Der Vergleich vor dem Derby Was Werder Bremen dem HSV voraus hat

Bremen. Der HSV hat zwar von vielem ein bisschen mehr als Werder, aber in zwei zentralen Punkten eben nicht. Er hat keine gute Machtstruktur und er bekommt keine Konstanz hin. Das ist bei Werder Bremen ganz anders - und das macht auch den Erfolg aus.
06.05.2010, 10:00
Lesedauer: 3 Min
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Was Werder Bremen dem HSV voraus hat
Von Olaf Dorow

Bremen. Am Dienstag hatten Marko Marin und Oliver Neuville telefoniert. Seitdem ist sich Marin sicher. "Ich bin sicher", sagte der Werder-Angreifer am Mittwoch, "dass der Olli in seinem letzten Spiel noch einmal knipst." Kann also nichts mehr schief gehen, eigentlich.

Neuville wird laut Marin am Sonnabend dann also noch ein letztes Mal für Mönchengladbach stürmen. Wird ein Tor schießen, und wird damit Bayer Leverkusen endgültig den Platz drei wegschießen, der für die Champions League notwendig wäre. Werder liegt in der Tabelle zwei Punkte und vier Tore vor Bayer. Werder liegt auf dem Platz, der die große Chance ermöglicht, demnächst 15 Millionen Euro von der UEFA zu bekommen. Mindestens.

Und was wird aus dem HSV?

Der HSV hat im Unterschied zu Werder a) keine Chance mehr auf die Champions League, muss b) für die Europa League unbedingt gewinnen am Sonnabend gegen Werder, muss c) gleichzeitig auf eine Stuttgarter Niederlage in Hoffenheim hoffen. Sonst wird das nichts mit Europa. Wie konnte es dazu kommen, und vor allem: Wie konnte es schon dazu kommen? Der HSV hat mehr Sponsoren, mehr Mitglieder, mehr Zuschauer, mehr Umsatz - und seit 23 Jahren keinen Titel mehr geholt. Werder holte in der Zwischenzeit neun Titel. Am 15. Mai winkt im Pokalfinale der zehnte. Werder spielte seitdem (Vorgänger-Wettbewerb mitgerechnet) siebenmal Champions League und hat die achte Qualifikation vor Augen. Der HSV schaffte zweimal den Sprung in die Superklasse. Nur zweimal.

Warum ist das so?

Man kann leider im Fußball, über den so gern, so viel und so klug geredet wird, nicht alles schlüssig erklären. Fußball ist, auch wenn Millionen von Experten dagegen ankämpfen, eine Anti-Erklär-Sportart. Aber man kann anmerken. Die vielleicht wichtigste Anmerkung in einem Werder-HSV-Vergleich ist: eine Phrase. Zu viele Köche verderben den Brei - so lautet die Phrase.

Der HSV hat zwar von vielem ein bisschen mehr als Werder, aber in zwei zentralen Punkten eben nicht. Er hat keine gute Machtstruktur, weswegen er auch keinen starken Trainer hat. Es gibt viele Interessenlagen, es gibt Seilschaften. Es gibt haufenweise Schlagzeilen. Werder ist, anders als das Klischee vorgaukelt, keine heile Welt. Zwietracht, Eitelkeiten, Neid, Affären, alles zu haben hier. Aber Werder geht oft gestärkt daraus hervor, wie aus einer fußballlerischen Krise. Im Kerngeschäft, im Fußball also, gibt es keine Zwietracht. Thomas Schaaf und Klaus Allofs sind keine Grill-Freunde. Sie sind aber perfekte Fußball-Partner. In Hamburg wirken die Intrigen, Eifersüchteleien und Affären eher selbstzerstörerisch.

Zweitens: Der HSV bekommt keine Konstanz hin. Damit muss noch nicht mal gemeint sein, dass Werder in den vergangenen Jahren mit einem einzigen Trainer auskam, während Hamburg flatterhaft sieben Fußballlehrer verschliss und gerade nach dem achten fahndet. Eine Idee, wie man Fußball spielen will, was man damit wie erreichen will, muss sich ja nicht gleich in Luft auslösen, bloß weil der Trainer wechselt. In Bremen gibt es seit 1999 den Trainer Thomas Schaaf und die Idee von schnellem Offensivfußball. Es gibt die Idee von jungen deutschen Nationalspielern und solchen, die es mal werden wollen.

In Hamburg wechselten die Ideen fast so oft wie die Trainer.

Dabei hatte sich Hamburg selbst eine Figur erschaffen, die dort eine ähnlich stabile und erfolgversprechende Struktur hinbekam wie in Bremen. Die Figur wuchs, fußballerisch gesehen, in Hamburg auf und spielte vier Jahre lang in Bremen. Dietmar Beiersdorfer wurde ein in der Szene anerkannter Sportdirektor, er feierte große Transfererfolge, und im Frühling des vergangenen Jahres erblühte der Hamburger Sportverein so schön wie die Magnolien. Man träumte von drei Titeln.

Dass es nicht klappte, dass in drei von drei Wettbewerben Werder Bremen im Weg stand, lag nicht an schlechter Struktur. Es war einfach tragisch. Es lag am Elfmeterpech, ein ganz klein bisschen auch an einer Papierkugel, und am Ende war der HSV einfach müde und platt. Erst dann begann wieder jene verhängnisvolle Selbstzerstörung.

Es passte nicht mehr zwischen Beiersdorfer und Vorstandsboss Bernd Hoffmann, einem Machtmenschen ohne fußballerische Meriten, es passte nicht mehr zwischen Beiersdorfer und dem gemütlich Trainer Martin Jol. Jol ging, Beierdorfer ist jetzt Sportlicher Leiter der Getränkemarke Red Bull statt des Bundesligisten HSV. Der neue Trainer Bruno Labbadia, ein Anfänger im Trainergeschäft, musste ohne Sportdirektor auskommen, stritt sich mit Spielern, alles stand in den Zeitungen, der Ruf litt, Labbadia ging, der HSV verpasste seine Ziele.

Womöglich verpasst er selbst das Minimalziel Europa League. Werder-Angreifer Marko Marin will schließlich nicht ausschließlich auf das Schussglück seines Gladbacher Kumpels Oliver Neuville vertrauen. "Gegen den HSV, da sollten wir schon gewinnen", sagt er.

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