Talente im Winterschlaf Wie Werder seine Nachwuchsspieler im Lockdown betreut

Während die Profis bei Werder auch in Zeiten der Corona-Pandemie einen halbwegs normalen Alltag genießen können, geht es in der Talentschmiede der Bremer wesentlich ruhiger zu. Doch auch dort wird gearbeitet.
12.02.2021, 10:41
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Daniel Cottäus

Der Termin ist längst etabliert, wiederholt er sich doch seit Monaten alle sieben bis zehn Tage - so richtig daran gewöhnt hat sich Christian Brand aber immer noch nicht. Regelmäßig bittet der Trainer von Werder Bremens U19 seine Mannschaft zur Teambesprechung - digital versteht sich, alles andere ist während des anhaltenden Lockdowns ja verboten. Auf seinem Bildschirm sieht Brand dann viele kleine Köpfe, schaut sich mit ihnen gemeinsam Videosequenzen aus alten Spielen an, klopft die Stimmung ab. Besser als gar kein Kontakt ist das allemal, schon klar. Das Leben in einer vollbesetzten Kabine kann es aber nicht ersetzen.

„Es ist schwierig“, sagt Brand, der seine komplette Mannschaft zuletzt im November persönlich gesehen hat - und seitdem vor der komplizierten Aufgabe steht, eine Gruppe Jugendlicher, die auf dem Weg hin zu ihrem großen Ziel brutal ausgebremst wurde, irgendwie bei Laune zu halten. Außer den Bundesliga-Profis und der U23 darf bei Werder Bremen auch weiterhin keine Mannschaft trainieren. Das Nachwuchsleistungszentrum in der Pauliner Marsch befindet sich mitten im Winterschlaf, was für den Verein unerfreuliche Langzeitfolgen haben könnte.

Lesen Sie auch

„Die aktuelle Situation ist definitiv ein Problem, was die Entwicklung insgesamt von Jugendlichen betrifft“, weiß Werder-Sportchef Frank Baumann. Nur noch sehr wenig soziale Kontakte, Herausforderungen im Homeschooling sowie der Verzicht auf Kino-Besuch oder einfaches Abhängen mit Freunden - all das gehört für Jugendliche in der Corona-Pandemie weiterhin dazu. Die Eintönigkeit ist für viele längst zum Alltag geworden. Und hält talentierte Nachwuchsfußballer darüber hinaus davon ab, ihrem Traum von der Profikarriere näherkommen zu können.

„Seit Beginn der Pandemie bricht den Jungs sehr, sehr viel weg“, sagt Baumann und meint damit den Kontakt zu den Mitspielern, den Teamgeist sowie natürlich, ganz pragmatisch: Trainingseinheiten. „Das, was die Spieler lieben, was sie sonst jeden Tag mit Begeisterung tun, geht plötzlich nicht mehr“, hält Baumann fest: „Da spielt natürlich auch die psychologische Sichtweise eine Rolle.“ Immer wieder haben Experten in den vergangenen Monaten vor den Folgen des Lockdowns speziell für Kinder und Jugendliche gewarnt. Werder nimmt das Thema ebenfalls ernst. Das Nachwuchsleistungszentrum beschäftigt in Mathias Kleine-Möllhoff schon länger einen eigenen Psychologen, der nun im Lockdown den Kontakt zu den Spielern hält, ihnen Hilfe anbietet und Wege aufzeigt. Auch die Trainer werden beraten, damit sie die Anzeichen erkennen, sollte sich ein Spieler allmählich aus der Gruppe zurückziehen. Christian Brand weiß: „Wichtig ist, dass alle auch weiterhin die Zuversicht haben, dass es wieder besser wird.“

Lesen Sie auch

Eines können Angebote wie Einzelgespräche, Online-Athletik-Training oder Gruppen-Chats während des Lockdowns freilich nicht ersetzen: die Praxis auf dem Platz. „Egal ob das jetzt in der U12 und U13, also im goldenen Lernalter, oder in der U15 bis U19 ist, wo langsam der Herrenbereich näher rückt - es geht wertvolle Zeit verloren“, betont Baumann. Immerhin: Einige ausgewählte U19-Spieler dürfen hin und wieder ins Training der U23 integriert werden. Alle anderen müssen die Füße stillhalten. Die Gefahr, dass sich der eine oder andere Spieler womöglich vom Fußball abwendet, bereitet Werder durchaus Sorgen. Björn Schierenbeck, der Direktor des Nachwuchsleistungszentrums, sagt: „Wir diskutieren darüber. Es könnte schon sein, dass sich einige Spieler an freie Wochenenden gewöhnen und irgendwann einen anderen Weg gehen möchten.“ In der Mannschaft seines Sohnes, der für einen Amateurklub in Oldenburg spielt, habe es solche Fälle während des Lockdowns schon gegeben. Richtig abschätzen ließe sich die Sache für Werder aber erst, wenn das Training wieder anläuft. Dass einige Nachwuchsspieler mittlerweile nicht mehr alle Online-Angebote von Werder wahrnehmen, hat Schierenbeck allerdings schon feststellen müssen.

„Wir müssen schon aufpassen, dass es keine verlorene Generation wird“, fordert Brand, der die Motivation in seiner eigenen U19-Mannschaft aber als nach wie vor hoch einschätzt: „Das Ziel der Jungs ist riesengroß: Sie alle wollen in den bezahlten Fußball. Deswegen werden sie nach dem Lockdown genauso enthusiastisch trainieren wie davor.“ Bis es soweit ist, heißt es: weiter abwarten. Der nächste Video-Anruf des Trainers kommt bestimmt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+