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Rouven Schröder im Interview
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Schröder: "Das war praktisch ein Notfall"

10.09.2015 0 Kommentare

Werder Bremens Kaderplaner Rouven Schröder spricht im Interview unter anderem über taktische Lügen im Pizarro-Deal und den Stress des Transfersommers.

GER, 1.FBL, Training Werder Bremen 12.08.2015
Rouven Schröder. (nph / Frisch, nordphoto)

Herr Schröder, wie hoch ist eigentlich Ihre Telefonrechnung?

Rouven Schröder: Tatsächlich sehr hoch. Wir bekommen ja monatlich unsere Abrechnungen. Aber noch hat der Klub keine Konsequenzen gezogen (lacht).

In den Transfermonaten hängt man nur am Telefon?

Das ist nun mal das Hauptgerät in der Transferzeit. Außer, wenn man schläft, schaut man ständig drauf. Es wird ja auch immer vielschichtiger: E-Mails, SMS, WhatsApp. Immer erreichbar. Da gibt’s dann zu Hause auch schon mal Kritik. In der wenigen Zeit, in der ich daheim bin, schaue ich dann trotzdem aufs Handy.

Weil Sie einfach nicht aufhören können? Berufskrankheit sozusagen?

Man denkt dann erst: Nee, das musst du jetzt nicht machen. Aber das stimmt nicht. Das muss ich dann doch machen. Ich muss auch auf die Dinge abseits von Werder achten. Um genügend Informationen zu haben. Um wiederum die Dinge bei Werder richtig anzugehen. Ab- oder Zugänge bei anderen Vereinen können ja Auswirkungen auf uns haben. Je eher wir eine Information haben, je eher können wir reagieren.

Wie schwer fällt es da, sich nicht zu verheddern?

Man entwickelt ein Gefühl dafür, wann man wen zurückrufen muss. Welchen Kontakt man weiter pflegen sollte, obwohl aktuell nichts ansteht. Man muss lernen, das zu filtern. Sonst kommt man gar nicht mehr zum Schlafen.

Wie schlafen Sie denn in solchen Hochphasen des Transfermarkts?

Von der Stundenanzahl weniger als sonst. Aber zum Glück habe ich die Gabe, dass ich trotz des Stresses immer sehr gut schlafen kann. Auch wenn es gerade schlecht läuft: Ich kann trotzdem gut einschlafen.

Sie erleben das gar nicht als Stress?

Doch, schon. Aber ich kann sozusagen den Schalter umlegen. Ich kann mir sagen, dass ich diese paar Stunden Ruhe jetzt auch brauche. Das funktioniert. Danach geht’s weiter mit neuer Energie. Dann kann ich mich pushen und sagen: Dranbleiben, dranbleiben an einem Transfer. Eine Absage? Egal, dranbleiben. Vielleicht kriegen wir in einem halben Jahr keine Absage.

Heute schon an morgen denken?

Vielleicht wird sich der Spieler oder der Agent in einem halben Jahr denken: Die Bremer, die sind aber drangeblieben. Das kann uns dann helfen.

Wie war das bei Claudio Pizarro? Mussten Sie da gar nicht dranbleiben? Weil er das Werder-Gen sowieso in sich trägt?

Das mit Claudio, das ist eine ganz spezielle Komponente. Man sieht es ja, was er hier auslöst. Da kommt vieles zusammen. Er ist so erfolgreich, er ist ein unfassbar guter Stürmer. Und er trägt nun zum dritten Mal unser Werder-Trikot. Wenn er die Kabine betritt, sieht man sofort, was er für eine Aura hat. Das saugen die jungen Leute auf. Er wird unser Team besser machen und seine langjährige Erfahrung einbringen.

Öffentlich haben Sie über Monate gesagt, dass Pizarro kein Thema ist.

Man kann natürlich sagen: Der Verein war da nicht ehrlich. Aber wir müssen eben auch einschätzen, was eine Aussage für eine Wirkung haben kann.

