Bremer Weserstadion

Teure Erleuchtung für Werders Rasen

Bremen. In Bremen geht die Sonne niemals unter - das gilt zumindest für das Weserstadion. Dort wird der empfindliche Rasen nachts von goldgelbem Speziallicht bestrahlt. Die effektive Lichtkur kostet das sonst so vorbildliche Stadion allerdings das Öko-Siegel.
29.03.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Teure Erleuchtung für Werders Rasen
Von Thorsten Waterkamp

Bremen. In Bremen geht die Sonne niemals unter. Das glauben zumindest Lolium perenne und Poa pratensis, und sie merken gar nicht, dass sie zurzeit mächtig hinters Licht geführt werden. Lolium perenne, das Deutsche Weidelgras, und Poa pratensis, das Wiesen-Rispengras, leben im Weserstadion und sind im Wortsinn die Grundlage des Fußballs - sprich: der Rasen. Nun ist der Umgang der Kicker mit dem Grünwuchs selten zimperlich, und so kommt Werders Spielwiese seit Kurzem in den Genuss einer außergewöhnlichen Lichtkur.

Goldgelb leuchtet es seit ein paar Wochen im Weserstadion. Vor allem nachts wirkt es, als hätte sich ein UFO die Traditionsspielstätte als Landeplatz ausgeguckt. Das Licht jedoch kommt nicht aus dem fernen Weltall, sondern aus den nahen Niederlanden. Genauer: von der Firma "Stadium Grow Lighting". SGL baut Beleuchtungsanlagen, deren Licht das Rasen-Wachstum anregt. Was unspektakulär klingt, sieht spektakulär aus - und hat offensichtlich so spektakuläre Folgen, dass SGL mittlerweile im Gros der europäischen Top-Arenen wie dem Camp Nou (Barcelona), Santiago Bernabeu (Madrid), Old Trafford (Manchester), an der Anfield Road (Liverpool) oder der Allianz-Arena (München) vertreten ist. Alle Stadien eint, was auch in Bremen zum Problem geworden ist. Der Rasen fristet ein karges Dasein, denn ihm fehlt Licht und damit die Grundvoraussetzung zur Photosynthese. Biologie, sechste Klasse: Ohne Photosynthese, dem pflanzlichen Stoffwechsel, wächst kein Kraut.

Das Licht, das die Holländer liefern, ist ein besonderes. Nicht nur, weil es im strahlendsten Gelbgold leuchtet. Es ist ein Licht, das wegen seiner Wellenlänge die Photosynthese besonders intensiv fördert. Jens Hünten hat die holländische Erleuchtung schon vor ein paar Jahren kennengelernt, in Eindhoven. Hünten arbeitet für Stadtgrün, er ist so etwas wie der Rasenflüsterer im Weserstadion und fuhr deshalb zu einem Seminar in der PSV-Arena. Sie war das Vorzeigeprojekt von SGL und Hünten zunächst, wie er zugibt, "noch skeptisch".

Die Skepsis ist weg. "Das bringt wirklich was", sagt er und braucht dazu nur auf die Unmengen an Rasenschnitt zu schauen, die schon in den letzten Winterwochen (!) fällig werden. Der ewige Tag, wenn die Sonne für den Rasen niemals untergeht, bringt Hünten jede Menge Arbeit. "Zurzeit mähen wir dreimal die Woche."

Dabei wird die Natur im Prinzip veräppelt: Durch die Beleuchtung wird den Pflanzen vorgegaukelt, es sei Frühling oder Sommer - nur die kalten Füße, die sich bei Lolium perenne und Poa pratensis trotz Rasenheizung bei winterlichem Frost holen, verwirren die Gräser offenbar ein wenig. Ihre Halme sind nicht so stabil wie im Sommer, sie sind dünner und länger. Die Dichte der Rasennarbe aber, sagt Hünten, "das ist Sommerqualität".

Sonnenstrom geht für die Rasenpflege drauf

Das satte Grün im Winter hat allerdings einen satten Nachteil - es ist nicht umsonst zu haben. Es geht auf Kosten des Öko-Siegels, das dem Weserstadion mit seiner riesigen Photovoltaik-Verpackung angeheftet wurde. Auf rund 16.000 Quadratmetern ist das Betonskelett der Arena von Siliziumzellen umgeben, für die der Oldenburger Energie-Konzern EWE verantwortlich zeichnet. "800.000 bis eine Million Kilowattstunden", erklärt EWE-Unternehmenssprecher Reinhard Schenke, soll die Anlage im Idealfall jährlich produzieren - je nachdem, wie lange die Sonne über Bremen scheint. Normalerweise tut sich das 1700 bis 1800 Stunden im Jahr. Die künstliche Sonne aus Holland wird erheblich länger scheinen, und sie wird dafür Strom brauchen. Viel Strom. Voraussichtlich etwa so viel, wie das Weserstadion produziert.

