Werders U23-Trainer Fünfstück im Interview "Qualität ist keine Frage der Spielklasse"

Konrad Fünfstück hat bei Werders U23 schon einige Spieler an den Profikader herangeführt: Hier spricht er über die Ausbildung von Jungprofis, die Rolle von Bargfrede, den Verlust von Schaaf und die neue Saison.
01.08.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Jean-Julien Beer

Herr Fünfstück, die ersten Vorbereitungswochen sind vorbei. Spüren Sie bei der Mannschaft die Lust, nach schwierigen Monaten der Pandemie wieder regelmäßig Fußball spielen zu können?

Konrad Fünfstück: Die Mannschaft hat auch in der Pandemie, wo wir trainieren durften, immer Lust gehabt, diesen Beruf auszuüben. Das ist unbestritten. Trotzdem merkt man natürlich bei den jungen Spielern, dass ihnen die Wettkampferfahrung extrem fehlt. Es ist schon ein Unterschied, ob jetzt ein 26-Jähriger mal ein Jahr Pause gemacht hat, der schon 150 bis 200 Regionalliga- oder Oberligaspiele in den Beinen hatte – oder ob ein 19-Jähriger in den Männerbereich wechselt, dann aber wegen der Pandemie in den letzten zwei Jahren nur zehn Spiele machen konnte. Das ist eine Erkenntnis, die man aus dieser Pandemie ziehen kann.

Haben Sie in der Vorbereitung auf die neue Regionalligasaison so viele Testspiele angesetzt, damit die Mannschaft sich wieder an einen Spielrhythmus gewöhnt?

Das ist in der Tat so. Wir haben das Programm so strukturiert, weil wir Matchpraxis brauchen, die uns abhandengekommen ist. Wir wollen den Spielern möglichst viele Einsätze ermöglichen, deshalb haben wir sieben Testspiele in die Vorbereitung eingebaut. Das ist binnen sechs Trainingswochen noch im Rahmen, aber ein klarer Schwerpunkt.

Die vergangene Saison lief für Werders U23 ziemlich erfolgreich, bis die Liga abgebrochen werden musste. Ist es möglich, daran wieder anzuknüpfen?

Also: Ziemlich erfolgreich, das wäre mir eigentlich zu wenig. Zu dem Zeitpunkt, als die Pandemie zum Saisonabbruch führte, wären wir durch die Koeffizientenregelung in den Relegationsspielen gewesen, wenn wir den Antrag zur 3. Liga gestellt hätten. Wir wären also die Mannschaft gewesen, die sich mit Schweinfurt um die 3. Liga duelliert hätte. Und ich behaupte einfach, dass wir gute Möglichkeiten gehabt hätten, aufzusteigen, weil unsere Mannschaft eine hohe Qualität hatte.

Was man auch daran sieht, dass viele Spieler den Sprung zu den Profis geschafft haben oder nahe dran sind.

Genau. Beim Zweitligaauftakt gegen Hannover standen sieben Spieler im Bremer Kader, die aus dieser U23 kommen. Dazu kommt noch ein Eren Dinkci, der rotgesperrt fehlte, und ein Abdenego Nankishi, der im Aufbautraining war. Zudem sind Oscar Schönfelder, Dominik Becker und Simon Straudi auch ganz nah dran. Das heißt: Aus dem Kader U23 der vergangenen beiden Jahre haben zwölf Spieler nachgewiesen, dass sie die Qualität haben, bei Werder Bremen im Profibereich dabei zu sein. Das zeigt, dass das Nachwuchsleistungszentrum seine Arbeit in dieser Zeit gut gemacht hat. Auch deswegen ist mir die Formulierung „ziemlich erfolgreich“ deutlich zu wenig.

Was ist in der neuen Saison möglich?

Diese Mannschaft, die so erfolgreich war, die ist auf dem Papier nicht mehr da. Wir haben noch Yannik Engelhardt in die 3. Liga zu Freiburg verliehen und mit Maik Nawrocki einen Spieler in die erste polnische Liga abgegeben. Der Kern der Mannschaft ist nicht mehr vorhanden. Es ist nun unsere Aufgabe, wieder eine neue U23 aufzubauen und möglichst viele dieser Spieler an den Profibereich heranzuführen.

Spornt es die Jungs an, dass die Nachlässigkeit nach oben bei Werder offenbar größer ist als an anderen Standorten?

Es ist zumindest der Beweis dafür, dass durch die enge Verzahnung mit der Profiabteilung, mit Frank Baumann und Clemens Fritz, hier Leute im Verein sind, die wirklich auch viel Wert auf die Nachwuchsarbeit legen. Ich glaube, der Weg, auf junge Spieler zu setzen,  zeigt es: Die Jungs bekommen hier wirklich die Möglichkeit, Profifußball zu spielen.

Die Profis sind durch den Abstieg eine Liga näher herangerückt. Erleichtert das für die Jungs den Sprung nach oben?

Nein. Qualität ist keine Frage der Spielklasse. Es ist eine Frage der individuellen Performance: Wenn du gut bist, dann setzt du dich überall durch. Das kann ich auch bei den Spielern absehen, die hier in der U23 in den vergangenen beiden Jahren in der Ausbildung waren: Die werden ihren Weg definitiv machen.

