WESER-KURIER-Interview mit Klaus Allofs (Teil 2) Über Gruppendynamik, Neuzugänge und Zäune für Fans

Bremen. „Mit einer Gruppe zusammenzuarbeiten, ist eine große Herausforderung. Jeden Tag neu. Und immer wieder anders“, sagt Klaus Allofs. Lesen sie heute Teil zwei des WESER-KURIER-Interviews mit Werders Chef.
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Über Gruppendynamik, Neuzugänge und Zäune für Fans
Von Olaf Dorow

Bremen. „Mit einer Gruppe zusammenzuarbeiten, ist eine große Herausforderung. Jeden Tag neu. Und immer wieder anders“, sagt Klaus Allofs. Lesen sie heute Teil zwei des WESER-KURIER-Interviews mit Werders Chef.

Sie haben den Nachholbedarf in punkto Teamgeist angesprochen. Auch Führungsspieler haben das gemacht.

Klaus Allofs:Es gibt ja immer diese Schwarz-Weiß-Malerei. Wenn man sagt, die Einstellung stimmte nicht, dann heißt es von außen sofort: Ja, das ist ein Sauhaufen. Und das sind wir auf gar keinen Fall. Aber wir müssen versuchen, in allen Bereichen besser zu sein als der Gegner. Wenn wir nach ganz oben wollen, dann müssen wir auch in puncto Teamgeist stärker werden.

Wie viel stärker?

Grundsätzlich bin ich sehr zufrieden. Das ist eine leistungsbereite Mannschaft. Das sind gute Jungs. Da macht keiner Stunk. Aber sie haben manchmal noch falsche Mechanismen, mit Unzufriedenheit umzugehen. Alle reden jetzt über Holtby, Schürrle, über Sahin, Kagawa, Barrios. Automatisch rücken diese Spieler in den Blickpunkt, weil ihre Mannschaft funktioniert. Und das ist es: Es geht nur über diesen totalen bedingungslosen Einsatz für die Mannschaft. Da muss ich meine persönlichen Interessen zurückstellen.

Ein hehres Ziel.

Ich weiß, das ist in unserer Gesellschaft fast wie eine Höchststrafe: die eigenen Interessen zurückzustellen. Das ist eine ganz besondere Eigenschaft, wenn ich das kann. Wenn ich sage, meine Interessen sind erst mal zweitrangig. Das ist sozusagen kein normales Verhalten. Draußen, in der Welt, ist das nicht weit verbreitet. Verhalte ich mich allerdings im Fußball nach diesen Prinzipien und bin dann noch wie hier bei Werder von guten Spielern und Trainern umgeben, dann kommt der Erfolg automatisch.

Wie genau?

Dann ist Aaron Hunt plötzlich im Kader der Nationalmannschaft. Marko Marin rückt in England und Italien in den Fokus. Mesut Özil kann zu Real Madrid gehen. Der persönliche Erfolg, der kommt dann von ganz allein.

Hört sich nach einem schwierigen Prozess an. Sehen Sie in dieser Gruppendynamik einen Unterschied zwischen der Meistermannschaft 2004 und Werder heute?

Nein, es gibt keine Unterschiede. Die Probleme bleiben weitestgehend die gleichen. Wir haben hohe Ansprüche bei unserer Suche nach dem perfekten Spiel und dem perfekten Spieler. Nach dem Musterprofi, der aber nicht langweilig ist und noch schöne Geschichten liefert. Der ein guter Mannschaftsspieler ist und glänzende individuelle Fähigkeiten hat. Da immer allen Anforderungen gerecht zu werden, ist nicht so einfach. Mit einer Gruppe zusammenzuarbeiten, ist eine große Herausforderung. Jeden Tag neu. Und immer wieder anders.

Es laufen viele Verträge aus. Wird sich das Gesicht Ihrer Gruppe sehr verändern demnächst?

Naja, so viele Verträge laufen nicht aus.

Okay, aber wir würden zum Beispiel auch jemanden wie Per Mertesacker dazurechnen (Vertrag bis 2012; d. Red.), der gern mal im Ausland spielen möchte.

Es wird wie in jedem Jahr Veränderungen geben. Wie stark sie sein werden, hängt natürlich auch vom sportlichen Erfolg ab. Doch Leistungsträger und Führungsspieler wie Per Mertesacker wollen wir auf jeden Fall längerfristig binden.

Wie sind Sie eigentlich mit dem Transfersommer zufrieden?

Also ich bin gar nicht zufrieden damit, dass für Jurica Vranjes nichts zu finden war. Und dass es bei Markus Rosenberg so schwierig war (ausgeliehen an Santander, d. Red.). Dieser Bereich im Markt ist sehr schwierig geworden. Die Klubs in dem Segment haben wenig bis kein Geld. Da kommt ja kein Real Madrid oder FC Barcelona infrage, das muss man ganz nüchtern so sehen. Ansonsten ist das in Ordnung, was wir gemacht haben. Bei Peter Niemeyer, Marko Futacs und Timo Perthel haben wir die richtigen Entscheidungen getroffen.

