Ex-Werder-Profi Dietmar Beiersdorfer

Von Hamburg zu Red Bull und zurück

Bremen. In Hamburg und Salzburg hat er die Zügel in der Hand gehabt, aktuell macht Dietmar Beiersdorfer eine Pause vom Fußball. Er kümmert sich um die Familie und das türkische Restaurant in Hamburgs Schanzenviertel.
16.11.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Heinz Fricke
Von Hamburg zu Red Bull und zurück

Dietmar Beiersdorfer: Nach seiner Zeit als Sportdirektor beim Hamburger SV und Red Bull Leipzig nahm sich der Ex-Bremer eine Auszeit vom Fußball. Er lebt im Hamburger Schanzenviertel.

dpa

Bremen. Als Treffpunkt schlägt er ein malerisches Straßencafé im Schanzenviertel vor, jenem Stadtteil Hamburgs, in dem Alternative alljährlich für Schlagzeilen sorgen, der aber auch zunehmend angesagt ist als Wohnquartier für Besserverdienende. Der Treffpunkt ist kein Zufall: Dietmar Beiersdorfer wohnt gleich um die Ecke, sozusagen in einem Drei-Parteien-Haus, das zur Szene passt: Die 19-jährige Tochter aus seiner ersten Ehe residiert ganz unten, im ersten Stock wohnen die türkischen Schwiegereltern, oben Dietmar Beiersdorfer mit Ehefrau Olcay und der zweijährigen Tochter.

Dietmar Beiersdorfer, mittlerweile 47 Jahre alt, der von 1992 bis 1995 auch das Werder-Trikot trug, ist wieder angekommen in der Stadt, in der er ein Prominenter war und auch immer noch ist: "Wollen Sie nicht wieder dem HSV helfen?", wird er schon mal auf der Straße gefragt und natürlich: "Wie geht es Ihnen denn jetzt?" Es geht ihm gut. Obwohl er zum ersten Mal seit vielen Jahren nichts mehr mit dem Fußball zu tun hat. In diesen Tagen interessiert ihn ein ganz anderes Geschäftsfeld: Gemeinsam mit Schwiegereltern und Ehefrau hat Beiersdorfer das in Hamburg seit 20 Jahren bekannte "Kebab" nach umfangreichen Umbauarbeiten wieder eröffnet - ein türkisches Lokal fast in der Mitte zwischen Kietz und Schanzenviertel gelegen. "Meine Schwiegereltern haben einschlägige Erfahrungen in der Branche, ich denke, das funktioniert."

Hohe Mobilität

Es ist mal ein gutes halbes Jahr her, da hat Dietmar Beiersdorfer noch ein weit größeres Rad gedreht. Er durfte sich "Generalbevollmächtigter Fußball" des österreichischen Red-Bull-Konzerns nennen. Sportdirektor des Erstligisten Red Bull Salzburg war er auch noch. Es war ein Job, vergleichbar dem eines international agierenden Top-Managers, und so durfte sich "Didi" Beiersdorfer auch fühlen. "Ich bin in einem Jahr auf rund 350000 Flugmeilen gekommen", erinnert er sich. Die Mobilität war notwendig, denn die Fußball-Ambitionen von Red Bull waren weltumfassend. Dietrich Mateschitz, mehrfacher Milliardär vor allem dank des koffeinhaltigen Brausegetränks Red Bull, mischt nicht nur in der Formel 1 ganz oben mit, er will auch im Fußball weltweit Weichen stellen. So hat Mateschitz Projekte in Südamerika, Südafrika, Nordamerika und mit Red Bull Leipzig auch in Europa angeschoben, Dietmar Beiersdorfer sollte alles koordinieren und managen.

An den Job gekommen war der ehemalige Bundesliga-Profi durch Trainer Huub Stevens, beide kannten sich aus gemeinsamen Hamburger Zeiten. Dann wechselte der Holländer zu Red Bull Salzburg. Als ihm Konzern-Chef Mateschitz erzählte, welche weltweiten Pläne er noch im Fußball habe, empfahl ihm Stevens: "Beiersdorfer könnte das managen." Das erste Gespräch zwischen Mateschitz und dem gerade beim Hamburger SV zurückgetretenen Beiersdorfer dauerte rund fünf Stunden, dann war man sich einig. Und der neue Generalbevollmächtigte Fußball war beeindruckt "Er hat mir imponiert mit seinen Visionen und seiner Entscheidungsfreude", sagt er noch heute.

