Werders Erfahrungen mit Kurz-Trainingslagern

Zwischen Teambuilding und Lagerkoller

Werder setzte in der Krise schon häufiger auf ein Kurz-Trainingslager vor einem Spiel – mal mit Erfolg, mal ohne Wirkung. Auch Dieter Eilts weiß zu berichten, dass in einem Krisen-Camp Gefahren drohen.
14.02.2020, 13:09
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Zwischen Teambuilding und Lagerkoller
Von Christoph Bähr
Zwischen Teambuilding und Lagerkoller

Schon Felix Magath setzte als Werder-­Trainer auf ein Kurz-­Trainingslager vor einem wichtigen Spiel. Erfolg hatte er damit aber nicht: Seine Mannschaft verlor anschließend gegen Frankfurt, und der Coach wurde entlassen.

Jochen Stoss

Die Stimmung war explosiv bei Werder im Mai 1999. Torwart Frank Rost wütete: „Andi Herzog, Dieter Eilts oder Andree Wiedener. Wir sind die, die mit dem Verein auch was verbinden. Den anderen ist das doch alles scheißegal.“ Die Bremer hatten gerade 0:4 in Kaiserslautern verloren und schwebten in großer Abstiegsgefahr. Im folgenden Spiel gegen den direkten Konkurrenten Eintracht Frankfurt musste unbedingt ein Sieg her, also setzte Trainer Felix Magath ein Kurz-Trainingslager in Verden an, um alle Kräfte zu mobilisieren. Der Plan scheiterte. Werder verlor mit 1:2, und Magath musste gehen. „Bei uns hatte das Trainingslager keinen Effekt. Das lag aber auch daran, dass das Verhältnis zwischen der Mannschaft und Felix Magath sehr angespannt war“, erinnert sich Dieter Eilts.

Der WESER-KURIER-Kolumnist war damals Werder-Kapitän. Aktuell befinden sich die Bremer mal wieder in solch einem Kurz-Trainingslager, sie sind bereits am Mittwoch nach Leipzig gereist. Eilts glaubt, dass diese Maßnahme etwas bewirken kann, auch weil das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer Florian Kohfeldt besser sei als damals unter Magath. „Sie können jetzt ohne Ablenkung arbeiten, viele Gespräche führen. Gerade auch die Spieler aus der neu formierten Abwehrkette können sich aufeinander abstimmen“, sagt Eilts.

Strapazierte Nerven

Kohfeldt erklärte, das Kurz-Trainingslager solle die Sinne schärfen für das Spiel gegen RB Leipzig am Sonnabend (15.30 Uhr). Im besten Falle gelingt das, im schlechtesten Falle geht der Schuss nach hinten los. „Man beschäftigt sich dort von morgens bis abends nur mit dem Abstiegskampf. Die Angst bei dem einen oder anderen Spieler könnte dadurch noch größer werden. Es besteht die Gefahr, dass alle irgendwann genervt sind, weil sie überhaupt nicht mehr abschalten können“, gibt Eilts zu bedenken.

Bei Werder ist solch ein Kurz-Trainingslager in der Krise nicht neu. Kohfeldts Vorgänger Alexander Nouri reiste im Oktober 2017 einige Tage früher zum Kellerduell in Köln an, die Partie endete 0:0. Auch unter Viktor Skrip­nik fuhr Werder 2016 bereits eher nach Köln und spielte dann ebenfalls 0:0. Besonders erfolgreich war Skripniks Kurz-Trainingslager in Verden. Zwei Tage bereitete sich die Mannschaft auf das wichtige Heimspiel gegen Stuttgart vor, das sie im Mai 2016 mit 6:2 gewann. „Teambuilding ist in dieser Situation sehr wichtig“, betonte Skripnik. Damals war zudem Psychologe Andreas Marlovits neu bei Werder und sollte in Verden ausgiebig Gelegenheit für Gespräche mit den Spielern sowie den Trainern erhalten. Er sollte sie vor allem starkreden, so lautete der Plan. Auch in Leipzig ist Marlovits jetzt bei der Mannschaft.

Die letzte Patrone

Anders als heute entschied sich Werder vor knapp vier Jahren allerdings bewusst für einen ruhigen Ort mit wenig Ablenkung. Im beschaulichen Verden kehrte die Mannschaft im Drei-Sterne-Hotel Niedersachsenhof ein und trainierte im nahe gelegenen Stadion am Berliner Ring. Aktuell residieren die Profis deutlich luxuriöser mitten in der Großstadt Leipzig im Steigenberger Grandhotel Handelshof, das mit fünf Sternen bewertet wird. Trainiert wird bei der BSG Chemie Leipzig.

Klar ist: Solch ein Kurz-Trainingslager ist eine besondere Maßnahme, die nicht beliebig oft wiederholt werden kann. Dieter Eilts hält fest: „Das ist so etwas wie Florian Kohfeldts letzte Patrone. Er hat an die Unterstützung der Fans appelliert, neue Spieler geholt, die taktische Ausrichtung verändert, trainingsfreie Tage gestrichen. Es gibt nicht mehr viele Dinge, die er noch versuchen kann.“ Übrigens hat Eilts nicht nur negative Erfahrungen mit Kurz-Trainingslagern gemacht. Nach Magaths Entlassung übernahm Thomas Schaaf im Mai 1999 das Traineramt. Er schwor Eilts und Co. in Verden auf das wichtige Heimspiel gegen Schalke ein, und Werder gewann mit 1:0.

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