Wenn Sie von Anfang an gesagt hätten, der passt hier super ...

... und das wäre genau der Baustein, der uns noch fehlt, dann wäre das für die Journalisten top. Aber wir hätten dann genau den Dampf in einer Angelegenheit, den wir nicht haben wollen.

Was wäre so schlimm daran?

Wir haben eine Vorbereitung absolviert und neue Spieler verpflichtet. Wir haben uns für sie zu hundert Prozent entschieden. Sie haben sich für uns entschieden. Das ist auch eine Frage der Ehre. Da kann es ja nicht sein, dass fünf Wochen lang nur über Claudio Pizarro geredet wird. Dass er eventuell kommt. Oder eventuell nicht kommt. Das finden wir gegenüber den neuen Spielern nicht passend. Das wäre einfach nicht gut gewesen.

Mussten Sie die Bemühungen um Pizarro nicht nur vor den Reportern, sondern auch vor Ihren Spielern verheimlichen?

Das sollte kein Thema sein in der Kabine. Der Kader soll sich auf sich selber konzentrieren. Man hätte sonst das Risiko, dass da wochenlang ein Name herumschwirrt, und am Ende sagt der Spieler aber: Ach, ich gehe doch lieber in die MLS (amerikanische Profiliga, d. Red.). So war es in der Abwicklung einfach besser.

Sie mussten aber immer aufpassen, sich nicht zu verplappern?

Als Manager und auf Trainersuche in Fürth, da hatte ich mal eine Äußerung über Lothar Matthäus gemacht. Ich habe gesagt, dass ja immer sein Name fällt, wenn ein Trainerposten neu zu besetzen ist. Was das für eine Wirkung hatte, was man aus dieser Aussage alles machen und wie man sie auch verdrehen kann, wie ich das immer wieder aufs Butterbrot geschmiert bekommen habe, das fand ich schon enorm. Man muss sich also fragen: Mit welcher Äußerung setze ich welches Zeichen?

Sie leben lieber damit, dass der Reporter irgendwann sagt: Na, bei Pizarro, da haben Sie anfangs aber geschwindelt?

Vielleicht könnte man es als Notlüge bezeichnen. Ich bin, hoffe ich, ordentlich und nicht zum Lügen erzogen worden (lacht). Man versucht da, ein bisschen um die Ecke zu reden. Aber Sie können sich drauf verlassen, dass es nicht die Regel bei uns ist und im Fall Pizarro praktisch ein Notfall war. Wenn wir da nur einen Funken drangelassen hätten, dann hätten wir auch unserer Mannschaft das Gefühl gegeben: Ganz ehrlich, so ganz zufrieden sind wir mit euch nicht.

Wie gefällt Ihnen der Kader, den Sie in diesem Sommer aufgestellt haben?

Man soll ja immer nach Besserem streben. Aber grundsätzlich können wir zufrieden sein. Der Kader ist sehr ausgewogen, wir haben die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die wir hatten, auch ausgereizt. Wir haben nicht die Möglichkeiten von Bayern München und sagen ganz bewusst: Ja, wir haben unsere Wunschspieler bekommen. Das eine oder andere Leihgeschäft hätten wir ganz gern mehr hinbekommen. Doch wenn junge Leute wie Aycicek, Sternberg oder Hüsing sich bewusst für unseren Weg entscheiden und um ihren Platz kämpfen wollen, ist das gut und aller Ehren wert.

Herr Schröder, für Werders Weg stehen vor allem Sportchef Thomas Eichin und Cheftrainer Viktor Skripnik. Sie als Kaderentwickler hängen irgendwie dazwischen. Wie läuft die Zusammenarbeit?

