Interview mit Thomas Schaaf Schaaf: "Angst hatte ich nie"

Bremen. Seit Mittwoch hat ihn die Bundesliga wieder. Ein Jahr lang hatte sich der ewige Bremer Thomas Schaaf eine Auszeit gegönnt, ehe er nun als neuer Cheftrainer von Eintracht Frankfurt wieder ins Rampenlicht trat. Olaf Dorow sprach mit ihm.
23.05.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste

Bremen. Seit Mittwoch hat ihn die Bundesliga wieder. Seit Mittwoch ist Thomas Schaaf sozusagen wieder eine Person des öffentlichen Lebens. Ein Jahr lang hatte sich der ewige Bremer eine Auszeit gegönnt, ehe er nun als neuer Cheftrainer von Eintracht Frankfurt wieder ins Rampenlicht trat. Olaf Dorow sprach mit ihm.

Hallo Herr Schaaf. Glückwunsch zum neuen Job in Frankfurt!

Thomas Schaaf: Ja, vielen Dank.

Wir müssen aber erst mal über Bremen reden. Sie waren zu lange hier.

Oh, Sie müssen vielleicht drüber reden. Ich nicht unbedingt.

Ich versuch’s mal: Wie schwer fiel es denn, als der Moment kam und Sie Ihre Sachen im Büro zusammengeräumt haben?

Man muss doch immer sehen: Das eine ist das Emotionale. Das andere das Rationale.

Wie war’s emotional?

Da gehen einem viele Dinge durch den Kopf. Es war nicht einfach, Abschied zu nehmen, klar. Aber da hilft dann eben auch das Rationale.

Inwiefern?

Weil man weiß, dass solch eine Situation eben vorkommen kann. Da versucht man sich abzulenken. Man versucht, dass nicht alles so direkt auf einen zukommt.

Trotzdem wird es Sie ganz schön bewegt haben. Sie hatten darum gebeten, beim letzten Saisonspiel nicht mehr an der Linie stehen zu müssen.

Es ging eher darum: Wenn man etwas beendet, dann soll man es auch sofort beenden. Und nicht warten oder etwas verzögern.

Hatten Sie einen Plan? Haben Sie sich das vorgenommen, jetzt mindestens mal ein Jahr zu pausieren?

Nein. So konkret nicht. Ich musste mich nur entscheiden: Mache ich jetzt eine Pause oder nicht? Gehe ich direkt ins nächste Engagement oder nicht?

Das wäre möglich gewesen?

Das wäre möglich gewesen. Ich hätte quasi am nächsten Tag gleich weitermachen können. Aber ich habe mir gesagt: Wenn ich das jetzt nicht nutze, um auch mal ein Break zu haben, so eine Pause, dann werd’ ich’s wahrscheinlich gar nicht mehr machen. Darum habe ich mir gesagt: Okay, totale Distanz. Totaler Rückzug.

Sind Sie froh, dass Sie sich so entschieden haben?

Es war richtig. Absolut richtig.

Weil?

Weil ich mir die Zeit für mich nehmen konnte. Weil ich vieles reflektieren konnte. Ich war total in meine Arbeit vertieft. Da tut es gut, einfach andere Dinge zu tun.

Lesen Sie auch

Sie haben bei Ihrer Vorstellung in Frankfurt gesagt, dass Sie Zeit hatten, sich zu hinterfragen. Was kam dabei heraus?

Es wäre jetzt falsch, wenn das so aufgefasst wird, als hätte ich mich die ganze Zeit selbst hinterfragt. Natürlich gehört das dazu, dass man sich mit einem Abstand betrachtet. Man steckt zu sehr in der Tagesarbeit, um da alles zu beleuchten. Das kann man nur, wenn man nicht in der Verantwortung steht. Dafür habe ich diese Zeit genutzt. Und das war gut so.

Tauchte der Gedanke auf, dass Sie das Kapitel Werder früher hätten beenden müssen?

Klar habe ich zurückgeblickt. Aber ich habe mich mehr mit der Situation beschäftigt, wie sie dann aktuell da war: Wie fühle ich mich? Wie geht’s mir damit, dass ich jetzt auf einmal nichts mehr planen muss? Kein Training, keinen Tagesablauf, keine öffentlichen Äußerungen.

Und, wie fühlt es sich an, wenn man eben noch einen 24-Stunden-Job hatte und auf einmal nur Privatmensch ist?

Ich hatte den kleinen Vorteil, dass es Ende der Saison war. Wir standen vor der Urlaubszeit. Natürlich hat der Urlaub dann anders ausgesehen. Das habe ich schon gespürt.

Was war anders als sonst?

Ich bin nicht so oft mit einem Telefon ’rumgelaufen. Ich musste nicht dauernd daran denken: Oh, sind die Sachen alle vorbereitet für die Saison? Hast du daran gedacht und auch daran?

Lesen Sie auch

Ging das schnell: loszulassen?

Ja. Weil ich genügend Ablenkung hatte.

Weil Sie Ihrer Frau sagen konnten: So, jetzt machen endlich mal ’ne Weltreise?

Eine Weltreise war’s nicht. Aber es war schon so, dass wir uns mehr Zeit für uns genommen haben. Ich war auch einfach mal da. Für die Familie. Für die Freunde. Und eben auch am Wochenende.

