Philipp Bargfrede Vom Glück und Unglück eines Gebliebenen

Australien war im Sommer im Gespräch, doch Philipp Bargfrede entschied sich für einen Verbleib bei Werder - bei der U23. Warum er diesen Schritt trotz Lockdown nicht bereut hat.
17.02.2021, 09:33
Lesedauer: 3 Min
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Von Carsten Sander

Ein bisschen ist es die Geschichte von Glück und Unglück und davon, dass beides immer auch zusammengehört. Philipp Bargfrede kann diese Geschichte erzählen, denn er erlebt sie gerade. Begonnen hat sie im vergangenen Sommer, als bei Werder Bremen die Entscheidung fiel, dass der verdiente und geschätzte Profi nach 16 Jahren im Verein keinen neuen Vertrag mehr bekommen würde. Der 31-Jährige ein Opfer seiner Verletzungshistorie und der Verjüngungskur im Bundesliga-Kader. Der Eindruck, dass dies ein Unglück sei für Bargfrede verstärkte sich in den Wochen danach, weil der Mittelfeldspieler zwar noch weiter auf hohem Level Fußball spielen wollte, die Nachricht, dass er einen neuen Club gefunden hat, aber nicht kam. Schlussendlich unterschrieb er wieder bei Werder – aber nur noch für die U23. Zum Glück, wie Bargfrede jetzt sagt.

Australien war im Gespräch

Denn er stellt sich vor, er hätte sich mit seiner Familie irgendwohin verpflanzt. Wozu er bereit gewesen wäre, wenn er einen Club gefunden hätte, „bei dem alles passt. Ich wollte nur etwas machen, worauf ich richtig Bock gehabt hätte.“ Selbst Australien war im Gespräch. Aber Bargfrede entschied sich letztlich gegen ein Abenteuer und für den Schritt zurück in die vierte Liga. Obwohl – oder gerade weil – er mit der U23 seit Monaten im Lockdown steckt, bereut er den Entschluss überhaupt nicht. Seine Überlegung: „Was würde mir jetzt eine neue Stadt mit einer tollen Lebensqualität bringen, wenn doch alles geschlossen ist und man die Lebensqualität nicht nutzen kann?“ Oder anders gesagt: Mit Frau und Kindern an einem neuen Ort mit nicht zugänglichen Attraktionen festzusitzen, ist nicht das, was er sich unter „Da habe ich Bock drauf“ vorgestellt hätte. Zumal sein Sohn im Sommer eingeschult wird, was noch ein Grund war, nicht dem erstbesten Auslandsangebot hinterherzulaufen. „Da spielten einfach mehrere Faktoren mit rein“, sagt Bargfrede.

Gespannt auf den normalen Spielbetrieb

Die Situation, erstmals in seiner Karriere vertragsfrei gewesen zu sein, war für ihn reizvoll, aber auch bedrückend: „Ich kannte das ja nicht, hatte bei Werder immer früh Planungssicherheit. Es war aber spannend zu sehen, was sich da so bewegt.“ Wie sich gezeigt hat, war es nicht so viel, als dass es ihn hätte fortziehen können aus Bremen. Bargfrede ist geblieben und harrt nun der Dinge, die da kommen mögen. Nur wenige Tage nach seinem ersten Training mit der U 23 kam der Lockdown für die Regionalliga. Immerhin darf das Bremer Team, weil es aus Berufsfußballern besteht, anders als andere Regionallligisten durchgänig trainieren. „Darüber können wir froh und glücklich sein. Wir haben schon ein straff getaktetes Programm“, sagt Bargfrede, der aber nicht bei jeder Einheit auf dem Kunstrasenplatz dabei ist, stattdessen oft individuell trainiert. „Körperlich“, sagt er, „geht es mir aber ganz gut“. Mal wieder ein Fußballspiel zu bestreiten, wäre jedoch ganz nett. Nicht einmal hat er bislang mit der U 23, deren junge Spieler er auf dem Platz anleiten soll, zusammengespielt. Bargfrede: „Das hatte ich mir natürlich anders vorgestellt. Ich bin selber gespannt, wie es im normalen Spielbetrieb sein wird.“

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Bis es soweit ist, kann es noch dauern. Für Bargfrede bedeutet das auch, dass er seiner eingeplanten Nebenbeschäftigung nicht nachgehen kann. Denn das Engagement für die U 23 hat auch sehr mit seinem Anschlussvertrag bei Werder zu tun. Als Trainee soll er nach der aktiven Karriere auf eine Laufbahn als Manager oder Trainer vorbereitet werden. Und dafür hätte Bargfrede aktuell gerne schon mal in die Trainingsarbeit der Jugendteams reingeschnuppert und den Lehrgang zur ersten Trainerlizenz begonnen. Geht aber beides nicht, weil: Jugendteams trainieren nicht, Lehrgänge finden nicht statt.

Aber deshalb unglücklich sein? Philipp Bargfrede macht nicht den Eindruck, dass er es wäre. Er wartet darauf, dass er den Übergang von der einen Karriere zur anderen tatsächlich gestalten darf und freut sich über freie Wochenenden: „Die hatte ich ja sonst nur selten.“ Er leidet aber auch mit den jungen Spielern, die derzeit in ihrer Entwicklung ausgebremst werden. „Wenn ich daran denke, ich wäre jetzt 17, 18 Jahre alt und könnte monatelang nichts tun, das wäre eine Katastrophe. Die Jungs verlieren gerade richtig viel.“

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