutlich erkennen. Vielleicht endet er sogar in einer Sackgasse. Florian Kohfeldt will diesen Weg zusammen mit seiner Mannschaft aber trotzdem beschreiten. Und das ist in diesen eher düsteren Zeiten zumindest eine gute Nachricht.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+