Doch Erfolg ist nun einmal das beste Schmiermittel einer guten Zusammenarbeit, und der ließ zu wünschen übrig. Red Bull Salzburg wurde Meister, scheiterte aber in der Champions-League-Qualifikation. Auch beim Viertligisten RB Leipzig, vorgesehen und finanziert für den Durchmarsch bis in die Bundesliga, lief nicht alles nach Wunsch. Der Bruch kam, als Beiersdorfer erfuhr, dass Mateschitz den früheren österreichischen Nationalstürmer Peter Pacult als neuen Trainer für RB Leipzig vorgesehen hatte, ohne seinen Fußballchef in die Entscheidung einzubeziehen. "Wie auch immer die Entscheidung ausgefallen wäre, die sportliche Expertise war nicht mehr gefragt. Also musste man sich trennen", erzählt Beiersdorfer emotionslos.

Also zogen die Beiersdorfers wieder von Salzburg an die Elbe zurück. Das Haus in Winterhude war inzwischen vermietet, also entschied man sich für eine Unterkunft der etwas anderer Art - siehe oben. Wie geht es weiter? "Ich kümmere mich aktuell, allerdings nur gestalterisch, um das Mr. Kebab", grinst Beiersdorfer, doch das ist nicht alles. In diesen Tagen fliegt er nach New York "Frank Rost besuchen", sagt er. Doch tatsächlich geht es auch um geschäftliche Aktivitäten des Mannes, der mit dem Hamburger SV jahrelang bessere Zeiten als die aktuellen erlebte.

Von 2002 bis 2009 war er Manager des HSV, was ihn kurioserweise wohl eine akademische Ehre kostete. Denn in seinem Schreibtisch liegen noch die 100 Seiten einer angefangenen Doktorarbeit, die der Fußballprofi mit BWL-Examen eigentlich in Hamburg beenden wollte. Dort studierte er, in Bremen arbeitete er nach dem Ende seiner Profikarriere zwei Jahre lang in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Doch dann kam das Angebot aus Hamburg, und die Doktorarbeit wanderte erst einmal in den Schreibtisch, und dort wird sie wohl auch verstauben. "Obwohl ich neulich mal wieder reingeschaut habe. Aber das Thema ist durch", erzählt Beiersdorfer.

In Hamburg schrieb er sieben Jahre lang eine sehr erfolgreiche HSV-Geschichte mit. Ein Platz im oberen Drittel und internationaler Fußball waren die Regel, 2006 schaffte der HSV auch die Champions League, obwohl die Bremer den Hamburgern die direkte Qualifikation noch in letzter Sekunde vermasselten. "Weil Ailton für den HSV den Ball aus sechs Metern am fast leeren Werder-Tor vorbeigeschoben hat", weiß er noch. Schlagzeilen machte er in jenen Jahren auch durch zahlreiche Transfers, die den HSV plötzlich in Geld schwimmen ließen. Für Boulahrouz, van der Vaart, van Boyten, Kompany und de Jong erlöste der Hamburger SV insgesamt rund 60 Millionen Euro - der Boulevard erfand einen neuen Spitznamen für den Manager: "Dukaten-Didi". Doch 2009 trennten sich die Wege des erfolgreichen Managers, der auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender war. Auslösender Faktor: Das immer problematischer gewordene Verhältnis zum inzwischen abgesetzten Vorstandschef Bernd Hoffmann. "Es ging nicht mehr. Ich bin zum Aufsichtsrat gegangen und habe ihm gesagt, dass der Verein sich spalten wird", sagt Beiersdorfer. Doch Hoffmann blieb, Beiersdorfer zog die Konsequenzen und kündigte.

Ist nun Schluss mit Fußball, liegt die berufliche Zukunft in einem türkischen Imbissladen? Eher nicht. In diesem Jahr lehnte er schon zwei Angebote als Manager von Bundesliga-Vereinen ab, "es passte nicht, ich war noch bei Red Bull", sagt er. Doch er ist überzeugt, dass es irgendwann wieder passen wird: "Erst wenn fünf Klubs einen Manager suchen und mich fragt keiner mehr, dann könnte ich nachdenklich werden", grinst er. Es wird wohl kaum dazu kommen.

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