Und bei den Neuzugängen? Waren es auch die richtigen Entscheidungen?

Bei Marko Arnautovic war uns bewusst, welche Geduld man haben muss. Aber wenn wir keine Geduld mehr haben, dann müssen wir aufhören. Nur noch fertige Spieler verpflichten, das können und wollen wir nicht. Spieler zu entwickeln ist unsere große Stärke. Das hat uns immer ausgezeichnet: Wir hatten die Geduld auch bei Mesut Özil. Man vergisst das leider immer, er ist nicht gekommen und hat am nächsten Tag hier gezaubert. Was Markos Potenzial angeht, gibt es ein Limit, das man noch nicht sehen kann. Das sind interessante Aussichten, aber in der Zwischenzeit ist es eine Menge Arbeit.

Wie stellt sich das im Fall von Mikaël Silvestre dar?

Wir haben immer betont, dass wir Sebastian Boenisch niemanden vor die Nase setzen wollen, um seine Entwicklung zu blockieren. Aber unabhängig von seiner Verletzung muss man sehen: Er hat das nicht so hinbekommen. Also haben wir die Gelegenheit genutzt, Mikaël zu verpflichten.

Bislang funktioniert es mit überschaubarem Erfolg.

Er ist ohne Vorbereitung ins kalte Wasser geworfen worden und musste aufgrund unserer Verletztensituation permanent spielen. Das war nicht so, wie wir uns das gedacht hatten. Das ist kein idealer Aufbau.

Wenn er richtig fit ist, wo ordnen Sie ihn dann ein? Als soliden Linksverteidiger?

Mehr als solide. Er ist keiner, der auf der linken Seite marschiert, marschiert, marschiert. Wir brauchen auf der Position nicht jemanden, der bei jedem Angriff dabei ist. Wir haben ein sehr offensiv ausgerichtetes Mittelfeld, das das leisten kann. Natürlich muss ich die ein, zwei Angriffe haben, und dann sollte die Flanke auch kommen. Aber wichtiger ist, dass wir hinten richtig stehen.

Bleibt noch Wesley.

Er ist ja auch erst sehr spät hineingeworfen worden.

Ärgern Sie sich, dass es so lange gedauert hat, bis Sie ihn endlich unter Vertrag nehmen konnten?

Wir waren überzeugt, dass er schon zum ersten Trainingslager kommen kann. Das war keine glückliche Konstellation, dass er die Vorbereitung verpasst hat. Aber er war es wert, diese Geduld aufzubringen. Selbst unter diesen schwierigen Umständen hat er das bislang sehr gut gemacht. Selbst in Mailand, als er in einer Mannschaft gespielt hat, die dann wirklich nicht gut aussah. Wesley muss sich noch an den Rhythmus der Bundesliga gewöhnen, sich manchmal früher vom Ball trennen. Aber er ist schon jetzt eine große Bereicherung für unsere Mannschaft und unser Spiel.

Neben den sportlichen Fragen ist das Weserstadion ein großes Thema. Läuft der Umbau nach Plan?

Wir denken, dass wir im März das fertige Weserstadion präsentieren können.

Der Gästeblock in der Westtribüne stand in den vergangenen Wochen sehr in der Kritik. Denken Sie über Änderungen nach? Über eine Verlegung gar?

Auch in anderen Stadien sind die Gästefans im Oberrang. Zum Beispiel in München, auch auf Schalke. Ein Umbau ist immer etwas anderes als ein kompletter Neubau. Nicht veränderbare Gegebenheiten müssen berücksichtigt werden. Wir haben den Anspruch, dass alle unsere Zuschauer einen komfortablen und sicheren Platz haben. Nach einigen Korrekturen werden wir dieses Ziel auch im Fanbereich West erreichen. In der Zwischenzeit erlebt man Dinge, auf die man so nur schwer kommen kann.

Welche meinen Sie?

Wenn dann wie im Genua-Spiel die Leute plötzlich auf dem Vordach stehen. Oder wenn Getränkebecher geschmissen werden, deren Inhalt man nicht genau kennt. Jetzt kann man sagen, wir ziehen die Zäune noch höher. Wenn die Menschen dort nur singen und sich freuen würden, dann bräuchten wir gar keine Zäune. Am Ende ist es immer davon abhängig, wie die Menschen sich verhalten. Auch die Vorkommnisse nach dem HSV-Spiel sind ja nicht auf bauliche Gegebenheiten zurückzuführen.

Viele Gästefans fühlen sich stigmatisiert. Sie beschweren sich, dass sie für viel Geld durch einen Zaun gucken müssen.

Ich verstehe das. Unser Ziel ist es, eine hohe Sicherheit mit möglichst wenig Zäunen zu erreichen. Nach den schon erwähnten geplanten Korrekturen wird dieses Problem in dieser Form nicht mehr bestehen.

Wir würden gern mit einer Frage zum Sport abschließen. Sie haben gesagt, am Ende stehen die Bayern doch wieder oben? Wo wird Werder stehen?

Auch oben.

Lesen Sie hierden ersten Teil des Interviews.

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