Gab’s auch den Punkt, an dem Sie gesagt haben: Nie wieder Bundesliga?

Nein. Den gab es nie.

Muss man sich das so vorstellen: Sehr angenehm, nur Privatmensch zu sein, aber irgendwann wird’s langweilig?

Klar ist das angenehm, mal nicht diese Drucksituation zu haben, in der ich für Gott und die Welt verantwortlich bin. In der ich derjenige bin, der ganz klar vorgeben muss. Aber langweilig ist mir nie geworden. Um Gottes Willen. Ich hatte genug Beschäftigung. Ich bin neugierig genug, um wahrzunehmen, was um mich herum geschieht.

Weil für Sie klar war: Das ist jetzt eine Auszeit, aber nicht das Ende der Karriere?

Nein, deshalb nicht. Mir war bewusst: Wenn ich nicht mehr als Trainer arbeite, dann werde ich trotzdem wissen, was ich dann mache.

Was hätten Sie dann gemacht?

Das weiß ich nicht. So etwas lass’ ich auf mich zukommen. Ich bin nicht derjenige, der dann nicht mehr wüsste, was er tun soll. Die Angst, in ein Loch zu fallen, hatte ich nie.

Lesen Sie auch

Haben Sie sich für Eintracht Frankfurt entschieden, weil der Klub sozusagen ähnlich tickt wie Werder Bremen?

Ich vergleiche nicht. Ich nehme das auf, was ich erlebe. Die handelnden Personen haben mich überzeugt, dass das eine interessante Aufgabe ist. Da ist eine gute Basis. Und bei der Mannschaft ist einiges drin, was ich toll fand. Das wollen wir Stück für Stück steigern. Das ist der Plan. Wie viel man davon erreicht, wird man sehen.

Im Frankfurter Spielerkader ist viel in Bewegung. Fühlen Sie sich an Ihre Aufbauarbeit in Bremen erinnert?

Nicht erinnert. In Frankfurt kann man nicht durch teure Transfers glänzen. Über gute Arbeit und geschickte Einkäufe kann und muss man sich platzieren. Das ist halt anders als in München, Dortmund oder auf Schalke.

Apropos Schalke, da gab’s im Winter angeblich ein Angebot. Jetzt sagen viele: Der Schaaf, der passt auch mehr nach Frankfurt als zum trubeligen FC Schalke.

Die, die das sagen, die müssen mich ja alle sehr gut kennen.

Gehört zu den Aufbauarbeiten in Frankfurt auch, dass Sie Aaron Hunt mitbringen? Frankfurter Medien vermuten das.

Das kann ich nicht bestätigen. Es ist nicht mein Interesse, jetzt bei Werder den Kader durchzugehen, um zu gucken, wen ich da mitnehmen kann.

Sie bringen aber Ihr Trainerteam mit. Wie gehen Sie’s an? Fallen Sätze wie: Jungs, in Bremen haben wir das so und so gemacht?

Ja, das werde ich mit Sicherheit machen. Und dann werden die Jungs Hurra schreien. Genau das haben wir erwartet, da freuen wir uns drauf.

Solche Sätze stehen auf dem Index?

Es ist vielleicht schwer zu verstehen oder sich das vorzustellen. Die Leute denken da offenbar oft: Ja, da wird immer wieder zurückgeschaut, da wird verglichen oder wiederholt. Aber so denkt man vielleicht im Umfeld. Wir werden das nicht machen.

Warum?

Das, was ich in Bremen erlebt habe, wird mir keiner nehmen. Das wird bleiben. Es wird immer ein schöner Bestandteil meines Lebens bleiben. Diese Bilder werden nie weggehen aus dem Kopf. Aber: Es ist zu Ende! Ich habe jetzt eine neue Aufgabe, für die ich mich total begeistere und auf die mich freue. Ich mache meine Arbeit so, wie es die Situation in Frankfurt verlangt.

Sind Sie froh, jetzt ein „normaler“ Trainer zu sein. Mit einer Entlassung und einem Wechsel in der Vita?

Och, ich muss nicht normal sein.

Sondern?

Ich will schon ich bleiben. Ich versuch’ mit meiner Arbeit, die Leute zu erreichen, und mache mir nicht so sehr Gedanken darüber, ob ich jetzt ein normaler Trainer bin oder ein Einzelstück.

Ein Einzelstück bleiben Sie ja weiter.

Das bin ich als Thomas Schaaf. Aber nicht in der Frage, ob ich jetzt ein guter oder schlechter oder moderner oder altmodischer Trainer bin.

In Frankfurt wird berichtet, Sie seien nicht die 1a-Lösung. Spornt das an?

Wer kann Ihnen denn das sagen, wer 1a oder b, c, x, oder y ist? Das kann nur der sagen, der in der Verantwortung ist. Die Leute, die mit mir sprechen und für mich zuständig sind, geben mir das Gefühl, dass sie von mir überzeugt sind. Das ist wichtig.

Und wie gehen Sie es organisatorisch an? Werden Sie ein Pendler? Früher immer auf die Erdbeerbrücke, jetzt immer auf die A7? Oder ins Flugzeug? Mal eben nach Frankfurt jetten?

Nein, wir werden versuchen, dort schnellstmöglich ein Zuhause zu finden in Frankfurt. Die Familie kommt mit.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+