Obwohl Ihre Arbeit in der U23 so erfolgreich war, hing die Vertragsverlängerung im Sommer etwas in der Schwebe, weil bei Werder nach dem Abstieg viele Entscheidungen anstanden. Auf Außenstehende wirkte das wie eine Hängepartie. Wie war es für Sie?

Wir hatten intern gute Gespräche, und ich hatte für mich einen klaren Weg. Deshalb konnte ich das ganz entspannt abwarten. Ich hatte mich frühzeitig zu Bremen bekannt, weil ich sehr gerne mit den handelnden Personen arbeite. Für mich war das also keine Hängepartie. Ich wusste, wie mein Weg bei Werder weitergehen kann und wird.

Zu den prominentesten Namen in Ihrem Kader gehört Philipp Bargfrede, der sich selbst als eine Art Co-Trainer betrachtet. Wie sehen Sie seine Rolle?

Er ist eine Art spielender Co-Trainer. Philipp ist der einzige Spieler, bei dem wir jetzt nicht den Anspruch haben, ihn zum Bundesligaspieler auszubilden. Er ist jetzt auch sehr fit, er hat in der Vorbereitung richtig gut gearbeitet. Für uns bei der U23 ist es jetzt die Aufgabe, Philipp die ersten Einblicke in das Trainerwesen zu geben. Wie ist eine Trainingsplanung, eine Spielplanung, eine Saisonplanung? Wie werden taktische Inhalte auf dem Platz vermittelt? Es ist gut, dass wir ihn auf diesem Weg unterstützen können. Philipp ist für unsere Mannschaft ein extrem wichtiger Baustein mit seiner Erfahrung. Man muss sich den Kader ja nur mal anschauen: Wir haben mit Lord, Brand und Löpping drei U19-Spieler dabei, die immer noch für den Nachwuchs spielberechtigt sind. Es ist schon gut, wenn einer mit seiner Erfahrung da viel mitgeben kann.

Sie haben eng mit Thomas Schaaf gearbeitet, der nun nicht mehr als Technischer Direktor im Verein ist. Wie sind die ersten Wochen ohne ihn im Fußball-Alltag angelaufen?

Sie haben es richtig formuliert: Ich habe mit Thomas Schaaf sehr eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Und ich denke, es ist auch sein Verdienst, dass so viele Spieler aus dem Nachwuchsbereich jetzt oben angekommen sind. Jetzt gilt es für uns, diese Lücke bestmöglich auszufüllen mit dem bestehenden Personal, also mit Björn Schierenbeck und Thomas Wolter, um den jungen Spielern weiterhin eine optimale Ausbildung bieten zu können.

Wann sind Sie persönlich mit der neuen Saison zufrieden: Wenn es wieder eine gute Platzierung in der Tabelle gibt – oder wenn Sie wieder einige Spieler zu den Profis gebracht haben?

Wir definieren uns nur über die Ausbildung. Wenn wir uns in der U23 nach der Tabelle richten würden, dann müssten wir die Kaderstruktur gewaltig verändern und in jedem Mannschaftsteil einen erfahrenen Spieler haben. Wir waren in der vergangenen Saison die jüngste Mannschaft in allen Regionalligen Deutschlands. Und wir haben auch dieses Jahr wieder eine sehr junge Mannschaft, auch wenn Philipp Bargfrede den Altersschnitt nun ein wenig nach oben reißen wird. Wir gehen hier in Bremen weiter den Weg mit extrem jungen Spielern, die wir bestmöglich ausbilden wollen. Wenn uns das gelingt, ist das gut.

Das Gespräch führte Jean-Julien Beer.

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Zur Person

Konrad Fünfstück (40) wurde in Bayreuth geboren und arbeitet bereits seit 20 Jahren als Trainer und Jugendkoordinator. Seine eigene Karriere hatte er schon mit 19 Jahren nach mehreren Knieverletzungen beenden müssen. Er kam 2019 aus der Schweiz zur Werders U23.

Zur Sache

Chef auf dem Betzenberg

In Kaiserslautern kennt man Konrad Fünfstück nicht nur als Jugendförderer, sondern auch als Cheftrainer. In der Saison 2015/16 hatte er auf dem „Betzenberg“ als Trainer der Profis in der 2. Liga das Kommando. Zuvor hatte der Fußball-Lehrer beim FCK bereits mehrere Jahre das Nachwuchsleistungszentrum geleitet und auch die U23 des Vereins in der Regionalliga Südwest trainiert. In dieser Funktion hatte er sich zuvor schon in Fürth einen guten Namen in der Branche erworben: Bei der Spielvereinigung Greuther Fürth arbeitete er mehr als zehn Jahre im Nachwuchsleistungszentrum, unter anderem als Jugendkoordinator. Auch hier trainierte er zeitweise die U23 in der Regionalliga

Nach der Zeit in Kaiserslautern arbeitete Fünfstück als Trainer des Schweizer Zweitligisten FC Wil, bevor er an die Weser wechselte und nun auch hier als Trainer der U23 in der Regionalliga Nord in der Nachwuchs- und Talentförderung wirkt.

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