Werder-Aufsichtsratsboss Bode im Interview

"Zwischen Platz vier und 18 ist alles möglich"

Der Verkauf von Selke, Kosten für Polizei-Einsätze, die Verteilung der TV-Gelder – für Andreas Lesch und Marc Hagedorn gab es reichlich Themen für das Interview mit Werders Aufsichtsratsboss Marco Bode.
12.04.2015, 00:00
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"Zwischen Platz vier und 18 ist alles möglich"

Werders Aufsichtsratsboss Marco Bode stand dem WESER-KURIER Rede und Antwort.

nordphoto

Der Verkauf von Davie Selke, Kosten für Polizei-Einsätze, die Verteilung der TV-Gelder und mögliche Millionen für einen Verkauf von Top-Torjäger Franco Di Santo – für Andreas Lesch und Marc Hagedorn gab es reichlich Themen, über die sie mit Werders Aufsichtsratsboss Marco Bode sprechen konnten.

Die Bundesliga verändert sich rasant. Wie kann Werder da mithalten?

Marco Bode: Wir müssen einfach sehr viele gute Entscheidungen treffen. Und wir müssen uns treu bleiben. Wir müssen die alten Werder-Werte erhalten, die uns immer stark gemacht haben: ein besonderer Klub zu sein, menschlich zu sein und eine Atmosphäre für die Spieler zu schaffen, in der sie sich wohl fühlen: die Profis, aber auch schon die Talente im Leistungszentrum.

Die sind Ihnen wichtig, oder?

Ja. Ich wünsche mir, dass die Leute sagen: Werder ist ein Klub, der besonders gut darin ist, Talente auszubilden. Wir haben das Ziel, dass Werder in der Nachwuchsarbeit dauerhaft zu den zwei, drei besten Klubs in Deutschland gehört.

Wie weit sind Sie da schon?

Wir haben bei der Zertifizierung vom Deutschen Fußball-Bund und der Deutschen Fußball-Liga, seit es sie gibt, immer drei Sterne erreicht. Also: Wir gehören da objektiv zu den Besten in der Liga. Aber wir können uns noch verbessern. Im letzten halben Jahr sind viele unserer Talente im Profiteam angekommen.

Das spart Geld und ist hilfreich, denn in den vergangenen drei Geschäftsjahren hat Werder insgesamt mehr als 31 Millionen Euro Minus gemacht. Wann werden die Rücklagen des Klubs aufgebraucht sein?

Da will ich keine Prognosen abgeben. Als unsere Champions-League-Einnahmen weggebrochen sind, sind dramatische Probleme entstanden. Wir sind immer noch im Prozess der Konsolidierung, aber ich bin jetzt etwas optimistischer, dass wir bald die Kurve kriegen. Nur müssen wir das vorsichtig tun. Wir können nicht sagen: Ach, wir gehen mal in die Zweite Liga und schrumpfen uns gesund. Aber wir können auch nicht immer weiter investieren und die wirtschaftlichen Probleme außer Acht lassen.

Wohin führt dieser Kurs?

Wir werden in den nächsten Jahren immer sagen müssen: Zwischen Platz vier und Platz 18 ist alles möglich für Werder. Das ist die Wahrheit. Alles andere wären leere Versprechungen. In dieser Liga kannst du nicht sagen, wenn wir gut arbeiten, dann klettern wir stetig in der Tabelle. Du bist immer auch davon abhängig, wie viel die Wettbewerber richtig oder falsch machen.

Das macht die Planungssicherheit nicht gerade größer.

Das stimmt leider.

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Ein Grund für Werders Geldknappheit ist auch das Weserstadion.

Das Weserstadion wird uns noch für lange Zeit finanziell belasten. Wir sind Miteigentümer und einziger Nutzer des Stadions, damit auch einziger Einnahmenbringer. Der Umbau ist damals begonnen worden zu einem Zeitpunkt, als Werder in der Champions League gespielt hat, also mehr Heimspiele hatte und dadurch höhere Einnahmen. Das führt dazu, dass wir Jahr für Jahr gewisse Abgaben für das Stadion haben. Dazu kommen die Themen Verkehrskonzept, Sicherheit, Hochwasserschutz, die uns eine Menge Geld kosten.

Das klingt nach Klotz am Bein.

Ich will das Weserstadion nicht schlecht reden. Es ist ein grandioser Platz für Werder, der einzigartig ist in der Bundesliga. Ich liebe das Weserstadion da, wo es steht. Ich will kein Stadion am Bremer Kreuz. Aber natürlich merken wir, dass wir damit andere Probleme haben als die Vereine, die ein komplett neues, modernes Stadion irgendwo an der Autobahn gebaut haben – für weniger Geld, als unsere Renovierung gekostet hat.

Zahlreiche Polizeibeamte – wie hier beim Nordderby Werder gegen HSV im Vorjahr – versuchen, die Fans beim Weserstadion zu trennen.

Zahlreiche Polizeibeamte – wie hier beim Nordderby Werder gegen HSV im Vorjahr – versuchen, die Fans beim Weserstadion zu trennen.