Das ist eine fruchtbare Zusammenarbeit. Wir ergänzen uns sehr gut. Jeder hat in seinem Bereich seine Kontakte, um am Ende einen Strich drunter zu machen und das Beste herauszuholen. Thomas Eichin ist dabei als Geschäftsführer Sport der Hauptverantwortliche. Er hat am Ende die Entscheidung. Aber unabhängig davon: Wir müssen einen guten Job machen für Werder Bremen. Wir haben nichts davon zu sagen: Der hat aber sieben Gespräche geführt, der nur drei, der das wichtigste und so weiter.

Teilen Sie sich die Transfers auf?

Es hat, wie gesagt, jeder seine Kontakte. Am wichtigsten ist aber die ständige Abstimmung untereinander. So ein Transfer soll ja sitzen. Wenn dann einer sagt: Das Auto ist blau, und der andere: Das Auto ist aber grün, dann hätten wir natürlich ein Problem. Das ständige Updaten ist sehr wichtig. Wir müssen schnell sein, wenn wir von einem Spieler überzeugt sind. Wer am Ende den Hörer abhebt und anruft, ist nicht so entscheidend.

Rouven Schröder wurde am 18. Oktober 1975 in Arnsberg geboren. In der Jugend spielte er für den SV Arnsberg und den SC Neheim-Hü
2001 rückte er in den Profikader des VfL Bochum auf. Die weiteren Stationen der Profi-Karriere des Verteidigers hießen MSV Duisburg und VfB Lübeck.
Ingesamt absolvierte Schröder acht Bundesliga-, sieben DFB-Pokal- und 48 Zweitliga-Spiele für diese drei Klubs.
Im Januar 2011 beendete Schröder seine Karriere im Alter von 35 Jahren beim unterklassigen Klub NTSV Strand 08 endgültig.
Fotostrecke: Das ist Ex-Werder-Sportdirektor Rouven Schröder

Mit Ihrer Rolle hinter und neben Thomas Eichin konnten zunächst viele nicht viel anfangen. Fühlen Sie sich inzwischen besser wahrgenommen?

Die Transfers sind die Transfers des SV Werder, und Thomas Eichin ist der Geschäftsführer. Die Rangordnung ist klar und für mich kein Problem.

Aber wir sind doch alle eitel. Wenn es heißt, das ist Eichins Transfer, obwohl Sie für diesen Spieler viermal ins Ausland gefahren sind ...

... das ist der Job. Und den versuche ich jeden Tag bestmöglich für den SV Werder zu machen. Ab und zu werde ich ja auch mal gefragt (lacht). Die Aufmerksamkeit ist da schon gewachsen. Denken Sie mal dran, dass im letzten Jahr auch noch Frank Baumann dabei war. Da war es für die Außenwelt noch schwieriger, da durchzusteigen, wer was macht. Frank war der Uneitelste von uns allen. Der hat über Jahre sehr gute Arbeit gemacht. Wenn aber ein Fotograf kam, hat er sich am liebsten hinterm Kronleuchter versteckt, damit er ja nicht aufs Bild kommt. Ich kann von mir sagen: ich komme mit meiner Rolle hier gut klar.

Und jetzt bimmelt auch das Handy nicht mehr so oft? Weil das Transferfenster zu und Ihr Job erst mal erledigt ist?

Das Transferende haben wir uns alle tatsächlich herbeigesehnt. Man ist wochenlang in so einer Schiene drin: Was können wir noch machen? Was müssen wir noch machen? Kader zu groß? Kader zu klein? Oh Gott, ein Spieler geht weg! Zum Glück gibt’s diese Deadline. Ich freue mich darauf, demnächst wieder mehr unseren Kader zu beobachten, Spiele live zu gucken, Informationen zu sammeln. Trotzdem rufen in der heißen Phase noch Spezialisten unter den Agenten an und sagen: Herr Schröder, wir müssen mal einen Termin machen für die kommende Transferphase im Winter 15/16!

Was sagen Sie dem dann?

Den darf man dann auch mal beschimpfen (lacht). Spaß, aber man denkt sich natürlich seinen Teil und verweist den Agenten bestimmend auf einen späteren Zeitpunkt.

Das Gespräch führte Olaf Dorow


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