Die sechs großen Rasenlicht-Einheiten, genannt MU360, verfügen über jeweils 54 Scheinwerfer, befestigt an sechs ausladenden Stahlgerüstarmen. An den beiden kleinen Einheiten, genannt MU36, hängen jeweils sechs Leuchten. Jede einzelne der 336 Lampen hat eine Nennleistung von 1000 Watt. Läuft die komplette Anlage eine Stunde, macht das einen Verbrauch von 336 Kilowattstunden. Im 24-Stunden-Betrieb werden daraus 8064 Kilowattstunden, und es gibt viele 24-Stunden-Tage - vor allem in Herbst und Winter. Denn dann steht die Sonne so tief am Himmel, dass kaum noch ein Strahl beim Grün ankommt.

Rein ökologisch ist das eine bittere Bilanz für das ökologische Vorzeigeobjekt Weserstadion. Sein Sonnenstrom, der rechnerisch 300 Haushalte versorgen könnte, geht fast komplett für die Rasenpflege drauf. Dass die so energieintensiv nötig ist, liegt wiederum am Stadionumbau. Durch ihn hat die Arena nicht nur ihren Photovoltaik-Mantel erhalten, sondern auch eine neue, größere Dachkonstruktion Seither "gibt es Rasenabschnitte, die kaum Sonnenlicht abgekommen", erklärte Werder-Chef Klaus Allofs kürzlich zur Einführung der goldgelben Rasenbehandlung.

Schon die Tieferlegung der Spielfläche 2002 hatte für Probleme gesorgt, was sich in der steigenden Notwendigkeit niederschlug, den Rasen komplett auszutauschen. Hatte das Grün bis dahin noch ausreichend Licht bekommen, musste danach alle zwei Jahre neuer Rollrasen herangeschafft werden. Zuletzt hielt das Gras nur noch elf Monate. Der Rasen, der Anfang Februar in der Arena verlegt wurde, soll dank der Lichtanlage nun deutlich länger halten.

Zumindest ökonomisch macht der Sonnenschein aus der Starkstrom-Steckdose Sinn. Etwa 100.000 Euro kostet ein Austausch der kompletten Rasenfläche; etwa dieselbe Summe dürfte nun zusätzlich auf der jährlichen Stromrechnung der Weserstadion GmbH stehen. Das sind zumindest die Erfahrungswerte, auf die Thomas Franke baut: "Wir kalkulieren mit 100.000 Euro." Franke ist Leiter Stadionbetrieb beim VfL Wolfsburg und arbeitet schon seit vier Jahren mit den Lichtanlagen aus Holland. "Wir sind hochzufrieden", sagt er. Nur das Grün in der Mittelachse habe ab und an gewechselt werden müssen. Ein komplett neuer Rasen in der VW-Arena war erst vor ein paar Wochen fällig - und das auch nur "wegen der vielen Schneespiele".

Die Wolfsburger Erfahrungen wird Jens Hünten in Bremen erst noch machen müssen. "Nächstes Jahr im Januar wissen wir wirklich, was es bringt." Dann erst wird sich Werder entscheiden müssen, ob man die Anlage im Wert von gut 500.000 Euro kauft. Die ersten Ergebnisse jedenfalls sehen gut aus, und peu à peu will Jens Hünten die Beleuchtung nun reduzieren - je nachdem, was ihm Computer und Lichtsensoren in der täglichen Schattenanalyse vorgeben. "Normalerweise aber", glaubt Hünten, "brauchen wir von Mai bis August keine Beleuchtung."

Schon jetzt werden die Lampen tagsüber weitgehend abgeschaltet, weil das natürliche Licht der Sonne ausreicht. Es bescheint immerhin drei Viertel des Platzes, nur der Rest der grünen Halme kommt unters Rasen-Solarium. Nachts aber gehen die Lampen weiterhin an - und für Weidel- und Rispengras die Sonne niemals unter.

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