Foto: CARMEN JASPERSEN, dpa

Und jetzt will die Stadt Bremen der Deutschen Fußball-Liga – und damit am Ende Werder – auch noch eine Rechnung schicken für die Polizeikosten beim Nordderby gegen den HSV.

Wir halten diese Entscheidung für falsch. Vor allem deshalb, weil es hier um Sicherheit außerhalb des Stadions geht, im öffentlichen Raum. Das ist für mich eine hoheitliche Aufgabe. Ich finde es schon ärgerlich, dass Bremen jetzt diesen Weg geht. Das trifft uns hart. Aber das ist eine politisch legitimierte Entscheidung, und die müssen wir erst mal hinnehmen.

Ist bei all den Kosten, die Werder hat, im laufenden Geschäftsjahr eine schwarze Null schon realistisch?

Nein, in diesem Jahr sicher nicht. Aber wir wollen das so schnell wie möglich schaffen. Wichtiger als diese Zahl ist jedoch die Frage: Können wir unsere strukturellen Probleme in den Griff kriegen? Wenn wir das schaffen wollen, gehört dazu zurzeit eben leider auch, dass wir hier und da einen Spieler verlieren wie Davie Selke. Wobei ich dazu sagen muss, dass es nicht unsere Philosophie ist, ständig Spieler auszubilden und sofort wieder zu verkaufen. Sondern wir wollen kontinuierlich unseren Kader entwickeln.

Thomas Eichin und Rouven Schröder haben bei Werder den Begriff Mehrwertspieler geprägt. Der klingt aber schon, als sei das oberste Ziel, Spieler günstig zu kaufen und möglichst schnell mit Gewinn wieder abzugeben.

Die beiden und ich denken das Gleiche, wir benutzen nur unterschiedliche Worte. Ich benutze den Begriff Mehrwertspieler ungern. Ich hätte mich gefreut, wenn Davie noch lange bei uns gespielt hätte. Aber es gab ein gutes Angebot, Davie wollte diesen Weg gehen – und in dieser Kombination war’s eine vernünftige Entscheidung. So einfach ist es dann.

Werders Stürmer-Nachwuchs Davie Selke.

Werders Stürmer-Nachwuchs Davie Selke.

Foto: afp

Den Begriff Mehrwertspieler, den Sie nicht so gerne mögen, erfüllt Selke perfekt, oder?

Ja. Der Begriff, den ich nicht verwende, der passt auf ihn: 50000 Euro haben wir für ihn investiert ...

... acht Millionen Euro bekommen sie nun wieder.

Ich will die Zahl nicht bestätigen, aber es ist schon ein gutes Paket.

Wie viele dieser Transfers kann Werder sich noch erlauben? Was ist, wenn im Sommer ein Klub zehn Millionen Euro für Franco Di Santo bietet?

Wir wollen Franco Di Santo gerne behalten. Aber wir können nicht jeden Preis mitgehen. Wir müssen Schmerzgrenzen definieren, wir müssen das Gehaltsgefüge im Kader einigermaßen in Ordnung halten.

Wo liegt bei Di Santo Ihre Schmerzgrenze?

Das entscheidet die Geschäftsführung. Wir als Aufsichtsrat achten nur darauf, dass die Balance gewahrt bleibt. Es entsteht ja immer mal wieder der Eindruck, der Aufsichtsrat trete auf die Bremse und es gehe ihm nur ums Geld. Das ist Blödsinn! Wir wollen alle bei Werder den sportlichen Erfolg und wir wollen dabei alle wirtschaftlich vernünftig bleiben.

Sie haben zum Thema Mehrwertspieler gesagt, Thomas Eichin und Sie benutzten verschiedene Worte und meinten das Gleiche. Ist das wirklich so?

In der Frage, was wir machen müssen, um sportlich erfolgreich zu sein, wollen wir das Gleiche. Dass es in Nuancen unterschiedliche Auffassungen gibt und im Detail auch mal Streit, ist gewollt und wichtig.

Haben Sie eine gute Streitkultur?

Wenn wir mal nur das letzte halbe Jahr nehmen, dann würde ich das bejahen. Natürlich wird sich da immer wieder mal was entzünden. Das Wichtigste ist, dass zwischen allen Beteiligten ein Grundvertrauen da ist. Dass wir streiten können, ohne dass sich jemand persönlich angegriffen fühlt.

Thomas Eichin

Thomas Eichin

Foto: nph / Frisch, nordphoto

Welche Rolle spielt es dabei, dass Thomas Eichin und Rouven Schröder keine langjährigen Mitglieder der Werder-Familie sind? Eichin kokettiert ja ganz gern damit, dass er als Mann von außen die unbequemen Entscheidungen trifft.

Ich verstehe die Werder-Familie nicht als etwas Ausgrenzendes, wo nur Leute reingehören, die hier 20 Jahre gespielt haben. Als Otto Rehhagel damals Trainer war, da war Werder vielleicht noch eine sehr autoritäre Familie. Da war er der Chef an der Spitze und hat den Kindern gesagt, wo’s langgeht. Jetzt leben wir in einer anderen Zeit. Jetzt ist Werder eher eine Patchwork-Familie. Es ist nicht mehr so, dass einer sagt, wo’s langgeht, sondern es ist Teamwork gefragt und Kooperation.

