Interview mit St. Paulis Sportdirektor Schulte Werder bleibt ein Vorbild

Bremen. Werder Bremen bleibt trotz der sportlichen Misere in dieser Saison das erklärte Vorbild des FC St. Pauli. Das sagt Pauli-Sportdirektor Helmut Schulte im Interview mit dem WESER-KURIER. Am Sonnabend empfängt der Hamburger Klub Werder am Millerntor.
20.04.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremen. Am Sonnabend, spätestens am Sonnabend, beginnt die heiße Phase des Abstiegskampfes. Verliert der FC St. Pauli, ist wohl nichts mehr zu machen. Gegner am Millerntor: Werder Bremen, selbst noch nicht endgültig gerettet. Olaf Dorow telefonierte am Dienstag mit Paulis Sportdirektor Helmut Schulte.

Neulich im Doppelpass nannten Sie Ihren Klub konservativ. Wir dachten immer, St. Pauli sei Partisanenkampf auf dem Platz und "Hells bells" aus dem Lautsprecher...

Schulte: Ja, wir haben den Totenkopf, sind der etwas andere Verein und trotzdem konservativ. Das ist in der Tat schwer aufzulösen.

Lösen Sie es doch bitte trotzdem mal auf!

Wir sind sehr konservativ, was den Fußballbetrieb betrifft. Wir sind sehr für das ,financial fairplay?. Jeder Klub sollte nur das sein, was er aus eigener Kraft schaffen kann. Wir sind dagegen, dass Klubs künstlich beatmet werden.

Und was das eigentliche Spiel angeht?

Da sind wir dafür, dass das Spiel ein Spiel bleibt. Dass es von all dem Vermarktungsfirlefanz, so weit es geht, frei gehalten wird. Es soll kein Business werden. Das soll sich schon einmal dadurch äußern, dass am Millerntor der Gegner nicht der Feind ist, sondern der Gast. Deswegen wird zum Beispiel das Fanlied des Gegners gespielt. Wir möchten zu einem Vergleichskampf einladen, es soll keine Schlacht um Leben und Tod sein.

Da passt ein zu Boden gehender Schiedsrichter, den ein Bierbecher eines Pauli-Fans am Kopf getroffen hat, allerdings nicht so ins Bild.

Nein, aber das ist ja auch von keinem von uns gewollt. Wir sind nicht auf der Insel der Glückseligen. Wir wissen auch, dass wir ab und zu mal schwarze Schafe in unserem Stadion haben. Das kann man genauso wenig verhindern wie man Verbrechen verhindern kann, solange Menschen auf unserer Erde sind.

Vor der Saison haben Sie Werder Bremen als Vorbild für Ihren Klub bezeichnet. Gilt das immer noch? Trotz Werders sportlichem Niedergang?

Natürlich. Werder ist immer noch ein Vorbild. Das ist völlig unabhängig von kurz- bis mittelfristigen Erfolgen. Es geht doch darum, wie man die Dinge grundsätzlich anpackt. Welche Philosophie man im Umgang miteinander hat. Im Sport kann man mal wenig erfolgreich sein, kann man auch mal gar nicht erfolgreich sein, das darf nicht den Blick vernebeln.

Worauf?

Wenn man Erfolg hat, ist nicht zwangsläufig alles richtig, was man macht. Wenn man Misserfolg hat, ist nicht zwangsläufig alles falsch. Das stimmt nicht. Mit Dingen hanseatisch unaufgeregt umzugehen, aber trotzdem professionell, das ist für mich so ein Orientierungspunkt. Das hat Werder lange Jahre super hingekriegt.

Weil Werder zum Beispiel immer am Trainer festhält?

Es wird ja derzeit der Eindruck erweckt: Je mehr Personal man durch die Gegend fliegen lässt, umso erfolgreicher ist man. Das Gegenteil ist richtig, das weiß ich. Den größten Erfolg bringt die Langfristigkeit. Das ist meine Überzeugung. Ab und zu wird man jedoch zum Handeln gezwungen. So wie wir jetzt.

Ihr Langzeittrainer Holger Stanislawski verlässt St. Pauli. War der Zeitpunkt der Bekanntgabe gar nicht so schlimm - sondern sogar eine Art Doping für den Abstiegskampf?

Na ja, das kann man sich zurechtlegen, wie man das halt braucht. Es gibt da eigentlich nie einen richtigen Zeitpunkt, weder am Anfang, noch in der Mitte noch am Ende der Saison. Für uns ist es wahrscheinlich gut, dass die Katze jetzt aus dem Sack ist. Dieser Schwebezustand war ungünstig. Jedem ist die Wahrheit zuzumuten, mit der Wahrheit kann jeder Mensch leben.

Wie ist Ihr Eindruck? Wie leben denn Ihre Spieler mit der Wahrheit, dass Ihr Trainer nach Hoffenheim geht?

Natürlich waren die Jungs traurig, weil eine Ära zu Ende geht, das ist doch klar. Viele haben fünf Jahre lang mit ,Stani? als Trainer zusammengearbeitet. Aber letztlich waren sie auch froh, dass endlich Klarheit herrscht. An ihrem Verhältnis zu ,Stani? ändert sich dadurch sowieso nichts.

Ist es mit Blick auf Sonnabend eigentlich ein Vorteil, erfahren zu sein im Abstiegskampf? Oder wird das von uns Reportern überbewertet?

Eine schöne Spekulation. Die Teams, die sonst nicht im Abstiegskampf stehen, verfügen doch über unheimlich viel Qualität. Mannschaften, die von vornherein um jeden Punkt kämpfen müssen, tun sich da unten vielleicht etwas einfacher. Aber es bleiben eben auch Mannschaften, die von Natur aus weniger Qualität haben. Am Ende gibt's eine Tabelle. Und dann steht da drin, wer in dieser Saison wie gut gespielt hat.

Hat es Sie überrascht, dass Werder in der Tabelle unten aufgetaucht ist?

Werder Bremen hat innerhalb von zwei Jahren Diego, Özil und - wenn man so will - Naldo verloren. Drei wirklich wunderbare Spieler. Das ist wirklich schwierig aufzufangen. Und dann mussten sie die ganze Zeit auch noch Pizarro ersetzen. Da hätte sich jeder schwergetan. Da gibt's dann viel zu wenig Geduld. Das kann man nicht mal eben so kurz aus der Hand schütteln.

Sie konnten den DFB umstimmen und haben jetzt doch kein Geisterspiel gegen Werder. Da könnten jetzt manche denken: Das Wichtigste in der Spielvorbereitung ist schon mal geschafft?

Das Spiel ist dadurch keinen Deut leichter geworden. Da sind elf gegen elf, es geht um viel: Es geht um den Klassenerhalt.Wer daraus einen Konzentrationsverlust ableitet, dass wir jetzt doch Zuschauer haben, der hat das Spiel nicht so ganz professionell verstanden.

Es wird doch aber einen Unterschied ausmachen, ob Ihre Fans da sind oder nicht?

Das ist für uns gefühlt natürlich ein Vorteil. Es ändert aber nichts daran, dass wir elf gegen elf spielen. Dass wir am Millerntor lieber mit als ohne Zuschauer spielen, ist doch vollkommen klar. Und ich denke, das geht den Bremern auch so. An so einer Katastrophen-Atmosphäre hat doch keiner Spaß.

Wird es am Sonnabend ein Spaß mit Bierbechern für die Fans?

Es wird Bierbecher geben. Und es werden hoffentlich hundert Prozent der Zuschauer vernünftig sein.

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