Wenn Sie zu Thomas Eichin ein Grundvertrauen haben, können Sie seinen Vertrag bald verlängern, oder?

Absolut. Das könnte ich tun.

Es ist also nur noch Formsache?

Nein. Aber wir sind beide relativ entspannt. Wir haben gemeinsam den weiteren Fahrplan besprochen. Aber er hat auch noch einen Vertrag für die nächste Saison. Und es steht nirgendwo geschrieben, dass man einen Vertrag anderthalb Jahre vor Ablauf verlängern muss.

Thomas Eichin hat kürzlich gesagt, bis zum Sommer wolle er Klarheit haben.

Mir hat er das nicht gesagt. Vielleicht sagt er es mir im nächsten Gespräch.

Manager und Trainer hatten bei Werder oft eine besondere Verbindung: erst Willi Lemke und Otto Rehhagel, dann Klaus Allofs und Thomas Schaaf. Wie nehmen Sie das Duo Eichin/Skripnik wahr?

Man kann sagen, dass sich ihre Beziehung noch entwickelt. Auch zwischen Lemke und Rehhagel, zwischen Allofs und Schaaf war das nicht immer harmonisch. Ich verlange auch überhaupt nicht, dass die beiden jeden Abend miteinander essen gehen. Sie müssen im Sinne Werders professionell und am besten mit so viel Freundschaft wie möglich zusammenarbeiten. Das kann man nicht erzwingen. Aber das funktioniert schon ganz gut.

Sie haben nicht den Eindruck, dass das Verhältnis zwischen den beiden zu distanziert ist?

Nein, den Eindruck habe ich nicht. Sie schon?

Naja, es heißt, Skripnik sei nicht Eichins Wunschkandidat gewesen.

Diese Behauptung stimmt so nicht. Als die Geschäftsführung die Entscheidung getroffen hat, Robin Dutt zu entlassen, haben wir alle über verschiedene Möglichkeiten nachgedacht. Das Ergebnis war Viktor Skripnik. Aber das ist jetzt ein halbes Jahr her, das Kapitel kann man auch mal zuschlagen.

Thomas Eichin hat sich dafür stark gemacht, dass neue Kriterien für die Verteilung des Fernsehgeldes entwickelt werden. Wie groß schätzen Sie die Chancen ein, dass sein Vorstoß Erfolg hat?

Schwer zu sagen. Klar ist jedenfalls, dass es für die Bundesliga wichtig ist, einen möglichst gerechten, fairen Wettbewerb zu haben. In den letzten Jahren ist die Schere aber immer weiter auseinander gegangen.

Also muss man etwas ändern?

Ja. Natürlich ist die Bundesliga in Asien auch deshalb erfolgreich, weil Klubs wie Bayern München in der Champions League erfolgreich sind. Aber sie ist dort und hier in Deutschland selbst immer so erfolgreich gewesen, weil immer jeder jeden schlagen konnte. Das war immer eine Stärke der Bundesliga – im Gegensatz zu den Ligen in Spanien und England. Das ist wohl leider vorbei.

Das Fernsehen zahlt, die Liga liefert: Thomas Eichin vor einem Werder-Spiel im Gespräch mit Sky-Reporter Ulli Potofski.

Das Fernsehen zahlt, die Liga liefert: Thomas Eichin vor einem Werder-Spiel im Gespräch mit Sky-Reporter Ulli Potofski.

Foto: Imago

Ist die Zeit reif dafür, dass Traditionsklubs wie Werder, der Hamburger SV und Eintracht Frankfurt gemeinsam einen Antrag bei der nächsten Mitgliederversammlung der DFL einbringen, um eine Änderung beim Fernsehgeld herbeizuführen?

Ja, ich glaube, die Zeit ist reif dafür. Jetzt ist der Zeitpunkt, um zu sprechen. Denn der nächste Fernsehvertrag steht schon vor der Tür, und durch ihn werden dann erst mal wieder Fakten geschaffen. Es gibt aber auch schon Initiativen in diese Richtung.

Champions-League-Millionen wird Werder vorerst nicht kassieren. Aber ist Ihr Klub schon reif für die Europa League?

Wenn wir sie erreichen, dann werden wir auch damit klarkommen. Dann können sich unsere jungen Spieler auf dieser Ebene weiterentwickeln – und das finde ich großartig. Das letzte halbe Jahr hat doch gezeigt, dass wir viele Talente haben, die hungrig sind und drücken. Man muss bei den Talenten mal die Fantasie haben, dass sie an ihren Aufgaben wachsen.

So sehr, dass sie international mithalten?

Die Bundesliga ist im internationalen Vergleich sehr stark. Für einen Bundesligisten sind die Mannschaften, die in der Gruppenphase der Europa League warten, nicht unbezwingbar.

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